Sie verwenden eine veraltete Browserversion. Bitte verwenden Sie eine unterstütze Versiondamit Sie MSN optimal nutzen können.

Iran - Attentat auf Atomwissenschaftler: Die Spur führt zum Mossad

DER SPIEGEL-Logo DER SPIEGEL 30.11.2020 Raniah Salloum

Iran macht Israel verantwortlich für die Ermordung seines Atomprogrammchefs. Tatsächlich spricht vieles dafür, dass Jerusalem hinter der Tat steckt. Noch völlig unklar: Was wusste Donald Trump?

© Uncredited / dpa

Am Freitag, es war Wochenende in Iran, wollte Mohsen Fakhrizadeh mit seiner Frau die Schwiegereltern besuchen. Er war in seinem schwarzen Nissan unterwegs, auf dem Weg zur Villa der Verwandtschaft in der Kleinstadt Absard, rund 60 Kilometer östlich von Teheran, so berichten es iranische Medien.

Hinter ihm fuhren seine Bodyguards. Vor ihnen an der Straße parkte ein leerer Nissan. Auf der anderen Straßenseite wartete mit etwas Abstand ein Hyundai mit vier Personen. Fahrizadehs Mörder wollten wohl dort die Schlinge um ihn zuziehen.

»Es war wie im Film«, schreibt Javad Mogouyi, ein Dokumentarfilmer der iranischen Revolutionswächter in sozialen Medien. Mogouyi zufolge war im leeren Nissan ein automatisches Maschinengewehr installiert. Es feuerte, als Fahrizadehs Wagen sich näherte.

Fahrizadehs Kolonne stoppte, der Wissenschaftler sei ausgestiegen und in Arme und Beine getroffen worden, schreibt Mogouyi. Plötzlich sei der leere Nissan per Fernzündung gesprengt worden.

Sofort eröffneten die vier wartenden Männer im Hyundai das Feuer auf Fahrizadeh und seine Bodyguards. Zudem schossen acht weitere Männer, die auf vier Motorrädern plötzlich auftauchten, insgesamt also zwölf Schützen. Fahrizadeh wurde mehrfach getroffen und verstarb kurz darauf im Krankenhaus. Seine Frau überlebte verletzt.

»Ein Zwölf-Personen-Hit-Team braucht mindestens 50 Leute«

Die Ermordung Fahrizadehs bedeutet einen schweren Schlag für das iranische Regime. Nicht nur verliert es den Chef seines Atomprogramms, es wurde auch geradezu vorgeführt: Alle zwölf Schützen konnten entkommen, und bisher gibt es wenig brauchbare Spuren zu ihnen.

Der leere Nissan soll auf einen Besitzer zugelassen sei, der längst nicht mehr in Iran lebt; sichergestellte Waffenteile seien israelischer Bauart gewesen, heißt es in iranischen Medien. Zudem sollen die Kameras der Straße zur Tatzeit nicht funktioniert haben.

»Ein Zwölf-Personen-Hit-Team braucht mindestens 50 Leute«, mutmaßt der Revolutionswächter Javad Mogouyi über mögliche Hintermänner. Wie könne es sein, dass eine solch große Gruppe unentdeckt in Irans Hauptstadt operiere und noch dazu genau die Familienwochenendplanung von Irans wichtigstem Atomwissenschaftler kenne?

Das iranische Regime macht für die Tat Israel verantwortlich. Und tatsächlich sprechen einige Hinweise dafür.

  • Motiv: Israels Premierminister Benjamin Netanyahu hatte bereits 2018 angekündigt, dass man sich den Namen Fakhrizadeh merken solle – eine wenig kaschierte Drohung. Von der Tat profitiert Netanyahus Regierung am meisten: Zwar dürfte Irans atomares Forschungsprogramm nur wenig beeinträchtigt werden. Doch Teheran ist nun blamiert und verunsichert – wie sehr ist sein innerster Apparat von Spionen durchdrungen?

  • Fähigkeit: Es erfordert viel Expertise und gut platzierte Agenten, um einen solch komplizierten Anschlag mitten im Feindesland durchzuführen. Der Mossad hat bereits mehrmals gezeigt, dass er in Iran dazu in der Lage ist, zuletzt dieses Jahr mit Sabotageakten gegen Irans Atomanlagen und der Ermordung eines Qaida-Terroristen mitten in Teheran – wohl auf Bitten Washingtons. Zudem ermordete der Mossad bereits vor Jahren eine Reihe von Atomwissenschaftlern in Iran.

  • Geständnis: Ein klares Eingeständnis liegt nicht vor, das widerspräche israelischer Praxis. Allerdings machte Premierminister Benjamin Netanyahu am Wochenende Andeutungen: Er rühmte sich seiner Erfolge der letzten Tage und fügte hinzu, dass er manche jedoch nicht erwähnen dürfe.

War die US-Regierung am Anschlag beteiligt?

Darüber kann nur spekuliert werden. Es ist möglich, dass Washington im Vorfeld informiert wurde – zumal US-Außenminister Mike Pompeo gerade erst zu Besuch in Israel war. Aus Perspektive der US-Regierung von Donald Trump dürfte die Ermordung Fahrizadehs ein akzeptables Risiko darstellen:

  • Zwar ist es eine dreiste Provokation und völkerrechtlich nicht zu rechtfertigen.

  • Doch um solche Aspekte scherte sich Trump bisher wenig, auch nicht bei der Ermordung des iranischen Topgenerals Qasem Soleimani im Januar.

  • Zudem wäre es um einiges gravierender gewesen, hätte Israel einen direkten Militärangriff auf Irans Atomprogramm durchgeführt.

Für die kommende US-Regierung von Joe Biden dagegen ist die Tat fatal: Der nächste Präsident muss mit Iran schnellstmöglich wieder an den Verhandlungstisch zurückkehren, will er das internationale Atomabkommen mit Iran doch noch retten.

Dazu bräuchte es amerikanisches Entgegenkommen und vertrauensbildende Maßnahmen – eine gezielte Tötung und mögliche feindselige Reaktionen Irans erschweren dieses schwierige Unterfangen nun zusätzlich.

| Anzeige
| Anzeige

Mehr von DER SPIEGEL

DER SPIEGEL
DER SPIEGEL
| Anzeige
image beaconimage beaconimage beacon