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2000 neue Corona-Patienten am Tag: Pflegepersonal in Frankreich vor dem Burnout, Krankenhäuser an der Kapazitätsgrenze

Tagesspiegel-Logo Tagesspiegel 23.10.2020 Sven Lemkemeyer, Benjamin Reuter

Dramatische Coronavirus-Zahlen in Frankreich: Die Regierung zieht die Notbremse, Kliniken bereiten sich auf den Ernstfall vor.

Straßburg: Medizinisches Personal bespricht ein Röntgenbild der Lunge eines Corona-Patienten im Nouvel Hopital Civil. © Foto: Jean-Francois Badias/AP/dpa Straßburg: Medizinisches Personal bespricht ein Röntgenbild der Lunge eines Corona-Patienten im Nouvel Hopital Civil.

Frankreich hat mit 42.032 Corona-Neuinfektionen innerhalb von 24 Stunden einen neuen Spitzenwert verzeichnet – und damit die Gesamtzahl von einer Million Infizierten überschritten. Das teilten die Behörden am Freitagabend mit. In der Wochen zwischen dem 12. und 18. Oktober wurden in Frankreich insgesamt 170.000 Neuinfektionen registriert.

Wie Gesundheitsminister Olivier Véran auf Twitter schrieb, wird aktuell jede Minute in Frankreich ein neuer Coronavirus-Patient in die Krankenhäuser des Landes eingeliefert. Das ist sogar noch untertrieben, denn allein am Donnerstag kamen rund 2000 Menschen wegen einer Covid-19-Erkrankung ins Krankenhaus. Insgesamt werden aktuell etwas mehr als 14.000 Menschen wegen einer Corona-Infektion in französischen Kliniken behandelt.

Zwischen 250 und 300 Menschen täglich kommen neu an Beatmungsgeräte. Am Donnerstag wurden Behördenangaben zufolge zudem 163 neue Todesfälle in Krankenhäusern registriert. Mit mindestens 34.500 Covid-19-Toten ist Frankreich nach absoluten Zahlen eines der am stärksten von der Pandemie betroffenen Länder Europas. Beunruhigend ist außerdem, dass die Positivrate der Tests weiter ansteigt auf knapp 14 Prozent in der Woche vom 12. bis 18. Oktober. Einen Monat vorher lag die Positivrate um die sechs Prozent.

Und damit nicht genug. In den vergangenen Wochen stiegen auch die Fallzahlen in den Alten- und Pflegeeinrichtungen dramatisch. Dort leben die Menschen, für die Covid-Erkrankung statistisch die schwerwiegendsten Folgen hat. Innerhalb einer Woche kamen zuletzt in den Einrichtung rund 5000 neue Infektions-Fälle hinzu.

Kliniken schaffen mehr Beatmungsplätze

Premierminister Jean Castex hatte angekündigt, dass die bereits in Paris und anderen Metropolen geltende nächtliche Ausgangssperre auf rund zwei Drittel der Einwohnerinnen und Einwohner des Landes mit seinen 67 Millionen Bürgern ausgedehnt wird.

Die Ausgangssperre gelte vom Samstag an dann in 54 Départements und dem französischen Überseegebiet Französisch-Polynesien. Seit dem vergangenen Wochenende gilt erneut der Gesundheitsnotstand, mit dem die Regierung weitgehende Beschränkungen per Dekret durchsetzen kann.

„Die Situation ist ernst, sie ist ernst in Europa, sie ist ernst in Frankreich“, warnte Castex und drohte zugleich mit noch schärferen Maßnahmen. Der Monat November werde hart. „Wenn es uns nicht gemeinsam gelingt, die Epidemie einzudämmen, müssen wir härtere Maßnahmen ergreifen“, sagte Castex. Es sei noch Zeit, das zu verhindern – aber die Zeit werde knapp.

Besonders die Lage auf den Intensivstationen bereitet große Sorge – gerade in der Hauptstadt Paris sind immer mehr Intensivbetten mit Covid-19-Patienten belegt. Wie die Zeitung "Le Monde" berichtet, schaffen zahlreiche Krankenhäuser aktuell mehr Beatmungsplätze, verschieben nicht dringende Operationen und planen die Verlegung von Patienten, für den Fall, dass sich die Situation weiter zuspitzt.

Eine aktuelle Studie dokumentiert zudem eine zunehmende Überlastung des französischen Gesundheitspersonals. Demnach stehen 57 Prozent der Krankenschwestern und -pfleger kurz vor einem sogenannten Burnout, also einem Zustand völliger Erschöpfung. Vor der Pandemie hatte dieser Anteil noch bei 33 Prozent gelegen. Für die Studie befragte der Berufsverband der Krankenschwestern und -pfleger knapp 60.000 Beschäftigte.

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Ohne triftigen Grund dürfen sich Menschen in den von der Ausgangssperre betroffenen Gebieten seit dem Wochenende zwischen 21 Uhr abends und 6 Uhr morgens nicht auf der Straße aufhalten. Es sei noch zu früh, um die Auswirkungen der Ausgangssperre dort zu bewerten, sagte Castex. Neu gilt die nächtliche Ausgangssperre nun etwa im Département Bas-Rhin mit der Elsass-Metropole Straßburg oder auf Korsika. Außerdem ist fast die gesamte Mittelmeerküste betroffen.

Die Ausgangssperre soll für sechs Wochen gelten. Sollten die strikten Maßnahmen nicht erfolgreich sein, droht bereits eine Verlängerung des Teil-Lockdowns, Präsident Emmanuel Macron zufolge möglicherweise bis zum 1. Dezember.

Sorge vor den wirtschaftlichen Folgen eines Lockdowns

Obwohl die Ausgangssperre in der Bevölkerung Umfragen zufolge breite Unterstützung findet, beschwerten sich mehrere Restaurantbesitzer: Die Maßnahme ergibt ihrer Ansicht nach wenig Sinn angesichts der strengen Corona-Regeln, die bereits gelten. „So etwas habe ich in den 50 Jahren, die ich hier bin, noch nie gesehen“, sagte zum Beispiel der Restaurantbesitzer Stain Roman.

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Auch die Behörden mehrerer Städte zeigten sich besorgt über die wirtschaftlichen Folgen. Die Pariser Bürgermeisterin Anne Hidalgo und Kultusministerin Roselyne Bachelot riefen die Regierung auf, die Regeln für kulturelle Einrichtungen zu lockern. Finanzminister Bruno Le Maire erteilte solchen Forderungen eine Absage: „Wenn wir anfangen, Ausnahmen zu erlauben, werden wir es nicht schaffen“, sagte er am vergangenen Wochenende.

Frankreich stellte am Donnerstag auch seine neue Anti-Corona-App „TousAntiCovid“ vor. Die Vorgängerversion „StopCovid“ war ein Flop. Die neue App solle nun ein „digitales Schweizer Taschenmesser“ im Kampf gegen Corona sein, sagte der Staatssekretär für Digitales, Cédric O. (mit dpa, AFP)

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