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Warum die Gaslecks der Nordstream-Pipelines laut Russlandexperten nur ein erster "Warnschuss" Putins waren

Business Insider Deutschland-Logo Business Insider Deutschland 04.10.2022 John Haltiwanger
Der russische Präsident Wladimir Putin © picture alliance / dpa | Nikolsky Alexei Der russische Präsident Wladimir Putin
Der russische Präsident Wladimir Putin

Nach gleich vier Lecks in nur kurzer Zeit an den Ostsee-Gaspipelines Nord Stream 1 und Nord Stream 2 gehen viele Sicherheitsexperten von einem Sabotageakt aus. Genaue Untersuchungen der Risse in den Pipelines stehen noch aus. Bekannt ist bislang nur, dass die Leitungen in größerer Länge aufgerissen sein müssen. Nach Ansicht von Wissenschaftlern könnten sie durch Unterwasserexplosionen ausgelöst worden sein.

Schweden, Dänemark und Deutschland haben deshalb bereits Untersuchungen zu den Lecks eingeleitet. Russlandbeobachter und Geheimdienstexperten warnen jedoch bereits, dass der russische Präsident Wladimir Putin weitere Akte hybrider Kriegsführung anordnen könnte. Eine dieser Expertinnen ist Andrea Kendall-Taylor.

Die ehemalige hochrangige US-Geheimdienstmitarbeiterin, die von 2015 bis 2018 für den National Intelligence Council strategische Analysen zu Russland leitete, sagte im Gespräch mit Business Insider: "Russland signalisiert dem Westen, dass es über eine ganze Reihe von nicht-konventionellen Instrumenten verfügt, die es einsetzen kann, um zu stören und den Schmerz für Europa zu erhöhen, solange die Unterstützung für die Ukraine anhält". Kendall-Taylor bezeichnete diese Lecks deshalb als "Warnschuss" des Kremls.

Methoden des Cyberkriegs, chemische und biologische Waffen könnte Putin ebenfalls einsetzen

Für die ehemalige US-Geheimdienstmitarbeiterin ist nun absehbar, dass diese Art von Sabotageakten weitergehen könnte: "Russlands Kämpfe auf dem Schlachtfeld in der Ukraine hängen direkt damit zusammen", sagt Kendall-Taylor. Je mehr Russland in Bezug auf sein konventionelles Militär geschwächt sei, desto mehr werde es sich auf nicht-konventionelle Mittel stützen, zu denen Methoden der Cyberkriegsführung, chemische Waffen, biologische Waffen und sogar taktische Nuklearwaffen gehörten – aber auch "Sabotageakte wie dieser". Kendall-Taylor warnt deshalb: "In diesem Bereich wird die Bedrohung in den kommenden Monaten und Jahren wahrscheinlich zunehmen".

Zudem steht auch der Einsatz von taktischen Atomwaffen Putins im Raum: Immer wieder diskutieren Experten und Geheimdienste darüber, ob und ab wann Putin verzweifelt genug sei, um darauf zurückzugreifen. Denn die russischen Streitkräfte verlieren angesichts der ukrainischen Gegenoffensive immer weiter an Boden. Zeitgleich haben sie mit Personal- und Ausrüstungsproblemen zu kämpfen. Die Ex-US-Geheimdienstmitarbeiterin Kendall-Taylor hält das Risiko jedoch immer noch für "gering". Allerdings erhöhe Putins jüngste Entscheidung, ukrainisches Gebiet zu annektieren, diese Risiken, glaubt sie.

Eine weitere Taktik Russlands könnten "gut orchestrierte Propagandakampagnen" sein

Doch die russischen Annexionen ukrainischer Gebiete vergangene Woche offenbaren noch etwa anderes: Sie zeigen eine weitere Taktik von Putins Kriegsführung, die auf medialen Kampagnen aufbaut.

Vor der Rede Putins zur Ankündigung der Annexionen konzentrierten sich die russischen Staatsnachrichten darauf, die USA für die Nord Stream-Lecks verantwortlich zu machen. "Dieses Argument ist fadenscheinig und Teil einer sehr gut orchestrierten internationalen Propagandakampagne, die darauf abzielt, eine antiwestliche, anti-amerikanische Rhetorik innerhalb Russlands und in anderen Regionen zu schüren, die der US-Vertretung in der Welt eher misstrauisch gegenüberstehen, wie Indien und Afrika", erklärt Cynthia Hooper, Geschichtsprofessorin und Russland-Expertin am "College of the Holy Cross" im Gespräch mit Business Insider.

Für Geschichtsprofessorin Hooper deuten diese Entwicklungen deshalb auf zwei Trends in der Zukunft hin: Zum einen werde Russland auf verdeckte Formen der Eskalation zurückgreifen. Behörden würden dann die Verantwortung für solche Eskalationen abstreiten und versuchen, die Schuld auf westliche oder speziell US-amerikanische oder ukrainische Akteure zu schieben. Zum anderen, so Hooper, werde es eine immer stärkere Koordinierung zwischen Militärspionage und Propagandaoperationen geben.

Dieser Artikel wurde von Joana Lehner aus dem Englischen übersetzt. Das Original findet ihr hier.

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