Durch Nutzung dieses Diensts und der damit zusammenhängenden Inhalte stimmen Sie der Verwendung von Cookies für Analysezwecke, personalisierte Inhalte und Werbung zu.
Sie verwenden eine veraltete Browserversion. Bitte verwenden Sie eine unterstütze Versiondamit Sie MSN optimal nutzen können.

Was ist in Charlottesville passiert? Die wichtigsten Fragen und Antworten im Überblick

watson.ch-Logo watson.ch 13.08.2017 Viktoria Weber
Menschen gedenken den Opfern von Charlottesville. © EPA/EPA Menschen gedenken den Opfern von Charlottesville.

Drei Tote, viele Verletzte: Das ist die vorläufige Bilanz des rechtsextremen Aufmarschs von Charlottesville. Was ist über den Hergang bekannt? Wie reagiert Amerika? Das Wichtigste im Überblick.

An einer Kundgebung rechtsnationalistischer und rassistischer Gruppen hat sich im US-Bundesstaat Virginia massive Gewalt entzündet. Ein Auto fuhr in eine Menschengruppe, dabei starb eine Frau. Die Behörden in der Universitätsstadt Charlottesville sprachen am Samstag von insgesamt drei Toten und mindestens 35 Verletzten. Ein Verdächtiger wurde festgenommen. Charlottesville liegt ungefähr 100 Kilometer von Washington entfernt.

Präsident Donald Trump kritisierte in allgemeiner Form die Gewalt - zog sich aber auch in der eigenen Partei Kritik zu, weil er die Rechtsextremisten nicht ausdrücklich als Urheber benannte. Virginias Gouverneur, der Demokrat Terry McAuliffe rief den Ausnahmezustand aus und zeigte sich entsetzt über die Vorfälle. Er sprach von «weissen Rassisten und Nazis», die «Hass, Menschenverachtung und Gewalt» verbreiteten.

Noch sind viele Fragen im Zusammenhang mit dem Vorfall unklar. Der Überblick.

Was ist passiert?

Am Samstag fand in Charlottesville eine Kundgebung unter dem Motto «Vereinigt die Rechte» statt. Mehrere Gruppierungen vom extrem rechten Rand hatten zu einem Aufmarsch aufgerufen – unter ihnen der Ku Klux Klan. Nach Fernseh- und Augenzeugenberichten waren mehrere Kundgebungsteilnehmer mit Baseballschlägern gekommen, schon Stunden vor der Veranstaltung kam es zu heftigen Prügeleien mit Gegendemonstranten.

Als ein Grossteil der Kundgebungsteilnehmer bereits abgezogen war, raste ein Auto in eine Gruppe Gegendemonstranten und rammte an einer Kreuzung zwei Autos. Auf einem Amateurvideo ist zu sehen, wie das Auto den Tatort nach der Fahrt in die Menschenmenge mit hoher Geschwindigkeit im Rückwärtsgang wieder verlässt.

Nach Angaben der Polizei starb eine 32-jährige Frau. 19 weitere Menschen seien bei der Autoattacke verletzt worden, einige von ihnen schwer, sagte Polizeichef Al Thomas. Der Fahrer wurde festgenommen. Inzwischen hat die US-Bundespolizei FBI die Ermittlungen übernommen. Der Fall werde als möglicher Verstoss gegen die Bürgerrechtsgesetze behandelt, teilte das FBI am Samstagabend mit.

Wenige Stunden nachdem das Auto in die Menschenmenge gefahren war, kamen beim Absturz eines Polizeihubschraubers unweit der Kundgebung beide Besatzungsmitglieder ums Leben. Über die Absturzursache lagen vorerst keine Angaben vor. Ob es einen unmittelbaren Zusammenhang mit den Ausschreitungen bei der Demonstration gibt, ist unklar. Eine Untersuchung wurde eingeleitet.

Neben dem Fahrer wurden laut einer Mitteilung der Stadtverwaltung drei weitere Männer im Zusammenhang mit Ausschreitungen bei der Kundgebung festgenommen. Der Stadtrat von Charlottesville ermächtigte die Polizei am Abend, eine Ausgangssperre zu verhängen, sollte dies nötig sein.

Nach den Ereignissen in Charlottesville gingen in Oakland in Kalifornien am Samstagabend hunderte auf die Strasse, um gegen rechte Gewalt zu demonstrieren. Einige Demonstranten blockierten zwischenzeitlich den Interstate Highway 580.

Was ist über den Verdächtigen bekannt?

Bei dem festgenommenen Fahrer handelt es sich um den 20-Jährigen James F. aus Ohio. Gegen ihn wird wegen vorsätzlicher Tötung ermittelt. Ausserdem wird ihm vorgeworfen, drei Menschen schwer verletzt und Fahrerflucht begangen zu haben. Eine Anhörung soll am Montag stattfinden. Ob F. selber einer rechtsextremen Gruppe angehört, blieb zunächst unklar.

Eine Frau, die angibt die Mutter des Verdächtigen zu sein, hat Details zum Auto des Mannes bestätigt. Sie habe vergangene Woche eine Nachricht von ihrem Sohn erhalten, dass dieser ein paar Tage frei bekommen habe und nach Virginia auf eine Demonstration gehen wolle, berichtet die Nachrichtenagentur AP. Einzelheiten über die Demonstration verriet F. seiner Mutter demnach nicht.

Wer waren die Demonstranten?

An der Veranstaltung nahmen schätzungsweise mehrere Tausend Menschen aus verschiedenen ultrarechten Gruppen teil: Angehörige der Alt-Right- Bewegung, Neonazis und Ku-Klux-Klan-Anhänger, darunter auch deren ehemaliger Führer David Duke. Manche Teilnehmer gaben sich auf Mützen und T-Shirts als Trump-Anhänger zu erkennen.

Einige der Rechtsextremisten erhoben die rechte Hand zum Hitler-Gruss. Viele führten Flaggen der früheren Südstaaten-Konföderation mit sich, die liberale US-Bürger als Symbol des Rassismus betrachten. Manche Teilnehmer führten Banner mit Trumps Wahlkampf-Slogan «Make America Great Again» mit sich.

Linke Gruppen veranstalteten eine Gegendemonstration.

Wie kam es zu den Ausschreitungen?

Anlass für die Proteste ist ein Stadtratsbeschluss, eine Statue des Konföderierten-Generals Robert E. Lee aus dem Amerikanischen Bürgerkrieg (1861 bis 1865) zu entfernen. Lee war der Befehlshaber der Truppen der Südstaaten, die im amerikanischen Bürgerkrieg für den Fortbestand der Sklaverei kämpften. Der Park trägt bereits nicht mehr den Namen von Lee.

Bereits am Freitag marschierten in diesem Zusammenhang mehrere Hundert Gruppierungen vom extrem rechten Rand in einem Fackelzug durch Charlottesville. Sie riefen laut Medienberichten dabei neonazistische Parolen wie «blood and soil» (ein Verweis auf die Blut-und-Boden-Ideologie im Dritten Reich). Bei kleineren Zusammenstössen mit Gegendemonstranten auf dem Uni-Campus sollen diese auch mit Chemikalien wie Tränengas besprüht worden sein.

Für Samstag war die Kundgebung unter dem Motto «Vereinigt die Rechte» angekündigt. Gouverneur McAuliffe hatte den Aufmarsch kurz vor dem geplanten Beginn verboten, weil die Sicherheit nicht garantiert werden könne. Dennoch gerieten bereits bevor das Auto in die Menge raste, hunderte Anhänger rechter Gruppen mit linken Gegendemonstranten aneinander. 16 Menschen sollen dabei verletzt worden sein.

Die Polizei setzte Tränengas ein, als Rechte mit Stöcken und einer Metallstange einen Gegendemonstranten blutig schlugen.

Wie haben Politiker auf den Vorfall reagiert?

Präsident Donald Trump verurteilte «auf schärfste Weise diesen ungeheuerlichen Ausbruch von Hass, Fanatismus und Gewalt auf vielen Seiten», wie er auf seinem Anwesen in Bedminster im Bundesstaat New Jersey sagte. «Es gibt keinen Platz für diese Art von Gewalt in Amerika.»

Kritiker – auch in Trumps Republikanischer Partei – bemängelten allerdings, dass der Präsident eine klare Schuldzuweisung an die rechtsextremen Demonstranten vermieden habe. Es sei «sehr wichtig, dass der Präsident die Ereignisse in Charlottesville als das beschreibt, was sie sind: als Terroranschlag weisser Rassisten», erklärte der republikanische Senator Marco Rubio.

Der dienstälteste republikanische Senator Orrin Hatch forderte: «Wir müssen das Übel beim Namen nennen. Mein Bruder hat nicht sein Leben im Kampf gegen Hitler gegeben, damit Nazi-Gedankengut hier zu Hause ohne Widerstand akzeptiert wird.»

Politische Gegner werfen dem Präsidenten seit längerem vor, durch seine scharfe Rhetorik den rechten Rand in den USA zu stärken und zum Handeln zu ermutigen. Trumps unterlegene Wahlkampfgegnerin Hillary Clinton griff diese Kritik in einer Twitter-Botschaft auf: «Jede Minute, in der wir dies durch stillschweigende Ermunterung oder durch Nicht-Handeln hinnehmen, ist eine Schande.»

Auch der republikanische US-Justizminister Jeff Sessions übte scharfe Kritik an dem Gedankengut der rechten Marschierer in Charlottesville. «Wenn Rassismus und Hass zu solchen Handlungen führen, dann ist das Verrat an unseren wichtigsten Werten und kann nicht toleriert werden», erklärte er. Die Gewalt in Charlottesville treffe «das Herz von Recht und Ordnung in Amerika».

Gouverneur McAuliffe forderte die Teilnehmer nach den Ausschreitungen zur Abreise auf: «Unsere Botschaft ist klar und einfach: Geht nach Hause. Ihr seid in dieser schönen Stadt nicht willkommen.»

jme/AFP/dpa/AP

| Anzeige
| Anzeige

Mehr von watson.ch

| Anzeige
image beaconimage beaconimage beacon