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Archäologie: Keltische Fürsten und ihre Sklaven

Neue Züricher Zeitung-Logo Neue Züricher Zeitung 11.08.2017 Geneviève Lüscher
Archäologie: Keltische Fürsten und ihre Sklaven © Bereitgestellt von Neue Zürcher Zeitung Archäologie: Keltische Fürsten und ihre Sklaven Archäologie: Keltische Fürsten und ihre Sklaven © Bereitgestellt von Neue Zürcher Zeitung Archäologie: Keltische Fürsten und ihre Sklaven
Der Glauberg in Hessen ist eine einzigartige Fundstätte. Auch zwanzig Jahre nach der Entdeckung liefert sie immer wieder neue Erkenntnisse über die Kelten vor 2500 Jahren.

Eine knappe Autostunde nordwärts von Frankfurt befindet er sich, der Glauberg: Er ist seit über zwanzig Jahren ein Brennpunkt der keltischen Forschung in Europa. Am östlichen Rand der Wetterau, in einer ruhigen Landschaft mit weiten, fruchtbaren Ebenen gelegen, wirkt der langgestreckte Hügel mit seinen sanft ansteigenden Hängen wenig prominent, wenn man sich ihm über den Weiler Glauburg von Norden her nähert. Nur etwa 150 Meter ragt der 271 Meter hohe Basaltrücken über das Umland. Von der Südseite allerdings macht er einen wesentlich steileren Eindruck: Hier fällt das Plateau mit seinen abfallenden Rändern eindrücklich in der Landschaft auf.

Befestigte Grosssiedlung

Ins Auge sticht nicht nur die Form des Berges. Es waren vor allem die gut sichtbaren, gewaltigen Wälle entlang des Plateaurandes, welche die Neugier der Forscher schon früh weckten. Erste grossflächige Grabungen fanden in den 1930er Jahren statt. Gesucht wurden germanische Relikte, wie es die nationalsozialistische Ideologie damals vorgab. Ab 1985 machten sich die Archäologen wieder ans Werk. Ihre Grabungen zeigten, dass die 800 mal 200 Meter weite Fläche des markanten Bergplateaus von der Jungsteinzeit (5. Jahrtausend v. Chr.) bis ins Mittelalter (13. Jahrhundert) immer wieder besiedelt war. Am interessantesten erwiesen sich die Spuren aus der Eisenzeit (5. Jahrhundert v. Chr.): Wie sich – nicht ganz unerwartet – herausstellte, waren es die Kelten gewesen, die den Hügelrand mit einer massiven Mauer aus Steinen, Erde und Holzarmierungen gesichert hatten. Ähnliche Befestigungen waren im keltischen Siedlungsgebiet Mitteleuropas schon mehrfach zum Vorschein gekommen.

1994 untersuchten die Wissenschafter dann einen durch Luftbilder entdeckten, in der Landschaft nicht mehr erkennbaren, riesigen Grabhügel am Fuss des Glaubergs – und stiessen auf zwei vollständig erhalten gebliebene keltische Kriegergräber mit aussergewöhnlich reichen Beigaben. Das war an und für sich bereits eine Sensation, denn die meisten Hügelgräber aus dieser Epoche sind längst geplündert. Es war dann aber ein denkwürdiger Tag im Jahr 1996, der den Glauberg endgültig in den Fokus von Wissenschaft und Öffentlichkeit katapultierte: Am 24. Juni kam in der Nähe des Grabhügels eine einzigartige, 1,86 Meter grosse Sandsteinstatue zum Vorschein, der «Keltenfürst vom Glauberg». Bis auf die abgeschlagenen Füsse ist er vollständig und makellos erhalten. Erstmals – und bis heute ohne Parallele – fand sich eine lebensgrosse Figur aus keltischer Zeit, die konkret einen Herrscher darstellt, nämlich denjenigen, der im Riesengrabhügel bestattet liegt. Kleinere Fragmente von mindestens drei ähnlichen Figuren wurden im Hügelumfeld entdeckt. Die Bilder der Statue mit dem merkwürdigen Kopfputz – Helm, Ritualhaube oder «Heiligenschein»? – gingen um die Welt. Sie machten den Glauberg zu einer der bekanntesten keltischen Fundstätten.

Die Statue eines Keltenfürsten aus rötlichem Sandstein. (Bild AP)

Die Forschungen gingen weiter. Um andere eingeebnete Grabstätten zu finden, wurde das Gelände geophysikalisch untersucht. Es kam tatsächlich ein zweiter Hügel mit einem dritten Kriegergrab zum Vorschein. Und es stellte sich heraus, dass das Wallgrabensystem nicht nur das Plateau umfasste: Ein Wasserreservoir am Hügelfuss auf der Nordseite und auf der Südseite der Riesengrabhügel sowie eine 350 Meter lange, sogenannte Prozessionsstrasse gehören ebenfalls zur Anlage.

Dieser in der keltischen Welt bis anhin einzigartige Fund – das ausgedehnte, verzweigte Wallgrabensystem von insgesamt 3,8 Kilometern Länge und die vom ersten Hügel weg ins Tal hinabführende Prozessionsstrasse – warf Fragen auf. Wozu dienten die Anlagen? Was war ihre Funktion? Ein von der Deutschen Forschungsgemeinschaft (DFG) gefördertes Projekt – «Untersuchungen im territorialen Umland des Glaubergs: zur Genese und Entwicklung eines Fürstensitzes» – ging diesen Fragen nach. Seine Resultate wurden kürzlich in den «Glauberg-Studien, Band 2» veröffentlicht.

Gewaltige Dimensionen

Die Archäologen unter Christopher Pare und Leif Hansen von der Universität Mainz kommen in der umfangreichen Publikation – wie in der Archäologie so oft – zu keiner definitiven Interpretation. Klarheit herrscht aber nun erstmals über die gewaltigen Dimensionen der Anlage: Die Wälle sind bis 18 Meter breit, die Gräben bis 4,4 Meter tief; etwas bescheidener sind die Ausmasse der Spitzgräben entlang der «Prozessionsstrasse». Im Gegensatz zu den Wällen auf dem Hügelplateau oben, deren Befestigungscharakter unbestritten ist, handelt es sich unten um reine Erdwälle. Die Forscher haben ausgerechnet, dass allein für deren Bau 170 000 Kubikmeter Material bewegt werden mussten! Eine ungeheure Arbeitsleistung – freiwillig erbracht oder erzwungen?

Ebenfalls eindeutig ist heute, dass die Anlage nicht geschlossen war, sei es, weil sie unfertig aufgegeben wurde – oder eine Geschlossenheit überhaupt nicht angestrebt war. Für die Funktion des Erdwerks sei diese Frage von grosser Bedeutung, schreiben die Forscher: Handelt es sich um einen riesigen heiligen Bezirk, eine monumentale Grabanlage, einen Festplatz für heilige Wettkämpfe anlässlich des Todes eines Herrschers, des «Keltenfürsten vom Glauberg»? Oder liegt ganz profan eine befestigte Aussensiedlung vor, der Rest eines unvollendet gebliebenen städtischen Grossprojekts?

Die Forscher lassen die Frage offen. Erstaunlich sei in jedem Fall die kurze Lebensdauer der ganzen Anlage: Aufgrund von Fundmaterial und Radiokarbondatierungen lasse sie sich auf maximal siebzig Jahre – oder zwei bis drei Generationen – eingrenzen. Dabei müsse berücksichtigt werden, dass nicht alle Abschnitte gleichzeitig nebeneinander bestanden hätten. Gräben, die sich überschnitten, wobei der untere älter und der obere jünger sei, würden dies eindeutig nachweisen.

Ähnlich befestigte Hochplateaus gibt es laut den Forschern im keltischen Siedlungsgebiet Mitteleuropas einige, in Deutschland, Frankreich und in der Schweiz. Eine gute, wenn auch wesentlich bescheidenere Befestigung findet sich beispielsweise auf dem Üetliberg bei Zürich. Auch dort läuft ein Aussenwall um ein kleines besiedeltes Plateau, während weitere Wälle eine grössere unbesiedelte Fläche umschliessen, wo einst ebenfalls ein Hügel mit einem reichen, allerdings geplünderten Grab stand. Merkwürdige Wallgrabenanlagen oder so etwas wie «Prozessionswege» wurden auf dem Üetliberg aber nicht festgestellt – vielleicht auch mangels entsprechender Forschungen.

Skelette in Abfallgruben

Die neueren Ausgrabungen um den Glauberg herum haben mehrere kleine zugehörige Siedlungen und Gehöfte zutage gefördert. Die für das Plateau veranschlagte Zahl von rund 2000 Bewohnern muss also gegen oben korrigiert werden. Zählt man die Menschen in den neu entdeckten Weilern dazu, müssen es Tausende mehr gewesen sein. Wo sind sie begraben? Bis anhin konnten ausser den fürstlichen Grabhügeln keine Grabstätten entdeckt werden. Allerdings fanden sich in den nicht mehr verwendeten Vorratsgruben der Weiler über zwanzig Skelette. Diese Personen – Männer wie Frauen – wurden nicht regulär bestattet. Es macht viel eher den Anschein, als habe man sie pietätlos in die Silos hineingeworfen. Welches war ihr sozialer Status?

Der Vergleich der Kohlenstoff-Stickstoff-Isotopie zwischen den fürstlichen Kriegerskeletten und den Grubenskeletten zeigt eindeutig: Die Krieger aus dem Monumentalhügel assen viel Fleisch, während sich die Menschen aus den Gruben vornehmlich von Hirse ernährten. Die Knochen Letzterer weisen zudem Spuren schwerer körperlicher Belastung bis hin zu degenerativen Verschleisserscheinungen auf. Eine Strontium- und Sauerstoff-Isotopen-Analyse ihrer Gebeine hat ergeben, dass sie zwar nicht lokaler Herkunft waren, aber vermutlich aus der Region stammten, aus der Wetterau und dem Taunus. Die genetischen Untersuchungen konnten zwischen den Individuen keine verwandtschaftlichen Beziehungen nachweisen.

Die Forscher ziehen aus diesen Resultaten den Schluss, dass es sich bei diesen Toten um Abhängige – Kriegsgefangene oder Sklaven – handle, deren sozialer Tod bereits beim Eintritt in den unfreien Zustand erfolgt sei. Nach ihrem physischen Tod seien sie dann einfach in den offen gelassenen Silos entsorgt worden. Das Fehlen von Spuren von Gewaltanwendung einerseits und die Vermengung mit gewöhnlichem Siedlungsabfall in den Silos andererseits lasse eine Interpretation als Menschenopfer oder Opfer von Überfällen nicht zu.

Die Skelette erbringen den Beweis, dass die aus schriftlichen Quellen bereits bekannte, stark hierarchisch aufgebaute keltische Gesellschaft, ähnlich wie die griechische und die römische, über einen breiten Sockel von Unfreien verfügte. Die nachgewiesene Ausbeutung dieser Unfreien fand – neben ihrem Einsatz bei den Erdarbeiten für die Wallgrabenanlagen und Grabhügel – in der Landwirtschaft statt. Der Glauberg liegt in einem für Ackerbau und Viehzucht günstigen Umfeld, das gute Möglichkeiten für eine Überschussproduktion bot. Diese Überschüsse bildeten ziemlich sicher die Grundlage für den Reichtum der Herrschenden, von dem die opulente Grabausstattung des «Glauberg-Fürsten» ein beredtes Zeugnis ablegt.

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