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Der gekaufte Engel des BND

SZ.de-Logo SZ.de 10.02.2018 Von Willi Winkler
Ihr großer Moment: Barbara Rotraut Pleyer will gerade ihre Botschaft bei der Eröffnungsfeier der Olympischen Spiele von Helsinki verkünden, da führt man sie ab. © pa/AP, dpa Ihr großer Moment: Barbara Rotraut Pleyer will gerade ihre Botschaft bei der Eröffnungsfeier der Olympischen Spiele von Helsinki verkünden, da führt man sie ab.

Barbara Rotraut Pleyer wird mit einer Protestaktion bei den Olympischen Spielen 1952 berühmt. Danach reist sie als Friedensaktivistin um die Welt - üppig finanziert dank BND-Chef Gehlen.

Misstrauisch wurden sie dann doch im Außenministerium: Wer war das überhaupt und vor allem: Wer bezahlte sie?

"Wenn man bedenkt", heißt es in dem Schreiben, das aus der diplomatischen Vertretung in der saudi-arabischen Stadt Dschidda ans Ministerium in Bonn geht, "dass eine Hin- und Rückreise von Deutschland hierher mindestens 2000,- DM kostet, von dem Aufenthalt ganz zu schweigen, so kann man sich eines unbehaglichen Gefühls bei der Frage nicht erwehren, woher die nach ihren eigenen Angaben stellungs- und mittellose Reisende das Geld dafür nimmt."

Die Reisende hat in wenigen Jahren mehr von der Welt gesehen als der Agent 007 in drei aufeinander folgenden James-Bond-Filmen. Staatsmänner sammelt sie wie ein Teenager Autogramme seiner Stars. Von Mao Zedong wurde sie empfangen; in Kairo, wo sie an der Universität sogar Vorträge halten durfte, traf sie mit Nasser zusammen; in Indien hat sie Nehru besucht, in Indonesien Sukarno.

In den Fünfzigern wurde in allen Zeitungen diskutiert: Kommunistin oder verrückt?

Das kann doch nicht mit rechten Dingen zugehen. "Selbst bei vorsichtiger Schätzung wird man sagen können", rechnet der Beamte beamtenhaft vor, "dass ihre Reisekosten in den letztvergangenen Jahren sich auf eine wahrscheinlich ganz respektable fünfstellige Ziffer belaufen müssen. Dazu kommt, dass sie wirklich ernste Zwecke offensichtlich mit ihren Reisen nicht verfolgt."

Den Adressaten in München muss die Dunkelmännerseele im Leib gebebt haben, als das selbstverständlich mit "VS - Nur für den Dienstgebrauch" ausgezeichnete Schreiben vom Außenministerium an sie weitergeleitet wurde. Die Reisende war ihr Hätschelkind, aber niemand durfte von der engen Beziehung erfahren, die Barbara Rotraut Pleyer mit dem Bundesnachrichtendienst (BND) und insbesondere mit ihrem Chef Reinhard Gehlen verband.

Niemand kennt diese Frau Pleyer heute noch, aber in den Fünfzigern wurde in allen Zeitungen ausführlich darüber debattiert, ob sie Kommunistin oder einfach nur verrückt war.

1952 war die damals 23-jährige Jurastudentin mit einem verpatzten Auftritt schlagartig weltberühmt geworden. Sie war ohne Geld nach Helsinki gereist, um dort vor siebzigtausend Menschen ihre Botschaft zu verkünden. "Sie erschien wie die Verkörperung der Olympischen Spiele, ein Friedensengel, eine geflügelte Siegesgöttin in fließender Bewegung", wie die New York Times auf der Titelseite schwärmte.

Allein, der Friedensengel kam gar nicht zu Wort, er brachte nicht mehr heraus als "Ladies and gentlemen", da zogen sie den Engel schon weg von den Mikrofonen, und er musste zurück nach Tübingen.

Pleyers Abenteuerlust war aber ungebrochen, und die vertrug sich ohne weiteres mit dem Forschungsinteresse des BND. Die Verbindung zwischen der Friedensaktivistin und den Kommunistenfressern im Isartal ist bis heute so gut wie unbekannt geblieben.

Die Tarnung war so perfekt, dass der Militärhistoriker Rolf-Dieter Müller das schemenhafte Wesen zwar in seiner freundlicherweise vom BND mit hunderttausend Euro subventionierten Gehlen-Biografie erwähnt, sie allerdings mit der elf Jahre älteren Schauspielerin Barbara Pleyer verwechselt, einer Geliebten Erich Kästners.

Aufklärung bringt nun ein Blick in den bisher unbekannten Gehlen-Nachlass, welcher der SZ kürzlich zugespielt wurde (siehe SZ vom 2./3. Dezember), wo Barbara Rotraut Pleyer unter "Engel" und "Ro" als geschätzte und besonders schützenswerte Sonderverbindung ausführlich dokumentiert ist.

Seit 17 Jahren habe sie ihn gesucht, schreibt die richtige Barbara Pleyer zu Beginn ihrer Bekanntschaft, im Sommer 1959, an den "hochverehrten Herrn Präsidenten" Gehlen, "bis Sie eines Tages, ein Geschenk des Himmels, von selber zu mir kamen". "Wie ein Vater" habe er an ihrem Treiben "rührend Anteil genommen". Ganz von selber war's wohl nicht, Gehlens Schutzpatron im Kanzleramt, Staatssekretär Hans Globke, und der Jesuitenpater Robert Leiber brachten die beiden zusammen, der Kampf gegen den Kommunismus sollte sie einen.

Vater Pleyer marschierte beim Hitlerputsch mit

Kleo Pleyer, der echte Vater, war 1942 als Kompanieführer im Kampf gegen die "jüdisch-bolschewistische Weltrevolution" in Russland gefallen, dort, wo Gehlen damals mit dem Aufbau seines Spähunternehmens "Fremde Heere Ost" begann. Anders als Gehlen, der nach Kriegsende mit amerikanischer Hilfe einen neuen deutschen Geheimdienst aufbauen konnte, war Pleyer ein glühender Nazi gewesen.

Schon 1923 hatte er den Aufrührer Hitler beim Marsch auf die Feldherrnhalle begleitet und war 1937 mit einer Professur an der Reichsuniversität Königsberg belohnt worden. "Der Krieg", dozierte der Professor, dem dafür posthum der Kant-Preis verliehen wurde, "der Krieg bringt Gott und die Erde in Einklang; er heiligt die irdischste Aufgabe, die des Tötens, durch die göttlichste Kraft, die der Selbsthingabe."

Die Tochter wollte statt des Krieges den Frieden predigen. Von ihrem großen Plan, die Welt, die im Schatten der Atombombe lebte, aufzurütteln und ihr den Frieden zu verkünden, wollte Barbara Pleyer trotz des Fiaskos in Helsinki nicht ablassen.

Sie demonstrierte an der Zonengrenze zur DDR, diskutierte mit Pastor Martin Niemöller, in den Fünfzigern einer der wenigen Pazifisten in der Bundesrepublik, hielt immer wieder Vorträge und sich im Gespräch. Der italienische Couturier Emilio Schuberth schneiderte ihr gratis die schönsten weißen Gewänder, die so gut mit ihren rotblonden Haaren harmonierten.

So fiel sie auch Reinhard Gehlen auf. Die Wahl-Tochter hatte nicht ohne Grund die großen Staatsmänner bezirzen können und schmeichelte dem 27 Jahre älteren Mann - verheiratet, vier erwachsene Kinder - nach allen Regeln der Kunst. "Es ist Ihr Genie, Ihr kühner Geist, Ihre hohe Kunst des Abwägens und der Geduld, Ihre meisterhafte Menschenführung", die sie zur Unterwerfung unter seine Autorität zwingen würden, säuselt sie und unterschreibt als "gehorsame Rotraut".

BND-Präsident Gehlen scheint sich als Sugardaddy wohlzufühlen

Dabei war ihr selber Menschenführung keineswegs fremd. Sie schreibt Gehlen aus Indonesien, Ägypten, Indien und den USA, redet ihn verschwörerisch mit dem Codenamen "Lieber Onkel Gerhard" an und dankt in langen Briefen für seine Unterstützung. Dem Auslandsgeheimdienst liefert sie vielleicht keine harten Informationen, aber ihre Berichte geben dem BND-General das erhebende Gefühl, tatsächlich weltweit zu operieren.

Dem Außenministerium gegenüber spielt Gehlen die Nähe seiner V-Frau zum Dienst herunter ("Es dürfte feststehen, daß Dr. PLEYER für keinen Nachrichtendienst tätig ist"), ohne dabei ihre Aktionen zu diskreditieren: "Ihre ebenso irreale wie offenbar auch von übersteigerten religiösen Vorstellungen bestimmten 'Ideen' scheinen bei einem Teil der besuchten Staatsmänner (NEHRU, SUKARNO, Prinz FAISAL, gewisse amerikanische wie auch indische Kreise) nicht nur auf Interesse gestoßen zu sein, sondern auch zu tätiger Mithilfe geführt zu haben."

Reinhard Gehlen, Präsident des BND von 1956 bis 1968. © pa/dpa Reinhard Gehlen, Präsident des BND von 1956 bis 1968.

Und das Geld, woher stammt das Geld? Von "finanzkräftigen Gönnern", behauptet Gehlen einfach. Für ihren eigenen Lebensunterhalt gebe sie doch fast nichts aus. "Hinzu kommt, daß Dr. PLEYER sich häufig wochenlangen Fastenübungen unterworfen hat, die wahrscheinlich mit den erwähnten religiösen Vorstellungen und Gelübden zusammenhängen." Der BND spart also, wo er kann, außerdem hat er sowieso nichts mit dem Friedensengel zu tun.

Reinhard Gehlen scheint sich als heimlicher Sugardaddy des umtriebigen Friedensengels ziemlich wohlgefühlt zu haben. Und so hecken sie gemeinsam einen Plan aus, der den verunglückten Auftritt acht Jahre zuvor in Helsinki ausgleichen und übertreffen soll.

Olympia 1960 und die ausgefallene BND-Aktion

Die Olympischen Spiele 1960 in Rom sind in Erinnerung geblieben, weil ein schwarzer Boxer namens Cassius Marcellus Clay eine Goldmedaille gewann und der Deutsche Armin Hary die hundert Meter in 10,2 Sekunden lief. Spektakulär war aber auch ein Ereignis, das gar nicht stattfand: Vom Bundesnachrichtendienst gesponsert, sollte ein Friedensappell an die Völker der Welt ergehen.

Dafür schrieb der verliebte Gehlen sogar an Allen Dulles, den Chef der amerikanischen CIA, und machte ihm das Unternehmen als Möglichkeit schmackhaft, der "sowjetischen Friedenspropaganda" mit "geeigneten und möglichst neuartigen Mitteln" zu begegnen. "TOP SECRET" vertraute er Dulles an, was ihm Frl. Pleyer aufgesetzt hatte.

Der einflussreiche Yogameister Swami Chidananda, "der mir als Persönlichkeit besonders geeignet scheint", sollte die neue Pleyer'sche Botschaft bei der Abschlussveranstaltung vortragen. Das Ganze bedürfe der äußersten Geheimhaltung, damit "nichts darüber bekannt" werde, "daß mein Dienst oder ich im Hintergrund stehen". Dulles, der gute amerikanische Freund, fand Gehlens Friedensinitiative für den gemeinsamen Kreuzzug gegen den Kommunismus dann doch nicht so hilfreich, der Friedensappell fiel auch in Rom aus. Noch trauriger geht die Geschichte des Friedensengels aus.

Mit einer Chartermaschine will Pleyer um die Welt fliegen, um die Staatsmänner, mit denen sie über die Jahre vertrauten Umgang pflegen konnte, zu einer gemeinsamen Konferenz möglichst auf dem Berg Sinai zu bitten. Der "große Gönner" Faisal ist nicht ganz so groß, immer mehr Schulden laufen auf. Gehlens Mittelsmann Winterstein muss auf die angespannte Haushaltslage verweisen, trotzdem: "Die DM 10.000,- werden - in einzelnen Teilbeträgen - wohl übernommen werden müssen (erscheint auch vertretbar)."

Die Schulden werden immer mehr, Winterstein erhält den Auftrag, die unheilbare Reiselust zu dämpfen und Pleyer doch mit kleineren und größeren Beträgen auszuhelfen. Ende 1966 - der zuständige Minister heißt inzwischen nicht mehr Gerhard Schröder, sondern Willy Brandt - antwortet Gehlen auf eine weitere Nachfrage des Außenministeriums trotzig: "Fräulein Dr. Barbara Rotraut PLEYER ist nicht für den Bundesnachrichtendienst tätig."

Ihre Schulden sind zwischenzeitlich auf 25 000 Mark gestiegen, sie droht mit Selbstmord und präsentiert dann "nach 40 Tagen und Nächten Fasten und Gebet" eine Lösung für den eskalierenden Vietnamkrieg: "Vietnam aufbauen, lieber Onkel Gerhard, ist besser, als Vietnam zerschlagen!" Gehlen lässt Winterstein weiter Geld für den Engel anweisen.

Gehlen, der privat so sparsam ist, dass er einen Bekannten fragt, ob er ihm "unter der Hand einen 'AEG-Heimwerker' mit Werkzeugsatz WS 108 zu verbilligtem Preise" besorgen könne, gibt das Geld der Steuerzahler mit vollen Händen aus. Es geht ja im Zweifel gegen den Weltkommunismus. Dafür wurde auch Barbaras Schwester angeworben.

Zur Einarbeitung durfte sie 1967 eine "Ausbildungsreise" nach Thailand und Indonesien unternehmen. Kosten: 4550 Mark, nach heutiger Kaufkraft immerhin 8700 Euro. Der Ertrag war eher bescheiden und hätte auf eine Urlaubspostkarte gepasst: "Hervorragendes künstlerisches Niveau haben die balinesischen Tempeltänze."

Das Essen im Hotel fand die Auszubildende sehr teuer, wusste aber Rat: "Weibliche MA (für Mitarbeiter, Anm. der Redaktion), die in den Tropen ewig hungrig sind, können sich von einem der vielen einsamen Amerikaner zum Abendessen mit sieben Gängen einladen lassen."

Barbara fastete lieber und ließ sich katholisch taufen, verkündete dann, dass sie in ein Franziskanerkloster eintreten werde. Der Münchner Abendzeitung wollte sie die Nachricht gleich als Schlagzeile für die Wochenendausgabe formulieren, und dort erfuhren die Leser auch, worauf es ankam: "Ihr schönes rotes Haar wird sie im Kloster nicht abschneiden, sondern hochstecken."

Nur Monate später war alles anders, sie hatte Erleuchtung bei einem indischen Yogi gefunden. Ihrem Förderer in Pullach richtete sie den "innigen Glückwunsch" aus, "daß Sie von meinem Wunsch mein Vater zu sein befreit sind!"

In diesem handschriftlichen Brief erinnert sie ihren "Lieben Sir Reinhard" an Rom und den "einzigen (Plan), den wir jemals gehabt haben". Noch immer lobt sie sein Lebenswerk, behauptet aber, den "Kern Ihres Wesens" zu kennen, "der unendlich viele Male größer ist als Ihr Leib oder Ihr Werk". Gern würde sie ihn ihrem neuesten Yogi vorstellen: "Sie sind sich irgendwie sehr ähnlich." Dass Gehlen darauf eingegangen wäre, ist nicht überliefert.

Später nennt sie sich Sara-Rotraut Fatima Sina-Moria und wird Ärztin

Der Gründer des Bundesnachrichtendienstes ging am 30. April 1968 in Pension, und mit seinem Abschied vom Amt schien auch sein Schützling das Interesse an der großen Welt verloren zu haben. Sara-Rotraut Fatima Sina-Moria, wie sie sich jetzt nannte, beschloss, Ärztin zu werden. In ihrer Doktorarbeit stellt sie, nicht völlig falsch, die Leibempfindungen von Mystikern neben die Missempfindungen von Schizophrenen.

Nach Auskunft ihrer Brüder ist diese aufmerksamkeitssüchtige Mystikerin bereits vor fünfzehn Jahren gestorben. In Erinnerung an den 1990 doch noch beendeten Kalten Krieg widmete der ungarische Ringer György Gurics seine in Helsinki eroberte Bronzemedaille dem Friedensengel Barbara Rotraut Pleyer.

Dieser Text erschien zuerst in der Print-SZ vom 30.12.2017.

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