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Die makabre Legende des Aokigahara-Waldes

DIE WELT-Logo DIE WELT 18.03.2017

Die seenreiche Landschaft rund um den Vulkan Fuji gehört zu den urwüchsigsten Regionen Japans. Um den Wald Aokigahara ranken sich viele Legenden. Das lockt Touristen an – und lebensmüde Japaner.

Der Aokigahara-Wald am Fuße des Fuji ist schön, wunderschön. Und ausgerechnet hier sollen sich seit Jahrzehnten in steter Regelmäßigkeit menschliche Tragödien abspielen? Man mag es kaum glauben.

Andererseits – ein bisschen gruselig ist die Szenerie schon. Denn die Bäume stehen so dicht, dass nur wenige Strahlen durch das Blätterwerk dringen. Hin und wieder sieht man auf den Wegen Lichtsäulen, die wie Flakscheinwerfer auf riesige Wurzeln, dichtes Buschwerk und kleine Höhlen strahlen.

So dicht stehen die Bäume hier, dass Japaner das Waldstück auch als "Sea of Trees" bezeichnen – ein Meer aus Bäumen, in dem man zwar nicht ertrinken, aber unwiederbringlich verloren gehen kann, sollte man nur für wenige Minuten vom Pfad abkommen. Die eingeschränkte Sicht und der hügelige Boden können Wanderern schnell zum Verhängnis werden.

Ansonsten sorgt der dichte Bewuchs für klare Luft sowie das Gefühl, im Umkreis von vielen Quadratkilometern völlig allein in der Natur zu sein. Was angesichts der Tatsache, dass das aus allen Nähten platzende Tokio nur zwei Autostunden entfernt ist, nicht hoch genug bewertet werden kann.

Und während in Japans Hauptstadt die Moderne regiert, scheinen im von Legenden erfüllten Aokigahara jenseitige Geister das Zepter zu schwingen. So hat der Wald im Laufe des vergangenen Jahrhunderts noch einen zweiten Spitznamen bekommen: "Suicide Forest", Wald des Selbstmords.

Shizuoka Prefecture, Japan © Getty Images/amana images RF Shizuoka Prefecture, Japan KOFU, Japan - Photo taken in April 2012 shows a sign standing near the entrance to the Aokigahara Jukai forest, a notorious magnet for those wishing to commit suicide, in Yamanashi Prefecture, which reads: ''Life is a precious gift from your parents'' and ''Please do not worry all by yourself and talk to us.'' A help line number is also provided. The message is intended to deter those entering the forest that stretches northwest of Mt. Fuji with suicidal thoughts from killing themselves. (Kyodo) [ Rechtehinweis: picture alliance/Kyodo ] © picture alliance / Kyodo KOFU, Japan - Photo taken in April 2012 shows a sign standing near the entrance to the Aokigahara Jukai forest, a notorious magnet for those wishing to commit suicide, in Yamanashi Prefecture, which reads: ''Life is a precious gift from your parents'' and ''Please do not worry all by yourself and talk to us.'' A help line number is also provided. The message is intended to deter those entering the forest that stretches northwest of Mt. Fuji with suicidal thoughts from killing themselves. (Kyodo) [ Rechtehinweis: picture alliance/Kyodo ]

Freitod ist in Japan seit Jahrhunderten verankert

Auch im vergangenen Jahr nahmen sich etliche Menschen im Aokigahara das Leben, wie viele genau es waren, wird man womöglich nie erfahren. Denn die japanischen Behörden veröffentlichen keine Zahlen mehr zu den Toten, die am Fuße des Fuji gefunden werden. 2003, als sie es noch taten, waren es knapp über 100. Danach sanken die Zahlen ein wenig, kratzten aber stets an der dreistelligen Marke.

Eigentlich ist es kaum verwunderlich, dass ein Land wie Japan, in dem der Freitod historisch und kulturell seit Jahrhunderten verankert ist, auch eine entsprechende Kultstätte hervorgebracht hat. Im Aokigahara-Jukai ist man dem Volksmund nach besonders nah bei Geistern und spirituellen Hotspots. Angeblich blühen schöne Blumen, sobald ein des Lebens Überdrüssiger ins vermeintliche Jenseits übergegangen ist.

Seit grauen Vorzeiten wird der Aokigahara mit dem Tod assoziiert. In alten Überlieferungen heißt es, dass einst arme Familien ihre Ältesten im Winter dort zum Erfrieren aussetzten, um mehr Nahrungsmittel für den Nachwuchs zu haben. Zu einem wahren Sterbeboom kam es, nachdem der japanische Schriftsteller Seicho Matsumoto 1960 den Roman "Der Wellenturm" veröffentlicht hatte, in dem sich eine unglücklich verliebte Frau in den Wäldern am Fuße des Fuji tötet.

Der Wald wird in Anleitungen zum Selbstmord empfohlen

Das literarische Vorbild machte schon bald Schule in der realen Welt. In den 1970er-Jahren verschwanden so viele lebensmüde Menschen im Wald, dass die Polizei jeweils am Ende des Jahres in Divisionsstärke ausrückte, um die Leichen zu suchen und zu beerdigen. 1977 erschien eine weitere Novelle, in der ein Paar Doppelselbstmord im Aokigahara begeht.

Die Geschichte befeuerte die Legendenbildung noch mehr und dem Sterben an diesem Ort wurde plötzlich eine besondere Spiritualität und Romantik zugeschrieben. Bis heute wird der Wald in makabren Selbstmordanleitungen empfohlen, im Internet, aber auch in Büchern, die in Japan ganz offen erhältlich sind.

Zudem greifen Mangas, japanische Comics, Geschichten auf, die sich um den Ort ranken. Und in Horrorfilmen verlaufen sich Protagonisten im Wald und werden dann von Bestien zerfetzt.

Hartnäckig hält sich in Japan das Gerücht, die mafiös organisierten Yakuza hätten früher eigens Bandenmitglieder in den Wald geschickt, die das Dickicht nach Leichen und deren Wertsachen durchsuchen mussten. Zweifel bleiben freilich, ob die Fundstücke tatsächlich so viel Aufwand rechtfertigen.

Behörden halten Statistiken über Tote geheim

Völlig unstrittig jedoch ist die hohe Selbstmordrate in Japan – 2014 wählten im Schnitt 70 Menschen täglich den Freitod. Die Gründe: Arbeitslosigkeit, Depression, sozialer Druck. Dazu kommt die mittlerweile berühmte japanische Einsamkeit, um die in den Großstädten des Landes eine ganze Industrie gewachsen ist.

© Infografik Die Welt epa04750733 An undated handout film still provided by the Cannes Film Festival organisation on 16 May 2015 shows US actor Matthew McConaughey (Front), Japanese actor Ken Watanabe (Back) in a scene of 'The Sea of Trees'. The movie by US director Gus Van Sant is presented in the Official Competition at the 68th annual Cannes Film Festival running from 13 to 24 May 2015. EPA/WAYPOINT ENTERTAINMENT/BLOOM/NETTER PRODUCTIONS/CANNES HANDOUT HANDOUT EDITORIAL USE ONLY/NO SALES [ Rechtehinweis: (c) dpa ] © picture alliance / dpa epa04750733 An undated handout film still provided by the Cannes Film Festival organisation on 16 May 2015 shows US actor Matthew McConaughey (Front), Japanese actor Ken Watanabe (Back) in a scene of 'The Sea of Trees'. The movie by US director Gus Van Sant is presented in the Official Competition at the 68th annual Cannes Film Festival running from 13 to 24 May 2015. EPA/WAYPOINT ENTERTAINMENT/BLOOM/NETTER PRODUCTIONS/CANNES HANDOUT HANDOUT EDITORIAL USE ONLY/NO SALES [ Rechtehinweis: (c) dpa ]

Es sind vornehmlich Männer, in deren Kultur Seppuku und Kamikaze hehre Begriffe sind, die noch immer mit Ehre und Aufopferung assoziiert werden. Für viele Japaner ist die Vorstellung, sich in einem Waldstück unweit von Touristen und Wanderern zu erhängen, erträglicher, als die vermeintliche Schande, der Gesellschaft zur Last zu fallen.

Dennoch: Die Behörden wollen, dass die Zahl der Selbstmörder im Aokigahara, der 1927 zum Naturdenkmal ernannt wurde, sinkt – und sei es auch nur in den geheim gehaltenen Statistiken. Denn der schlechte Ruf des Waldes kratzt am Image der weitläufigen Touristenattraktion, die das Areal um den Fuji nun einmal auch ist.

Die Berichterstattung soll möglichst klein gehalten werden, der Wald nicht weiterhin eine Kultstätte des Freitods sein. Ganz davon abgesehen, dass es die überwältigende Natur auch nicht verdient hat, mit dem Tod assoziiert zu werden.

Verlassene Zelte im Aokigahara – ohne eine Leiche dazu

Der Aokigahara ist nur ein Teil eines weitaus größeren Landstriches, den Japanreisende nicht auslassen sollten. Der beste Ausgangspunkt für eine Erkundung der Gegend ist der Ort Kawaguchiko, der von Tokio aus leicht mit dem Zug oder dem Fernbus erreichbar ist. Ein paar kleine Häuser begrüßen die Ankommenden und in nicht allzu weiter Ferne zeigt sich auch der Fuji.

So infrastrukturell erschlossen und touristisch ausgebaut die Gegend auch ist – überlaufen ist sie keineswegs. Selbst bei bestem Wetter sammeln sich nur wenige Dutzend Japaner, Chinesen und Europäer vor dem Bahnhof, um sich dann nach einem kurzen Abstecher bei der Touristeninfo (wo man stolz und laut vernünftiges Englisch spricht) für eine der drei Buslinien zu entscheiden, die durch die Gegend der fünf Fuji-Seen rotieren.

Eine Fahrkarte berechtigt zwei Tage lang die Reisenden, an über 70 verschiedenen Busstationen ein- und auszusteigen. Das sollte man auch, denn es gibt etliche Aussichtsplattformen, Museen sowie einen Vogelpark.

Hauptattraktion ist allerdings der Wald. Und hat man ihn dann betreten, will man all die Geschichten gar nicht glauben. Zu schön ist der Aokigahara mit seinen Seen. Das vom Lavagestein der vergangenen Fuji-Eruptionen gefilterte Wasser ist überaus klar. Im Sommer durchpflügen Jetskis die Seen, auch Angler gibt es viele.

KOFU, Japan - Tape is wound around a tree in the Aokigahara Jukai forest in Yamanashi Prefecture in this April 2012 photo. Other trees have been similarly marked inside the thick forest, a notorious magnet for those wishing to commit suicides that stretches northwest of Mt. Fuji, to prevent people from getting disorientated. (Kyodo) [ Rechtehinweis: picture alliance/Kyodo ] © picture alliance / Kyodo KOFU, Japan - Tape is wound around a tree in the Aokigahara Jukai forest in Yamanashi Prefecture in this April 2012 photo. Other trees have been similarly marked inside the thick forest, a notorious magnet for those wishing to commit suicides that stretches northwest of Mt. Fuji, to prevent people from getting disorientated. (Kyodo) [ Rechtehinweis: picture alliance/Kyodo ]

Ein prosaischer Anblick, der die Verzweifelten offenbar dennoch nicht von ihrem Tun abbringen kann. Oder vielleicht doch? Denn im Wald werden regelmäßig verlassene Zelte gefunden, ohne dass es in der Umgebung eine Leiche dazu gäbe. Einige, die eigentlich mit der Absicht zu Sterben in den Wald kommen, verlassen ihn offenbar stehenden Fußes – davon zeugen Essensreste und die zurückgelassenen Unterschlüpfe.

Die makabre Grundstimmung erfasst jeden Wanderer

Nach wenigen Metern im Wald umfängt den Wanderer die scheinbare Endlosigkeit der Natur. Allein ein Ausbruch des Fuji könnte hier den ewigen Kreislauf von Werden und Vergehen kurzzeitig unterbrechen.

Mitunter stößt man auf Abzweigungen, an denen durchhängende Seile mit einem roten Schild den Weg versperren. Als ernstes Verbot sind diese nicht wirklich zu werten. Hier gibt es keine Polizei, keine Aufpasser, keine Waldbesitzer, die einem Vorbeikommenden Einhalt gebieten könnten, wenn er über die provisorische Absperrung steigt.

Man fragt sich unwillkürlich, ob man beim Weiterlaufen womöglich etwas zu Gesicht bekommt, was man lieber nicht sehen möchte? Im Aokigahra eine Leiche zu finden, wäre allerdings einem großen Zufall geschuldet. Das Areal ist zu groß und die Polizei durchforstet die Gegend viel zu häufig, als dass Touristen davor Angst haben müssten.

Wandern und Weinen: Es gibt viele Grabsteine im Aokigahara-Wald, jedes Jahr kommen neue dazu © action press Wandern und Weinen: Es gibt viele Grabsteine im Aokigahara-Wald, jedes Jahr kommen neue dazu

Außerdem erinnern hier und da aufgestellte Schilder die Besucher daran, wie wertvoll das Leben ist und was man seinen Liebsten antun würde, sollte man den Wald nicht lebend verlassen. Der japanische Text endet mit einer Telefonnummer für den Notfall.

Es reichen in diesem von der Natur regierten Stück Land jedoch kleinste Spuren menschlicher Präsenz wie Plastikflaschen mit japanischen Schriftzeichen, um das Gedankenkino auf Touren zu bringen. Und schon vermeidet man es, den Kopf zu heben und in die Baumkronen zu schauen. Es könnte ja jemand dort baumeln. Die makabre Grundstimmung in diesem Stück Natur erfasst irgendwann auch den bestgelaunten Wanderer.

Manchmal kann man im Aokigahara auch Plastikbänder zwischen den Stämmen sehen. Es sind Orientierungshilfen im Meer der Bäume. Gezogen von potenziellen Selbstmördern, die sich einen Rückweg offen halten wollten. Oder von Helfern, die den Wald kontrollieren und sich nicht verirren möchten.

Dem Hollywoodfilm "The Sea of Trees" fehlt der Tiefgang

Und es steht zu erwarten, dass der Aokigahara weiterhin im Gespräch bleibt, denn Hollywood hat sich des Themas angenommen – mit einer lebensbejahenden und ziemlich werblichen Geschichte über den Wald. Gus Van Sant, eine Regie-Ikone, seit er "Good Will Hunting" gedreht hat, schickte Schönling Matthew McConaughey in den berühmten Wald. Damit er dort von Selbstmordgedanken abkommt und das Buch "Hänsel und Gretel" findet.

"The Sea of Trees" heißt der Film, im Januar ist er in Deutschland auf DVD erschienen. Wobei nicht verschwiegen werden soll, dass der Streifen auf Festivals ausgebuht wurde, ein Meisterwerk ist er also nicht.

Vielleicht, weil er zu einfach gedacht, zu kitschig inszeniert ist. So kommt ein Amerikaner in den Wald, um sich zu töten, doch nach einigen guten Taten und etwas Selbstmotivation mutiert er vom Opfer zum Helden. Der Film möchte wohl zeigen, dass Selbstmord keine Lösung ist. Das ist löblich, es fehlt aber der Tiefgang. Und dass der Aokigahara trotz allem ein atemberaubend schöner Ort ist, kommt in dem Film leider kaum rüber.

Es reicht also nicht, die DVD auszuleihen – man sollte schon eine Japanreise mit Hin- und Rückflugticket buchen und selbst hinfahren, um die Einmaligkeit des Waldes zu erleben. Mit Betonung auf "leben".

Tipps und Informationen

Anreise: Zum Beispiel nonstop mit Lufthansa, JAL Japan Airlines oder All Nippon Airlines. Umsteigeverbindungen etwa mit Turkish Airlines via Istanbul oder mit Cathay Pacific via Hongkong. Von Tokio nach Kawaguchiko entweder per Mietwagen oder für umgerechnet rund 25 Euro per Bus vom Busbahnhof Shinjuku. Man muss etwa zweieinhalb Stunden Fahrzeit von Tokio bis zum Aokigahara-Wald einplanen.

Unterkunft:"Kawaguchiko Hotel", Doppelzimmer ab 80 Euro; "Onsen Konanso", Luxushotel mit fantastischem Weitblick auf die Berge, Doppelzimmer ab 200 Euro.

Mt. Fuji and Aokigahara Forest from the summit of Mt. Ryugatake in late summer, Yamanashi, Japan © Getty Images Mt. Fuji and Aokigahara Forest from the summit of Mt. Ryugatake in late summer, Yamanashi, Japan

Auskunft: Japanische Fremdenverkehrszentrale, jnto.de, aokigaharaforest.com

KOFU, Japan - In this September 2011 photo, two people pray for those who committed suicide at the Aokigahara Jukai forest in Yamanashi Prefecture. Anyone can enter the forest that stretches northwest of Mt. Fuji, and the site has been a notorious magnet for those wishing to end their lives. (Kyodo) [ Rechtehinweis: picture alliance/Kyodo ] © picture alliance / Kyodo KOFU, Japan - In this September 2011 photo, two people pray for those who committed suicide at the Aokigahara Jukai forest in Yamanashi Prefecture. Anyone can enter the forest that stretches northwest of Mt. Fuji, and the site has been a notorious magnet for those wishing to end their lives. (Kyodo) [ Rechtehinweis: picture alliance/Kyodo ]

In der Regel berichten wir nicht über Selbsttötungen – außer die Tat erfährt durch die Umstände besondere Aufmerksamkeit.

Wandern und Weinen: Es gibt viele Grabsteine im Aokigahara-Wald, jedes Jahr kommen neue dazu © action press Wandern und Weinen: Es gibt viele Grabsteine im Aokigahara-Wald, jedes Jahr kommen neue dazu

Sollten Sie selbst Absichten zum Selbstmord haben, kontaktieren Sie bitte umgehend die Telefonseelsorge (www.telefonseelsorge.de). Unter der kostenlosen Rufnummer 0800-1110111 oder 0800-1110222 erhalten Sie Hilfe von Beratern, die Ihnen Auswege aus schwierigen Situationen aufzeigen können.

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