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Die ultimative Waffe der alten Ägypter

WELT-Logo WELT 13.06.2018

ANCIENT EGYPT Charioteer and foot-soldier in action, not very far from the Pyramids... Date: BC (Mary Evans Picture Library) | Nur für redaktionelle Verwendung., Keine Weitergabe an Wiederverkäufer.: Die ultimative Waffe der alten Ägypter © picture-alliance / Mary Evans Pi Die ultimative Waffe der alten Ägypter

Der Streitwagen war die wichtigste Waffe der bronzezeitlichen Imperien. Wie die SUVs der Gegenwart diente er daneben aber auch als Luxusgerät dem Prestige und der Unterhaltung seiner Eigentümer.

Kein anderer Pkw-Typ weist seit Jahren größere Wachstumszahlen aus als der SUV. Das Sport Utility Vehicle gibt es in allen Varianten, vom nur geländegängig wirkenden Kompaktwagen bis zur Nobelmarke im Panzerformat. Dass es mittlerweile global gesellschaftsfähig geworden ist, in derart rustikalem Ambiente in Abendrobe beim Opernball vorzufahren, hat viele Gründe. Einer dürfte das Vorbild der britischen Oberschicht sein, die ihre enge Verbindung zum Landleben seit jeher durch den Gebrauch des Land- und Range Rovers dokumentiert hat.

Dass diese Mode womöglich anthropologische Gründe hat, zeigen neue Studien an den ältesten Fahrzeugen, die ausschließlich für Menschen hergestellt wurden: die Streitwagen des alten Orients. Obwohl zunächst für den kriegerischen Gebrauch entworfen, stiegen die Eliten schnell von der Sänfte auf das prestigeträchtige Fortbewegungsmittel um, resümiert die Ägyptologin Heidi Köpp-Junk. Ähnlich unseren Geländefahrzeugen oder Jeeps heute gab es keine Berührungsängste gegen das militärisch eingesetzte Fahrzeug.

Obwohl sich die Wissenschaftlerin an der Universität Trier auf die ägyptische Variante des Streitwagens konzentriert, dürften ihre Schlussfolgerungen auch für die Konkurrenten des Pharaonenreichs in Mesopotamien, Syrien oder Kleinasien gelten. Der Streitwagen verband modernste Technik und große Praxistauglichkeit mit Komfort und hohem Sozialprestige. Und mit Freizeitspaß. Versuche mit Nachbauten haben gezeigt, dass man mit einem Streitwagen die bis dahin für unvorstellbar gehaltene Geschwindigkeit von 40 Stundenkilometern erreichen konnte.

Allein im Grab von Pharao Tutanchamun haben sich sechs dieser Fahrzeuge erhalten. Ein anderes, robusteres Modell fand sich im Grab der Schwiegereltern von Amenophis III. Funde von Einzelteilen sowie Darstellungen auf Bildern liefern weitere Details, sodass Archäologen die Konstruktion der Streitwagen ziemlich präzise rekonstruieren können.

Danach war die Deichsel zwischen 2,43 und 2,60 Meter lang, die Achse maß 1,98 bis 2,36 Meter, was dem Gefährt einschließlich der beiden Zugpferde eine Größenordnung von 2,50 bis drei Metern Länge verschaffte. Die Speichenräder hatten einen Durchmesser von etwa einem Meter. Durch ihre Größe boten sie einen gewissen Federungskomfort, der durch die Konstruktion der Standfläche aus miteinander verwobenen Lederbändern noch unterstützt wurde. Der Holzrahmen war mit Stoff, Leder oder Geflecht bespannt und wölbte sich nach vorne, was sicherlich der militärischen Funktion geschuldet war. Während der schnellen Fahrt fanden Geschosse nur schwer einen Punkt, an dem sie einschlagen konnten. Bestiegen wurde der Wagen von hinten.

Die Idee, aus urtümlichen, radgestützten Transportmitteln rasante Fahrzeuge für den Krieg zu entwickeln, brachten vermutlich die Hyksos nach Ägypten. Diese Eindringlinge aus dem Vorderen Orient beherrschten die sogenannten Zweite Zwischenzeit der altägyptischen Geschichte zwischen 1650 und 1550. Allerdings weist Heidi Köpp-Junk darauf hin, dass die Ägypter ihrerseits Streitwagen einsetzten, als sie die Invasoren vertrieben und das Imperium des Neuen Reichs errichteten.

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Im Mächtekonzert der Bronzezeit begründeten Streitwagenheere den Anspruch, Großmacht zu sein. Ägypten, die Hethiter Kleinasiens und das Mitanni-Reich im nördlichen Zweistromland verfügten dabei über die Mittel und das technische Wissen, Verbände von mehreren Tausend Fahrzeugen zu unterhalten, während sich kleinere Herrschaften in Griechenland oder Syrien mit einigen Dutzend zufriedengeben mussten. Als Symbole "kriegerischen Herrentums", wie sie der Archäologe Joseph Wiesner genannt hat, wollte auf jeden Fall kein Fürst auf sie verzichten, selbst wenn er sich Ausrüstung und Unterhalt kaum leisten konnte.

Wenn man bedenkt, dass ein Streitwagen von zwei Pferden gezogen wurde, musste zum Beispiel Ägypten ganze Herden unterhalten. Die Tiere mussten trainiert werden, um auf dem Marsch und vor allem im Gefecht den Anforderungen standzuhalten. Auch Fahrer und Bogenschütze mussten geübte Leute sein. Aus schriftlichen Quellen ist bekannt, dass Trainer und Wagenkämpfer gefragte Profis waren, die hoch bezahlt waren. Ähnliches gilt für die Spezialisten, die die Fahrzeuge bauten und Zug um Zug zu verbessern suchten. Dabei kamen wichtige strategische Rohstoffe wie Holz, Leder oder Metall zum Einsatz.

Archäologen haben in Amarna und Pi-Ramesse, der Hauptstadt Ramses II., Magazine und Stallanlagen freigelegt, die jeweils mehreren Hundert Streitwagen Platz boten. Weitere Stützpunkte sind schriftlich belegt. Diese Infrastruktur machte es möglich, die Einzelteile zu standardisieren und die Fahrzeuge gleichsam in Serie zu bauen. Aus diesen Produktionslinien bedienten sich auch die Königsfamilie, Höflinge und hohe Beamte.

Mit dem Streitwagen ging man auf die Jagd oder nahm an Wettbewerben teil, in denen mit dem Bogen auf feste Ziele geschossen wurde. Wagenrennen, wie Griechen und Römer sie liebten, gab es aber wohl nicht. Vor allem – daran hat sich bis heute nichts geändert – dokumentierte man mit seinem Wagen Reichtum und gesellschaftlichen Rang.

Kostete die Herstellung allein schon ein Vermögen, suchte man den prestigeträchtigen Eindruck durch wertvolle Bänder, Decken oder andere Accessoires noch zu erhöhen. Wer sich das leisten konnte, wollte noch im Tod daran erinnern. In den Prunkgräbern von Theben oder Amarna durfte eine Darstellung des Luxusfahrzeugs nicht fehlen.

Wie selbstverständlich ließ sich auch eine Königin wie Nofretete mit ihrem Streitwagen abbilden. Denn um das Fahrzeug zu führen, brauchte man zwar Übung, aber keine besondere Körperkraft, erklärt Heidi Köpp-Junk: Wenn die Tiere für das Ziehen eines Wagens ausgebildet sind, laufen sie quasi von alleine, man muss nur den Richtungswechsel bestimmen.

Doch über alle Selbstverliebtheit, mit der sich die Eliten des neuen Distinktionsmittels bedienten, darf die militärische Bedeutung des Streitwagens nicht übersehen werden. Seine Fähigkeit, große Entfernungen schnell zu überwinden, ermöglichte den Aufbau von Großreichen, die wiederum allein in der Lage waren, große Streitwagenheere zu unterhalten. In der berühmten Schlacht von Kadesch zwischen Ägyptern und Hethitern dürften sich 1274 v. Chr. mehrere Tausend Gespanne gegenübergestanden haben.

Allerdings war ein solches Treffen wegen des damit verbundenen Risikos eines Verlusts ein Jahrhundertereignis, das das Verhältnis der Beteiligten auf Jahrzehnte regelte, schreibt der Althistoriker Armin Eich. "So gesehen brachten die Streitwagenarmeen aufgrund ihrer schieren Größenordnung ein gewisses pazifizierendes Element in die Großmachtpolitik des Nahen Ostens." Das hatte allerdings nur relativen Charakter. Um die wertvollen Streitwagen nicht aufs Spiel zu setzen, wurden "preiswerte" Fußsoldaten oder Hilfstruppen auf die Schlachtfelder geschickt.

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