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Dieser Wind zerstört den Sommer

DIE WELT-Logo DIE WELT vor 5 Tagen

Der Polarfrontjetstream ist der Wettergott unter den Winden. Er ist der Grund, warum der Sommer in Nord- und Mitteldeutschland bisher so verregnet war. Wann dreht er endlich?

Wer in New York in einen Flieger nach Frankfurt steigt, hat ihn im Rücken: den Polarfrontjetstream, den mächtigsten Wind auf der Nordhalbkugel. Von West nach Ost fegt er mit bis zu 600 Kilometern pro Stunde über den Erdball. Sein Verlauf diktiert von Kanada bis Russland das Wetter aus acht bis elf Kilometer Höhe.

Auch über Deutschland verschiebt er die Hoch- und Tiefdruckgebiete. Er entscheidet, wo und vor allem wie lange im Sommer über Deutschland die Sonne scheint – und warum das Wetter hierzulande derzeit so unbeständig ist. Vor allem Nord- und Mitteldeutschland wurden durch den Jetstream in den letzten Wochen durch teils heftige Regenfälle getroffen.

Wie konnte das passieren?

Der Polarfrontjetstream verläuft wie ein Gürtel zwischen dem 40. und 60. Breitengrad um die Nordhalbkugel. Manchmal bewegt er sich fast geradlinig, ein anderes Mal verläuft er wellenförmig. Warum seine Wege manchmal so verschlungen sind, wissen selbst Meteorologen nicht. "Das ist eben chaotische Atmosphäre", sagt Andreas Friedrich vom Deutschen Wetterdienst.

Wenn der Jetstream geradlinig über Deutschland hinwegfegt – also zum Beispiel auf direktem Wege von Köln nach Dresden – ist das Wetter unbeständig. "Wenn der Wind konstant in eine Richtung weht, können sich die Hoch- und Tiefdruckgebiete schnell abwechseln", sagt Friedrich.

Verläuft der Jetstream wellenförmig mit einem Umweg über das Mittelmeer, können sich die Tiefdruckgebiete dagegen länger in den Tälern der Windwellen einnisten.

Zu diesem Phänomen kam es erst vor wenigen Tagen: Der Jetstream formte eine größere Welle über Mitteleuropa, in der das Tief "Alfred" zwischen zwei Hochdruckgebieten eingepfercht war und feststeckte. An vielen Orten in Europa war es deshalb schön, nur nicht hierzulande.

Hinter dem Siebenschläfer steckt der Jetstream

Bis dahin war das Wetter unbeständig – ganz so, wie es die Bauernregel vom Siebenschläfer vorhersagt. Ende Juni, zum Siebenschläfer, wehte der Jetstream geradlinig – und sorgte dadurch in folgenden sieben Wochen für unbeständiges Wetter.

Meteorologen haben tatsächlich herausgefunden, dass die Bauernweisheit des Siebenschläfers in zwei Dritteln aller Sommer zutrifft. "Ende Juni stellt sich der Jetstream oft in einer gewissen Form ein, in der er dann für ein paar Wochen bleibt", so schildert Friedrich das Phänomen.

Solche Extremwetterlagen wie die starken Regenfälle der letzten Zeit kommen in Zukunft wahrscheinlich häufiger vor. Es gibt Hinweise darauf, dass der Klimawandel die Wellenbewegung des Jetstream verstärkt, in denen die Hoch- und Tiefdruckgebiete länger verweilen können.

Der Klimawandel verändert den Jetstream

Eigentlich trennt der Westwind die warme Luft vom Äquator und die kalte Luft vom Nordpol, die in Mitteleuropa aufeinandertrifft. Die Erderwärmung führt aber dazu, dass der Temperaturunterschied zwischen der Luft vom Äquator und den Polen immer geringer wird – sie vermischt sich mehr.

Der Sommer über Deutschland war bisher vor allem unbeständig © dpa Der Sommer über Deutschland war bisher vor allem unbeständig

"Der Jetstream verläuft deshalb zunehmend in Wellen von Norden nach Süden und kann die Hoch- und Tiefdruckgebiete nicht mehr so schnell verschieben. Dadurch entsteht immer häufiger extremes Wetter", sagt der Klimaforscher Peter Hoffmann vom Potsdamer Institut für Klimafolgenforschung.

Er und seine Kollegen haben herausgefunden, dass Hoch- und Tiefdruckgebiete seit der Industrialisierung immer häufiger in Wellentälern des Jetstreams feststecken. Das Ergebnis: Aus ein paar sonnigen Tagen kann eine lang andauernde Hitzewelle werden, anhaltender Regen kann zu Überflutungen führen.

Ist dieser Sommer noch zu retten?

Trotz solcher Langzeitbeobachtungen können Meteorologen das aktuelle Wetter nur für einen kurzen Zeitraum vorhersagen. "Erfahrungsgemäß ändert sich die Großwetterlage etwa Mitte August", sagt Andreas Friedrich. Dann ist der Siebenschläfer vorbei und der Jetstream erwacht aus seinem Sommerschlaf. Eine Schönwettergarantie ist das aber noch lange nicht.

"Wie der Jetstream sich entwickelt, kann ich nur für die kommenden sieben bis zehn Tage prognostizieren", sagt er. Bis zum kommenden Wochenende macht der Experte keine große Hoffnung. Deutschland stecke gerade in einer Windkuhle, die Regen und kühle Temperaturen mit sich bringe. Alpenurlauber könnte es besonders hart treffen: "Die Schneefallgrenze kann bis auf 2200 Meter sinken", sagt Friedrich.

Ob danach auf das wechselhafte Juli- und Augustwetter ein strahlender September folgt, weiß auch der Wetterexperte nicht. "Wenn der Jetstream ein großes Wellentief über Deutschland bildet, ist der Sommer vorbei", sagt er. Es kann aber auch ganz anders kommen. Schlägt der Jetstream seinen Bogen nördlich über Skandinavien, läge Deutschland in einem konstanten Hoch. Das würde bedeuten: Sonnenschein, Hitzewelle, dreißig Grad und Trockenheit.

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