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So mordeten Glaubenskrieger beim ersten Kreuzzug in Jerusalem

DIE WELT-Logo DIE WELT 15.07.2017

Nachdem die Kreuzfahrer im Juli 1099 Jerusalem erobert hatten, veranstalteten sie ein Massaker, dem 70.000 Menschen zum Opfer gefallen sein sollen. Neue Forschungen zeigen ein anderes Bild.

Nach sechswöchiger Belagerung fällt Jerusalem am 15. Juli 1099 den Rittern des Ersten Kreuzzuges unter Führung von Gottfried von Bouillon und Raimund von Toulouse in die Hände. Umgehend veranstalten die Kreuzfahrer ein Massaker, dem weite Teile der Bevölkerung zum Opfer fallen.

1096 hatten sich die christlichen Ritter und Pilger auf den Weg gemacht, im Juni 1099 waren sie vor Jerusalem angelangt. Die Versorgung war schlecht, das Klima drückend, an der Befestigung der Stadt scheiterten die ersten Angriffe. Zudem wurde bekannt, dass ein Entsatzheer aus Ägypten im Anmarsch sei.

Mit einer letzten Kraftanstrengung können die Kreuzfahrer – rund 1300 Ritter und 12.000 Mann Fußvolk sowie zahlreiche Pilger – aus herangeschafftem Holz mehrere Belagerungstürme zimmern. Nach einer Prozession um die Stadt wird der Sturmangriff für die Nacht auf den 14. Juli vorbereitet. Am Abend des 14. hat ein Turm die äußeren Gräben überwunden. Am Mittag des 15. Juli nehmen die Christen einen Abschnitt der Nordmauer, kurz darauf fällt der Felsendom. Iftikhar ad Daula, der im Auftrag der ägyptischen Fatimiden die Stadt verteidigt, bietet seinen Abzug gegen Lösegeld an. Dem wird stattgegeben.

Die Kreuzfahrer, nach so viel Leiden und Entbehrungen völlig von Sinnen, rasen wie Besessene durch Straßen, Häuser und Moscheen, schreibt der britische Mediävist Steven Runciman. Er stützt sich dabei auf Augenzeugenberichte wie diesen: "Alle Feinde, die sie finden konnten, streckten sie mit der Schärfe ihrer Schwerter nieder, ohne auf Alter oder Rang Rücksicht zu nehmen, und es lagen überall so viele Erschlagene und solche Haufen abgehauener Köpfe umher, dass man keinen anderen Weg oder Durchgang finden konnte als über Leichen."

Auf das Massaker folgt ein Dankgottesdienst in der Grabeskirche. Nachdem Raimund die Königskrone abgelehnt hat, übernimmt Gottfried als "Princeps" (Fürst) die Herrschaft über das Heilige Land. Weil Jesus eine Dornenkrone getragen habe, sollten seine christlichen Nachfolger keine Königskrone tragen, heißt es zur Begründung.

Nach muslimischen Quellen wurden bis zu 70.000 Muslime, Juden und orientalische Christen bei dem Massaker umgebracht. Die Kreuzfahrer nennen 10.000 Opfer. Neuere Forschungen relativieren diese Zahlen. Der britische Historiker Thomas S. Asbridge folgt einer jüdischen Quelle, die von 3000 Toten spricht.

Die hohen Zahlen erklären sich zum einem aus dem zeitgenössischen Topos, nach dem die Eroberung einer großen Stadt grundsätzlich viele Opfer zur Folge hat. Im Heiligen Land stand den Christen zudem der alttestamentarische Bericht von der Landnahme der Hebräer vor Augen, in dem es über die Eroberung Jerichos heißt: "Mit scharfem Schwert weihten sie alles, was in der Stadt war, dem Untergang, Männer und Frauen, Kinder und Greise" (Josua 6,21).

Die hohen Zahlen muslimischer Zeugnisse spiegeln zum einen den Schock über den unerwarteten Erfolg der dummen und schmutzigen Invasion, zum anderen sollten sie als Mahnung und Ansporn für die Zukunft dienen, die Rückeroberung der Stadt nicht aus den Augen zu verlieren. Der Streit um Zahlen, resümiert Asbridge, "ändert aber nichts an der sadistischen Abschlachterei durch die Kreuzfahrer".

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