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US-Genie fordert den König des Brettspiels heraus

WELT-Logo WELT 08.11.2018
Magnus Carlsen (links) und Herausforderer Fabiano Caruana © AFP/KOEN SUYK Magnus Carlsen (links) und Herausforderer Fabiano Caruana

Fabiano Caruana wird in den nächsten Wochen am Schach-Thron von Magnus Carlsen rütteln. Viele halten eine Überraschung für möglich. Der Titelverteidiger muss deswegen tief in die Trickkiste greifen.

Magnus Carlsen spielte Fußball-Golf, mampfte genüsslich Pizza vor dem Fernseher und begab sich – er ist nun mal Norweger – in die Langlauf-Loipe. In der erneut monatelangen Vorbereitung auf seinen nächsten Herausforderer suchte der amtierende Schach-Weltmeister immer wieder Zerstreuung. Ab Freitag muss Carlsen dann in London zum dritten Mal seinen Titel verteidigen. Sein Gegner: Fabiano Caruana, der als erster Amerikaner seit dem legendären Bobby Fischer 1972 nach der Krone greift.

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Für viele Experten ist das Duell mit dem aufstrebenden US-Genie mit italienischen Wurzeln Carlsens bislang schwerste Aufgabe, seit er sich 2013 mit gerade 22 Jahren zum zweitjüngsten Weltmeister der Geschichte gekürt hatte. Nicht wenige trauen Caruana eine Wachablösung zu. Seit seinem Sieg beim Kandidatenturnier im März in Berlin, mit dem er sich das Recht auf das WM-Match erspielt hatte, ist die Schach-Welt vor lauter Vorfreude in heller Aufregung. In der Bilanz der direkten "CaCa"-Duelle liegt Caruana nur knapp hinten.

Doch wohl gerade deshalb gab sich der inzwischen 27-jährige Carlsen vor der Begegnung betont locker. In einem Videoclip, den er über die sozialen Netzwerke verbreitete, schwärmte er scherzhaft von einer neu entdeckten Drei-P-Formel zur Vorbereitung: Pizza, Poker und Premier-League-Spiele. Die Botschaft an seinen ein Jahr jüngeren Kontrahenten ist eindeutig: Der König der Schach-Welt erwartet den nächsten Angriff auf seinen Thron ganz gelassen.

Carlsen wird in seiner Heimat wie ein Popstar verehrt

Aus dem einstigen Wunderkind Carlsen ist längst ein globaler Superstar seiner Sportart geworden – mit allen auch unliebsamen Begleiterscheinungen. Dem "Mozart des Schach", der sich unter anderem über seine eigene Schach-App "Play Magnus" bestens vermarktet und in seiner Heimat wie ein Popstar verehrt wird, wird mittlerweile eine Aura der Überheblichkeit nachgesagt.

"Die meisten Topspieler sind sehr selbstbewusst, manche sogar arrogant", stichelte auch Caruana zuletzt. "Für Magnus ist es besonders schwer, dass ihm sein unglaublicher Erfolg nicht zu Kopf steigt."

Denn Carlsen ist eben auch einer der besten Schachspieler der Geschichte. Seit Juli 2011 führt er die Weltrangliste ohne Unterbrechung an, wies einst mit einer Elo-Zahl von 2882 den bislang höchsten Spielstärkewert auf und holte neben seinen drei WM-Triumphen in der traditionellen Variante zudem insgesamt fünf Titel im Schnell- und im Blitzschach. Carlsens Fähigkeiten im Mittel- und Endspiel, wo Kreativität statt wie bei der Eröffnung eine gute Vorbereitung gefragt sind, gelten noch immer als unerreicht.

Der eher schüchterne Caruana ist ein ganz anderer Spielertyp. "Ich spiele weniger intuitiv als andere Topspieler", sagte er kürzlich. "Den besten Zug finde ich nicht mithilfe meines Gefühls. Ich gehe ein Spiel eher vom wissenschaftlichen Standpunkt her an." Auch deshalb wird das Duell mit dem kreativen Genie Carlsen mit Spannung erwartet. "Es ist ähnlich wie Boxen oder Mixed Martial Arts. Es ist ein Duell Schlag auf Schlag, in dem wir beide versuchen werden, die Oberhand zu gewinnen und unseren Willen dem anderen aufzudrängen", sagte Caruana dem Internetportal "Time.com". "Es ist zwar kein physischer Sport, aber wenn die Leute diese Eins-gegen-eins-Duelle mögen, sind sie beim Schach richtig."

WELT beantwortet die wichtigsten Fragen und Antworten zum Duell.

Wie und wo läuft das Spektakel ab? Vom 9. bis maximal zum 28. November wird in London die Schach-Weltmeisterschaft ausgespielt. Das Duell steigt in The College, einem altehrwürdigen Gebäude im Herzen der Stadt.

Wer ist der Favorit? Wie zuletzt eigentlich immer: Carlsen. Auch in diesem Jahr gewann der Norweger bereits drei hochkarätig besetzte Turniere.

Wie groß sind die Chancen auf eine Überraschung? Trotzdem gar nicht mal so gering. Schließlich ist Caruana zweifellos in der Form seines Lebens. Er liegt in der Weltrangliste direkt hinter Carlsen auf Rang zwei. Seine Bilanz gegen den großen Dominator der vergangenen Jahr ist zudem nur leicht negativ. Zuletzt trotzte er Carlsen beim prestigeträchtigen Sinquefield Cup in eigentlich aussichtsloser Situation immerhin noch ein Remis ab.

Wie ist der Modus? Gespielt werden maximal zwölf Partien, wobei das Eröffnungsrecht jeweils wechselt. Alle zwei Tage steht ein Ruhetag an. Für einen Sieg gibt es einen Punkt, bei Remis erhalten beide Kontrahenten jeweils einen halben. Erreicht ein Spieler vorzeitig 6,5 Zähler, ist das Duell beendet. Bei Gleichstand nach dem zwölften Spiel wird, wie bei der WM 2016 zwischen Carlsen und dem Russen Sergej Karjakin, ein Tiebreak mit verkürzter Spielzeit gespielt. Eine Million Dollar (875.000 Euro) liegen im Prämientopf.

Wo kann man die Spiele verfolgen? Im Internet gibt es unzählige Live-Ticker und auch Live-Streams, die das Geschehen auf dem Brett begleiten und kommentieren. Live-Bilder von den Spielern gibt es allerdings nur über den kostenpflichtigen Stream auf der offiziellen Homepage des Veranstalters.

Alle Schach-Weltmeister auf einen Blick

Wilhelm Steinitz (Österreich/USA) 1886–1894

Emanuel Lasker (Deutschland) 1894–1921

José Raúl Capablanca (Kuba) 1921–1927

Alexander Aljechin (Russland) 1927–1935/1937–1946

Max Euwe (Niederlande) 1935–1937

Michail Botwinnik (UdSSR) 1948–1957/1958–1960/1961–1963

Wassili Smyslow (UdSSR) 1957–1958

Michail Tal (UdSSR) 1960–1961

Tigran Petrosjan (UdSSR) 1963–1969

Boris Spasski (UdSSR) 1969–1972

Robert Fischer (USA) 1972–1975

Anatoli Karpow (UdSSR) 1975–1985/1993–1999

Garri Kasparow (UdSSR/Russland) 1985–1993

Alexander Chalifman (Russland) 1999–2000

Viswanathan Anand (Indien) 2000–2002

Ruslan Ponomarjow (Ukraine) 2002–2004

Rustam Kasimdschanow (Usbekistan) 2004–2005

Wesselin Topalow (Bulgarien) 2005–2006

Wladimir Kramnik (Russland) 2006–2007

Viswanathan Anand (Indien) 2007–2013

Magnus Carlsen* (Norwegen) 2013–

*Carlsen hat seinen Titel 2014 in Sotschi (gegen den Inder Viswanathan Anand) und 2016 in New York (gegen den Russen Sergej Karjakin) erfolgreich verteidigt.

Von 1993 bis 2006 war die Schach-Welt in zwei rivalisierende Verbände gespalten. In Konkurrenz zum Weltverband Fide gab es Weltmeister im sogenannten klassischen Schach: Garri Kasparow (Russland) 1993–2000; Wladimir Kramnik (Russland) 2000–2006.

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