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Festival in Bad Saarow: von einem Weinglas zum nächsten spazieren

Berliner Zeitung-Logo Berliner Zeitung 05.08.2022 Dirk Engelhardt
© Bereitgestellt von Berliner Zeitung

Mit der Bahn braucht es vom Bahnhof Friedrichstrasse aus rund eine Stunde bis Bad Saarow. Einmal umgestiegen in Fürstenwalde erreicht man dann den historischen Bahnhof des kleinen Kurortes in Brandenburg. Und von dort aus sind es dann nur noch runde 400 Meter Fußweg bis zum Ufer des Scharmützelsees – ein schöner Spaziergang durch den Kurpark.

Am kommenden Wochenende lohnt sich dieser Ausflug gleich doppelt: Dann findet zum zweiten Mal das Festival am See statt, mit fünf Aufführungen von Donnerstag bis Sonntag. „Die Idee dazu kam uns während des Lockdowns, als es für Musiker unmöglich war, vor Publikum aufzutreten“, erzählt Alexandra Gräfin von Stosch, die das Festival im vergangenen Jahr aus der Taufe hob. Gräfin von Stosch ist Geschäftsführerin der Artprojekt Entwicklungen GmbH mit Sitz in Berlin-Charlottenburg.

Am Donnerstag (11. August) beginnt die Sause am See mit einem Flanierkonzert inklusive Weinprobe. Dazu spielt das Trio Laccasax auf, zu dem Andrey Lakisov, Timofey Sattarov und Bernd Gesell gehören. Mit Saxofon, Akkordeon und Kontrabass eröffnen sie das Festival in den Kurpark Kolonnaden. Zu Fuß ziehen Publikum und Musiker mitsamt ihrer Instrumente dann weiter zum Seepalais, wo die Zuschauerinnen und Zuschauer weitere Weine probieren.

Am Freitag heißt es dann wiederum „Pasta e Opera“ im Restaurant Amiceria Bad Saarow. Zu italienischen Delikatessen und Getränken sind – open air – italienische Opernarien des internationalen Meisterkurses „The Art of Singing“ zu hören. „Wir möchten an diesem Abend spontane Situationen und unvorhergesehene Szenen schaffen“, so Organisatorin Susanne Kreusch, „die sich wie in einer Improvisation aus der Situation heraus entwickeln.“

Am Freitag werden vor allem Freundinnen und Freunde des argentinischen Tangos bedient – und das direkt in der Therme des Kurortes. Damit die Zuhörenden in Bewegung bleiben, soll der Abend zunächst im Garten der Villa Tara am Kurpark beginnen. Das 1910 gebaute Anwesen dient der Artprojekt-Gruppe sonst als Ausstellungszentrum.

Am Tangoabend jedenfalls wird es nach dem Aperitiv rüber in die benachbarte Therme gehen. Schwimmen müssen die Zuschauerinnen und Zuschauer freilich nicht – sie lauschen von der Loge aus der Tangomusik vom Piazzolla Glorvigen Quartett um Per Arne Glorvigen, der das Bandoneon spielt. Die Musiker stehen indes auf einer Plattform mit Steg im Pool. Auch dieses Konzert wird kulinarisch begleitet, gegen 22 Uhr wird das Dessert serviert.

Im Freilich am See, einem Restaurant mit bayerischem Einschlag, wird dann ein Brunch musikalisch begleitet von drei Musikern des JIB Jazz Institut Berlin, das von der Hochschule für Musik Hanns Eisler und der Universität der Künste gegründet wurde. Ausklingen wird das Festival dann am Sonntagnachmittag mit einem Konzert des 12-köpfigen Meisterkurses „Art of Singing“ im Eibenhof. Die Gesangstalente, die von verschiedenen Hochschulen und Opernhäusern kommen.

Perspektivisch träumt Veranstalterin Alexandra Gräfin von Stosch von einer Seebühne in Bad Saarow, doch das ist im Moment nur Zukunftsmusik. Man wolle junge Musikerinnen und Künstler unterstützen, heißt es von der Artprojekt-Gruppe jedenfalls immer wieder, das Berliner Unternehmen will mithin verschiedene Kulturformate in Bad Saarow etablieren. Und tatsächlich gibt es in dem rund 5000 Einwohnerinnen und Einwohner zählenden Ortes mittlerweile ein relativ großes entsprechendes Angebot.

Dazu zählt auch das Theater am See, das in einer historischen Villa residiert und auch ein Restaurant und Café beherbergt, und in dem bald Künstler wie Frank Schöbel und Götz Alsmann auftreten. Außerdem wäre da noch das Scharwenka Kulturforum, das sich im denkmalgeschützten ehemaligen Wohnhaus des Komponisten Xaver Scharwenka (1850-1924) befindet. Das Haus beherbergt ein kleines Musiker-Museum, das Scharwenka-Archiv und einen Saal für Veranstaltungen.

Xaver Scharwenka, ein international bekannter Komponist, Klaviervirtuose und Musikpädagoge, nannte das Haus liebevoll seine „Musenhütte“; heute finden dort Klavierkonzerte, Chansonabende, Kabarett, Jazz, Lesungen und Kurkonzerte statt. Auch die Musikschule Bad Saarow Violetta Liebsch leistet ihren Beitrag zum Kulturerbe des Brandenburger Kurortes. Künstlerinnen und Architekten hatten schon immer ein Faible für das beschauliche Bad Saarow am zehn Kilometer langen Scharmützelsee, dem zweitgrößten See der Mark Brandenburg.

In den 1920er Jahren hatte der Ort rund 1000 Einwohnerinnen und Einwohner, wurde zum beliebten Erholungsort der Berliner Kulturszene. Unter anderem residierten hier Max Schmeling und Harry Liedtke, der sowjetische Schriftsteller Gorki weilte zur Kur am Scharmützelsee. Das „Gorki-Haus“ in Bad Saarow, ein Holzhaus im nordischen Stil, 1920 als „Villa Putti“ errichtet, hat allerdings nur indirekt mit Gorki zu tun.

In DDR-Zeiten wurde hier eine Gedenkstätte errichtet – ob der Schriftsteller jemals in dem Haus war, ist allerdings nicht überliefert. Außerdem gibt es ein großes Wandbild aus Meißener Kacheln an der Maxim-Gorki-Oberschule, es zeigt den Dichter umringt von einer Kinder-Schar.

Ein Streifzug durch den Kurort lohnt sich allemal. Zum Beispiel errichtete der Architekt Harry Rosenthal ein Haus für den Maler und Graphiker Bruno Krauskopf, ein markantes Landhaus mit Reetdach. Sehenswert ist auch die eiförmige Villa Parolo an der Uferstraße, in den 1920er Jahren erbaut von Fritz Glantz.

Mit Bad Saarows Boheme war es aus bekannten Gründen ab 1938 vorbei, der Besitz jüdischer Künstlerinnen und Künstler wurde ihnen entrissen oder zerstört, viele flüchteten ins Ausland. Zu DDR-Zeiten waren große Teile des Seeufers nicht mehr zugänglich, weil sie für militärische Zwecke genutzt wurden. In den 1990er Jahren begann dann die Wiederbelebung Bad Saarows als Kurort; 1998 bekam der Ort die offizielle Anerkennung als Heilbad, wenig später wurde der Grundstein für die Saarow Therme gelegt.  Auf der Saarower Halbinsel wurde eine denkmalgeschützte Gutsanlage saniert, der Eibenhof. Auch er wird heute für Kulturveranstaltungen und Events genutzt.

Seit 2003 kümmert sich ein gemeinnütziger Verein um verschiedene Ausstellungsformate; unter anderem gründete er den Kultursommer Bad Saarow. In diesem Jahr geht dieser von Juli bis September, das umfangreiche Programm reicht von Kunstausstellungen und Chorkonzerten bis zu Grillfeiern und Geocaching-Events. An einem Abend tritt auch der einstige Star des DDR-Fernsehballetts Emöke Pöstenyi auf.

Mit dem Festival „Musik am See“ soll das Kulturlebe des Kurortes nun weitergedreht werden – und das nie ohne eine kulinarische Untermalung. Die künstlerische Verantwortung für das Festival haben die Mezzosopranistin Susanne Kreusch und der Theater- und Opernregisseur Johannes von Matuschka inne. Kreusch stand bereits in vielen Opernhäusern auf der Bühne, darunter die Berliner Staatsoper, die Deutsche Oper Berlin, das Festspielhaus Baden-Baden und das Teatro Carlo Felice in Genua. Johannes von Matuschka studierte Regie und Schauspiel am Wiener Max Reinhardt Seminar. Seine Arbeiten waren bereits auf der ganzen Welt zu sehen: vom indischen Chennai bis zu Bordeaux in Frankreich. Und nun reiht sich eben der kleine Kurort in Brandenburg ein.

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