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Georgien: Tourismussektor trotzt russischem Flugverbot

dw.com-Logo dw.com 29.11.2019 Peter Sawicki (Tiflis)

Seit Juli meiden russische Airlines Georgien - eine politische Maßnahme. Der dortigen Tourismusbranche hat das trotz vieler Befürchtungen nicht geschadet. Die Wirtschaftsbeziehungen beider Länder bleiben eng.

Blick auf die Hauptstadt Tiflis © picture-alliance/dpa/Z. Kurtsikidze Blick auf die Hauptstadt Tiflis

Wenn Mari Jobava und Keta Goletiani an den Sommerbeginn 2019 denken, haben sie gemischte Gefühle. Die beiden Frauen sitzen in der bunt dekorierten Halle einer früheren Textilfabrik in Tiflis, die jetzt ein modernes Café beheimatet, und bestellen warme Getränke. Am 21. Juni, erinnern sie sich, verbot Russland bis auf Weiteres Direktflüge nach Georgien - als Reaktion auf Proteste gegen den Besuch eines russischen Politikers im georgischen Parlament. Anfang Juli trat das Verbot in Kraft. Verstärkt wurde es durch Berichte im russischen Staatsfernsehen, wonach Georgien angeblich ein unsicheres Reiseziel sei.

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Viele Georgier machten sich Sorgen. Jedes Jahr verbringen Hunderttausende russische Touristen ihren Sommerurlaub in Georgien - viele Einnahmen drohten wegzufallen. Noch am selben Tag trafen sich Jobava und Goletiani mit drei Freundinnen, "um als Teil der Gesellschaft etwas zu bewegen", wie Jobava erklärt. Sie hatte eine konkrete Idee: die Gründung einer Kampagne mithilfe einer Facebook-Gruppe, in der Georgien-Urlauber Fotos posten und Reiseeindrücke teilen konnten, was neue Touristen angelockt sollte. Dafür schufen die Frauen den Slogan #Spend Your Summer in Georgia - #Verbringt Euren Sommer in Georgien.

Keta Goletiani und Mari Jobava haben auf Facebook eine Kampagne gestartet © Peter Sawicki Keta Goletiani und Mari Jobava haben auf Facebook eine Kampagne gestartet

Großer Zuspruch für Online-Aufruf

Das Resultat übertraf alle Erwartungen. Nach wenigen Tagen hatte die Gruppe 100.000 Mitglieder, mittlerweile sind es fast dreimal so viele. "Der Zuspruch war riesig. Paare haben sogar Flitterwochen umgebucht und sind dafür nach Georgien gereist", erzählt Goletiani. Und ergänzt, worin aus ihrer Sicht der Erfolg der Kampagne besteht: "Die Inhalte werden komplett von den Nutzern erstellt. Alle posten Fotos und Videos, die sie selbst gemacht haben. Damit tauschen sie authentische Emotionen aus."

Empirisch lassen sich die Auswirkungen der Kampagne zwar kaum prüfen. Die offiziellen Zahlen sprechen aber für sie. So reisten laut dem Nationalen Statistikbüro Georgiens im dritten Quartal dieses Jahres - also zur Hauptreisezeit - zwar ein Viertel weniger russische Touristen in den Südkaukasus als im Vorjahr. Die Gesamtzahl ausländischer Besucher stieg aber um fünf Prozent.

Weniger russische Touristen - aber mehr Besucher insgesamt

Davon profitierte auch das Hotel Castello Mare nahe Batumi im Südwesten Georgiens - obwohl es zunächst nicht einfach war, wie Managerin Naira Grigoryan betont. Das für lokale Verhältnisse hochpreisige Domizil lockt vor allem mit seiner Lage, direkt an der Schwarzmeerküste und umgeben von viel Grün. Russen kamen bisher besonders gerne. Dann kam das Flugverbot. "Ein Großteil unserer russischen Gäste hat den Urlaub storniert. Für August bedeutete das etwa, dass von 1.500 Reservierungen nur 500 wahrgenommen wurden. Das war keine angenehme Situation", schildert Grigoryan.

Georgien ist auch für seinen Wein berühmt © DW/V. Esipov Georgien ist auch für seinen Wein berühmt

Diejenigen, die trotzdem anreisten, seien mit dem Auto gefahren oder hätten Transitflüge über Weißrussland oder Armenien in Kauf genommen, ergänzt die Managerin. Um die drohenden Verluste auszugleichen, warb die Marketingabteilung des Hotels intensiv in anderen Ländern um Gäste - mit Erfolg. "Wir haben unsere Löcher gestopft. Es kamen neun Prozent mehr Gäste aus Polen und 35 Prozent mehr aus der Ukraine. Außerdem konnten wir zum ersten Mal viele Usbeken begrüßen."

Künftig will das Hotel, so Grigoryan, auch in China um Touristen werben. Ähnlich wie Castello Mare hätten auch andere Firmen aus der Reisebranche aus der Not eine Tugend gemacht und ihre Kundschaft diversifiziert, wie Beso Namchavadze ausführt. Der Analyst von Transparency International sieht den georgischen Reisesektor somit trotz gesunkener Besucherzahlen aus Russland gut aufgestellt.

Wirtschaftlich trotzdem enger an Russland herangerückt

Daraus zu schließen, dass sich der südkaukasische Staat vom großen Nachbarn im Norden abkoppele, sei aber irreführend. "Tatsächlich sind die Wirtschaftsbeziehungen beider Länder enger geworden", sagt Namchavadze, und schiebt Zahlen hinterher. "2012 hat Georgien nur zwei Prozent seiner Exporte nach Russland ausgeführt. Mittlerweile sind es 15 Prozent. Hinzu kommen Heimatüberweisungen von den ca. 500.000 Georgiern, die in Russland arbeiten. Sie machen bis zu zehn Prozent des georgischen Bruttoinlandsprodukts aus."

Blick auf die Gergeti Kirche bei Kasbegi im Grossen Kaukasus. Die Kirche liegt auf einer Höhe von 2170 Meter und wird auch Dreifaltigkeitskirche genannt. © picture-alliance/dpa/zb Blick auf die Gergeti Kirche bei Kasbegi im Grossen Kaukasus. Die Kirche liegt auf einer Höhe von 2170 Meter und wird auch Dreifaltigkeitskirche genannt.

Als Russland infolge westlicher Sanktionen 2015 in eine Rezession stürzte, habe das auch in Georgien das Wirtschaftswachstum gedämpft, so Namchavadze weiter. Zu einem gewissen Grad sei eine stabile russische Wirtschaft deshalb im Interesse Georgiens. Wenngleich er plädiert, dass das Land seine Abhängigkeit reduziert, und beispielsweise mehr in die EU exportiert.

Kampagnen-Initiatorin Keta Goletiani fügt hinzu, dass die politischen Beziehungen zwischen Moskau und Tiflis zwar angespannt sind. Persönliche Kontakte blieben dennoch bestehen. "Viele Georgier haben weiterhin russische Freunde und Verwandte, Politik hin oder her. Was außerdem wichtig ist: Es haben auch in diesem Jahr Russen ihren Urlaub hier verbracht und es zum Teil in unserer Facebook-Gruppe kundgetan. Damit haben sie gezeigt, dass Georgien kein unsicheres Reiseland ist."

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Autor: Peter Sawicki (Tiflis)

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