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Der Winter taucht Lissabon in magisches, melancholisches Licht

WELT-Logo WELT 18.02.2020 Konstantin Arnold
Lissabon mit seinen 2800 Sonnenstunden pro Jahr ist nicht nur im Sommer schön Quelle: Getty Images/Piero Damiani © Getty Images/Piero Damiani Lissabon mit seinen 2800 Sonnenstunden pro Jahr ist nicht nur im Sommer schön Quelle: Getty Images/Piero Damiani

Lissabons schönste Jahreszeit ist der Winter. Die Sonne scheint oft, und plötzlich hat man ein Auge für Orte und Plätze, die im Sommer links liegen bleiben. Zum Aufwärmen findet sich immer ein Café oder eine Bar.

Winter ist, wenn es sonnig ist und die Einheimischen in Lissabon Jacken tragen. Portugals Hauptstadt atmet dann kräftig durch, und ihr Atem ist klar und windig, atlantisch gereinigter Ozon.

Von den Menschen, die auch im Winter gerne in fremde Länder reisen, sieht man wenige, und die, die man sieht, haben oft keine Jacke an, sondern nur Hemden oder T-Shirts, weil sie angesichts der Sonne den Winter bereits im Februar für beendet halten. So mancher muss dann den Großteil seines Urlaubs erkältet im Bett der Ferienunterkunft verbringen.

Und verpasst dadurch den Charme von Lissabon im Winter. Der sich schon dadurch ergibt, dass die Stadt jetzt fast komplett den Lissabonnern gehört, von den Touristenmillionen des Sommers keine Spur.

Die Wege und Gassen sind leer, auch in den alten Straßenbahnen bekommt man nun mühelos einen Platz. Hin und wieder zieht der Rauch von frisch gerösteten Esskastanien vorüber. Alles ist gemütlicher, entspannter, melancholischer.

Im Winter zeigt sich der ganze Charme von Lissabon

Rund um Praça da Figueira und Rossio, zwei der schönsten Plätze der Innenstadt, kann man diesen Charme ganz deutlich spüren. Dort halten sich die Orangen an den Bäumen fest, Statuen wachen über wenig frequentierte Treppen, Graffitiwände und alte Straßenlaternen. Deren gelber Schein taucht die Stadt nachts in ein diffuses Winterlicht, das es in Sachen Romantikfaktor mit jedem prächtigen Sonnenuntergang aufnehmen kann.

Die Basílica da Estrela im Zwielicht eines Winterabends Quelle: Getty Images/Teresa Claudino © Getty Images/Teresa Claudino Die Basílica da Estrela im Zwielicht eines Winterabends Quelle: Getty Images/Teresa Claudino

Solange die Sonne noch scheint, lohnt es sich, manche Wege doppelt zu gehen. Einmal, um sich die Fassaden anzusehen, danach heftet man den Blick auf den Boden. Denn das Straßenpflaster, die calçada portuguesa, ist in Lissabon großflächige, großartige Kunst: Vielerorts haben Steinsetzer die Wege mit unterschiedlich behauenem und gefärbtem Kalkstein belegt.

Im Sommer verschwinden die geometrischen Formen und Figuren fast vollständig unter den Füßen der Besucherscharen, im Winter jedoch, wenn die Straßen leer sind, sind sie wieder zu erkennen und sorgen dank der intensiven Sonnenreflexion für das magische Licht in der Stadt. Auf dem Rossio ist das Wellenmuster besonders charakteristisch, während der Mittelstreifen der Avenida da Liberdade mit symmetrischen Ornamenten glänzt.

Nur wenn der Rossio-Platz menschenleer ist, entfaltet das Wellenmuster des Straßenpflasters seine ganze Wirkung Quelle: pa/imageBROKER/olf © pa/imageBROKER/olf Nur wenn der Rossio-Platz menschenleer ist, entfaltet das Wellenmuster des Straßenpflasters seine ganze Wirkung Quelle: pa/imageBROKER/olf

In den laubfreien Parks versperren keine Baumkronen die Sicht. Man kann im Jardim do Castelo de São Jorge, auf einer Bank sitzend, den Blick über den Rio Tejo und die Ponte 25 de Abril schweifen lassen, jene elegante Hängebrücke, die an San Franciscos Golden Gate Bridge erinnert, und weiter bis zu den Gipfeln der Serra da Arrábida hinüberschauen, die im klaren Winterlicht förmlich leuchten.

Niemand in der Nähe, nur ganz hinten, am Ende der Grünfläche, auf einer Bank, zwei Typen, die irgendetwas rauchen und dabei gute Laune haben. Die Sonne zieht sich schnell zurück, verschwindet hinter den Hügeln.

Wer sich hier verläuft, ist auf dem richtigen Weg

Es wird früh dunkel im Winter, lange bevor die Tage zu Ende sind. Es gibt den Moment, in dem es nicht mehr Tag, aber auch noch nicht Nacht ist und die Laternen noch aus sind, dann wirkt alles unwirklich und unwirtlich, fast ein bisschen trist. Doch nach einigen Minuten gehen die Lichter an, laden sich auf, und alles ist wieder gut.

Diese Zwischenzeit, Lissabons blaue Stunde, kann man gut in einem Café verbringen und sich hausgemachten Apfelkuchen servieren lassen, der ein bisschen schmeckt wie Weihnachten im Februar. Dazu einen kleinen Kaffee und einen Martini oder ein Gläschen Wermut, zum Beispiel im „Pois Café“ oder in der „Confeitaria Nacional“ – und die Gedanken werden angenehm leicht.

Die Brücke über den Tejo erinnert an San Franciscos Golden Gate Bridge Quelle: Getty Images/João Pedro Neves © Getty Images/João Pedro Neves Die Brücke über den Tejo erinnert an San Franciscos Golden Gate Bridge Quelle: Getty Images/João Pedro Neves

Danach: Kragen hoch, Hände in die Manteltaschen. Gut aufgewärmt und vielleicht mit ein wenig Schlagseite geht’s weiter, durch enge Gassen, über holpriges Pflaster.

Die Luft riecht unter den dicht behängten Wäscheleinen wie frisch gewaschen, egal wie hoch sich der Müll darunter auch manchmal stapeln mag. Die Straßenlaternen scheinen zusammen mit den beleuchteten Schaufenstern auf die Wege, und es ist schön, von diesen Wegen aus ins Lissabonner Leben zu blicken.

Und keine Angst, beim Bummeln die Orientierung zu verlieren. Im Gegenteil: Wer sich hier verläuft, ist auf dem richtigen Weg – einfach mal mutig das Smartphone mit Google Maps stecken lassen. Denn je mehr man bereit ist, in dieses Labyrinth vorzudringen, desto größer ist das Gefühl von Freiheit, desto besser spürt man die Seele der Stadt, desto mehr genießt man das Flanieren auf diesen Straßen, die nirgendwo hinführen.

Gassen und Gänge, Treppen und Graffiti, und immer wieder dieser Fluss. Quartiere, die gar nicht sehenswürdig wirken, werden in den Wintermonaten zu Attraktionen, an denen die Touristenscharen im Sommer achtlos vorbeiziehen.

In den Läden Antiquitäten und Maßanzüge

Da links: dieser Laden. Dort werden nur Sachen verkauft, die sich lange bewährt haben, klassische Hüte und Stöcke, sonst nichts, seit 1889. Direkt daneben ein kleines Atelier, mehrere Generationen alt, in dem ein gebeugter Schneider Maßanzüge anfertigt. Wundervolle Anzüge in makellosem Beerdigungsschwarz oder altmodischem Tintenblau, mit und ohne Nadelstreifen, mit eleganten Westen, die sich anschmiegen, als wäre man gerade mit ihnen auf die Welt gekommen.

Am schönsten aber strahlen die Auslagen der Antiquitätengeschäfte, die aus wertlosem und sehr wertvollem Zeug bestehen. Am Eingang solcher Läden stehen immer nette Herren mit wirrem Haar, von geistigen Leidenschaften gezeichnet.

Sie verkaufen vergangene Zeit. Schreibtische, die Sekretäre sind, Ständer, die Jacketts halten, Briefbeschwerer, Taschenuhren, Halterungen für teure Kugelschreiber, Silberdosen, Schnapskaraffen, Dinge, die gebaut wurden, damit sie Jahrhunderte halten, religiösen Plunder, Gefühlsspender, goldene Bilderrahmen, Sachen zum Hinstellen aus Holz, Glas, Leder und Metall. Vieles davon vor Jahrhunderten in Portugals Kolonien zusammengerafft.

Und überall Bücher! Sie stehen in Regalen oder auf dem Boden oder in Kisten oder in Einkaufstüten – und man hofft, dass die eigene Büchersammlung eines Tages nicht auch in solchen Einkaufstüten herumsteht, leblos, traurig, unbeachtet.

Die Stadt entfacht die Fantasie auf besondere Art

Im Sommer ist das alles anders, da schließen die Läden, bevor die Sonne untergeht, so dass die Auslagen nicht strahlen können. Und die Luft ist nicht klar, sondern heiß und staubig, manchmal zum Ersticken. Sicher, die Fassaden sind dieselben, aber es fehlt die Kraft und Vitalität der Winterwelt, so herrlich kalt und leer und trotzdem voller Sonne und Gefühl.

Aber Lissabon mit seinen 2800 Sonnenstunden pro Jahr ist nicht nur schön bei schönem Wetter. Sogar wenn ein Wintersturm aufzieht und Regen vom Atlantik bringt, wenn ein apokalyptischer Wind weht und es so aussieht, als würde jeden Moment mit aller Gewalt ein Gewitter aus dem Himmel brechen, ist Lissabon grandios. Erst recht, wenn sich die Wolken plötzlich genau dort öffnen, wo das Castelo de São Jorge steht, das Wahrzeichen der Stadt.

Im einzigen Sonnenlicht des Tages glüht die Burg dann wie Wintergold, die Bäume auf dem Burgberg wehen magisch im Wind, man fühlt sich dem Himmel nahe und würde sich nicht wundern, wenn die steinernen Stadtväter, Künstler und Könige in diesem Moment ergriffen von ihren Sockeln und Rössern steigen würden, fleischlich ins Leben zurückgekehrt, um sich vor ihrer Stadt zu verneigen.

Dann schließt sich der Himmel wieder, alles ist grau und geht einfach so weiter, und die Statuen stehen dort, wo sie hingehören, als ob nichts gewesen wäre – war ja auch nichts außer der Fantasie, die in dieser Stadt auf besondere Art entfacht wird.

Knarrend rumpelt die Straßenbahn durch die Altstadt

Bisher ist Lissabon das 21. Jahrhundert mit seiner Hektik und Rastlosigkeit wenig anzumerken, noch gibt es viel Altes, Bewahrtes, Liebenswertes. So wie die antiquierte Straßenbahn, die knarrend durch die Altstadt rumpelt. So wie die Senioren, die bei jedem Wetter auf Bänken sitzen und Karten spielen und wissen, dass die Kälte immer nur etwas Vorübergehendes ist und die Wege von Café zu Café kurz sind.

Wer genau hinsieht, kann das Alte aber in kleinen Schritten schwinden sehen, in der Verzweiflung der Schuhputzer, denen die Kunden ausgehen, weil die meisten nur noch Stoffschuhe tragen. In den durch Automaten ersetzten Losverkäufern. In den auf Fahrrädern herumstreifenden Messerschärfern, die nichts mehr zum Scharfmachen finden, weil alle alles wegwerfen und lieber neu kaufen.

Im Winter sind die Gassen der Stadt leer, auch in den alten Straßenbahnen bekommt man nun mühelos einen Platz Quelle: Getty Images/Tuul & Bruno Morandi © Getty Images/Tuul & Bruno Morandi Im Winter sind die Gassen der Stadt leer, auch in den alten Straßenbahnen bekommt man nun mühelos einen Platz Quelle: Getty Images/Tuul & Bruno Morandi

Zu den Traditionshäfen Lissabons zählen auch die Tascas, diese kleinen, günstigen (und im Winter beheizten) Lokale, wo auch die Einheimischen gerne speisen gehen. Mit den Tascas ist das aber so eine Sache. Man muss sich auskennen oder Glück haben, und auf Touristenführer sollte man sich nicht verlassen, denn die Tascas, die sie wärmstens empfehlen, sind meist keine ordentlichen Tascas mehr.

Faustregel: ausprobieren! Es ist fast egal, was man bestellt oder welche Musik läuft, solange man guten, blutroten Wein trinkt und mit gesundem Hunger isst und das alles in guter Gesellschaft tut. Die in Lissabon übrigens fast immer raucht – in den sehr guten Tascas gibt es kein Rauchverbot. Das Essen in diesen Restaurants ist schwer, ob Pernil no Forno (Schweinshaxe) oder Borrego assado (Lammbraten) oder Cozido à portuguesa (deftiger Eintopf); es kann einen umlegen.

Wer klug ist, legt den Rückweg Richtung Bett in der Ferienunterkunft so, dass er über den Rossio führt. Dort steht das prächtigste Grandhotel der Stadt, das „Avenida Palace“, dort geht es hinein. Die Lobby des Hauses ist rot-weiß und hoch und ganz aus Marmor, alles alt und original, doch das Ziel dieses Abstechers ist die ausgezeichnete Hotelbar.

Hier stehen, neben den üblichen Cocktail-Klassikern, allein acht Portweine, vier Madeiras und acht Aguardantes portuguesas, vorzügliche portugiesische Brandys, auf der Karte. Ganz billig ist die elegante Tränke nicht, aber einen stilvolleren Ort für einen Absacker gibt es in ganz Lissabon nicht.

Quelle: Infografik WELT © Infografik WELT Quelle: Infografik WELT

Tipps und Informationen

Anreise: Lissabon wird von Deutschland aus nonstop angeflogen zum Beispiel von Lufthansa, Easyjet oder TAP Air Portugal.

Unterkunft: „Avenida Palace“, Grandhotel nahe der Station Rossio, Doppelzimmer ab 198 Euro (www.hotelavenidapalace.pt); „Feeling Chiado 15“, Pension im Trendviertel Chiado, Doppelzimmer ab 80 Euro (feelingchiado.com); „PH Downtown Suites“, zentral gelegen, Doppelzimmer ab 74 Euro (ph-downtown-suites.go-lisbon-hotels.com/de/).

Cafés und Tascas: „Pois Café“, dicke Mauern, guter Apfelkuchen (R. de São João da Praça 93 95); „A Brasileira“, am besten gegen 22 Uhr besuchen, Kaffee und Aguardente Velha bestellen (R. Garrett 122); Tasca „O Satélite“, solide Kellner servieren billigen Wein und Fleisch mit Ei drauf (Tv. Pereira); „Casa da India“, vollgestopft, rustikal, mit Grill, günstig (Rua do Loreto 45).

Weitere Infos: visitlisboa.com; visitportugal.com/de

Dieser Text ist aus der WELT AM SONNTAG. Wir liefern sie Ihnen gerne regelmäßig nach Hause.

Quelle: WELT AM SONNTAG © WELT AM SONNTAG Quelle: WELT AM SONNTAG

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