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Eine Tour auf dem Weser-Radweg macht glücklich

WELT-Logo WELT 04.09.2018

Wasser-Mühle: Der Weser-Radweg führt Radler meist direkt am Fluss entlang, bietet aber noch andere schöne Ausblicke – auf Windmühlen, Fachwerkhäuser, grüne Auen © Gerhard Fitzthum; picture alliance/blickwinkel Wasser-Mühle: Der Weser-Radweg führt Radler meist direkt am Fluss entlang, bietet aber noch andere schöne Ausblicke – auf Windmühlen, Fachwerkhäuser, grüne Auen

Der gut 500 Kilometer lange Weser-Radweg gehört zu Deutschlands schönsten Radfernwegen. Entlang der Strecke gibt es hübsche Orte sowie Weltkulturerbestätten zu bestaunen, und am Flussufer laden Biergärten ein.

Wer auf dem Weser-Radweg unterwegs ist, kann sein Glück kaum fassen. Statt neben drögen Dämmen, lauten Autostraßen und schnurgeraden Bahntrassen herzustrampeln, folgt man immer wieder stundenlang dem stillen Ufersaum – ein Naturerlebnis, das diesen Namen noch verdient.

Zweigt die Route dann doch mal ins Hinterland ab, so kann man sich auf die blau-gelben Täfelchen mit dem Schriftzug "Weser-Radweg" verlassen. In kleineren Lettern steht darunter: "Die schönste Reise entlang der Weser". Stimmt genau! Wie sonst sollte man einem Fluss, seinen Landschaften und seinen geschichtsträchtigen Dörfern und Städten wirklich nahekommen?

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Allerdings fehlt dem in Bremerhaven in die Nordsee mündenden Strom etwas sehr Wesentliches: eine Quelle. Im Mittelalter Wesera oder Wissula genannt, ist die Weser plötzlich einfach da, am Ortsrand von Hannoversch Münden nämlich – dort, wo Fulda und Werra gemeinsame Sache zu machen beginnen. Natürlich hätte man gerne gesehen, wie eine spätere Bundeswasserstraße noch als kleines Rinnsal durchs Gelände mäandert.

Hunderte Fachwerkhäuser und Werke des Barock

Hannoversch Münden lässt diesen Verlust aber schnell vergessen: Die Altstadt besticht durch ein geschlossenes Ortsbild mit nicht weniger als 700 Fachwerkhäusern aus sechs Jahrhunderten, eines schöner als das andere.

Man freut sich doppelt: über die mittelalterliche Architektur, die einem direkt vor Augen steht. Und über die Aussicht, auf den nächsten 515 Kilometern noch viele solcher Fachwerkperlen zu Gesicht zu bekommen.

Bad Karlshafen, die zweite urbane Preziose am Weser-Radweg, macht da eine Ausnahme. Die letzte Stadt auf hessischem Boden präsentiert sich als Gesamtkunstwerk des bürgerlichen Barock, in dem der Steinbau dominiert.

Landgraf Carl von Hessen hatte für die nach 1670 aus Frankreich vertriebenen Hugenotten einen schachbrettförmig angelegten Siedlungskern bauen lassen. Er erhoffte sich vom Zuzug der fleißigen Protestanten einen wirtschaftlichen Aufschwung, der tatsächlich auch einsetzte.

Weil von Aufschwung in diesem Teil Nordhessens heute keine Rede mehr sein kann, ist der Fremdenverkehr wichtiger denn je. So greift man in der etwas angestaubt wirkenden Kurmetropole jetzt tief in den Stadtsäckel, um dem Ortsbild seine einstige Strahlkraft zurückzugeben.

Im Moment noch Großbaustelle, wird das 1930 aufgelassene innerstädtische Hafenbecken bald wieder mit dem Fluss verbunden sein. Carl hatte seinerzeit den allzu ehrgeizigen Plan, von hier einen schiffbaren Kanal in die Residenzstadt Kassel bauen zu lassen, um eine lästige Zollstelle zu umgehen.

Weser-Strecke war Deutschlands beliebtester Radweg

Für die touristische Entwicklung ist die Strukturschwäche zwischen Solling und Reinhardswald keineswegs ein Nachteil. Weil Investoren einen weiten Bogen um das Weserbergland machen, ist das Landschaftsbild herrlich intakt geblieben. Behäbig dümpelt der Fluss durch behagliche Mittelgebirgsszenerien. Ein Idyll, das nirgendwo von Straßengeflechten und Siedlungsbrei gestört wird und seinesgleichen sucht.

Obwohl einem jeden Tag Dutzende von schwer bepackten Pedaltretern entgegenkommen, klagt der eine oder andere Hotelier, dass sie nicht mehr so zahlreich seien wie früher. Ob das stimmt ist fraglich. Denn Jahr für Jahr werden entlang der Weser rund 250.000 Radfahrer gezählt, wovon etwa jeder zehnte länger als einen Tag unterwegs ist. Mancher Gastgeber hatte sich wohl daran gewöhnt, den Radtourismus für einen Selbstläufer zu halten, für den man nichts tun muss.

Zunächst funktionierte das auch, denn der Weser-Radweg gehört mit dem Donau- und dem Altmühlradweg zu den Pionierangeboten für Langstreckenradler – das erste Teilstück wurde bereits 1987 eröffnet, lange bevor das Flüsseradeln zum Volkssport wurde. In der Folgezeit genoss die durch Hessen, Nordrhein-Westfalen, Niedersachsen und Bremen führende Route das Image, der beliebteste Radweg Deutschlands zu sein.

Doch dann begann der Radelboom und bald darauf auch die Subventionspolitik der rot-grünen Bundesregierung. Plötzlich gab es an jedem nennenswerten Flüsschen einen durchgehenden Radweg, die Konkurrenz wurde größer und größer und die Elbe lief der Weser den Spitzenrang ab. So käme es einem Wunder gleich, wenn sich die Befahrungszahlen weiter steigern ließen.

Weltkulturerbe und Biergärten direkt am Flussufer

Um den Top-Trail der 90er-Jahre wieder ins Gedächtnis zu rufen, entschlossen sich die bislang nur lose kooperierenden Regionalverbände zu einer "Qualitätsoffensive Weser-Radweg". Ihr Ziel: Die verwaltungstechnischen Hindernisse zu beseitigen, das Marketing zu verbessern und das Produkt zu optimieren. Dazu gehörte die einheitliche Ausschilderung, die Beseitigung von Problemstellen, die Verlegung des Weges von Straßen- zur Flussnähe.

Und dazu gehörte auch, dass man das Beratungsmonopol des Allgemeinen Deutschen Fahrrad Clubs (ADFC) in Anspruch nahm und diesen mit einer Qualitätsprüfung beauftragte. Voriges Jahr wurden der bis nach Cuxhaven verlängerten Weserroute dann vier von fünf möglichen Sternen verliehen, freilich ohne große Medienresonanz.

Unter denen, die in diesen Tagen auf dem Weser-Radweg anzutreffen sind, hat so gut wie niemand etwas vom neuen Gütesiegel gehört. Die effektivste Werbung ist nun mal gratis: Sie beruht darauf, dass zufriedene Gäste ihren Freunden und Bekannten von ihren tollen Erlebnissen erzählen.

Und da gibt es viel zu berichten. Vom 1093 gegründeten Benediktinerkloster Bursfelde, von der Weltkulturerbestätte der karolingischen Klosteranlage Corvey, vom Münchhausenstädtchen Bodenwerder mit seiner idyllischen Weserpromenade, von der Weserrenaissance-Architektur der Rattenfängerstadt Hameln, vom opulenten Kaiser-Wilhelm-Denkmal an der Porta Westfalica und von den wunderbaren Biergärten, die es immer wieder direkt am Ufer gibt.

Hinter Minden verändert sich die Landschaft

Szenenwechsel dann kurz hinter Minden: Die Gegend wird völlig flach, die Dichte der sehenswerten Städte und Städtchen nimmt ab und man ertappt sich dabei, den Radelmodus auf Streckemachen umzustellen. Die norddeutsche Tiefebene ist aber bei Weitem nicht so trostlos, wie man das erwartet hätte: Von einer ausgeräumtem Agrarsteppe kann jedenfalls keine Rede sein.

Zwar hat die Zahl der großflächigen Mais-, Raps-, Rüben- und Kornfelder zugenommen, es gibt daneben aber nach wie vor ausgedehnte Wiesen und Weideflächen, auf denen Schafe, Kühe und Pferde stehen. Aufgelockert wird das Landschaftsbild zudem durch markante Einzelbäume, Auwaldreste und Gebüschreihen. Erstaunlich, was da alles der Flurbereinigung der 70er-Jahre entgangen ist!

Die Erlebnisqualität verringert sich aber schon deshalb, weil die Weser zunehmend aus dem Blick verschwindet. Zwischen Nienburg und Bremen sieht man sie allenfalls noch mal aus der Ferne oder beim Passieren einer Brücke. Endlos lange geht es jetzt auf breiten und oftmals schnurgeraden Flurwegen dahin, vorbei an 200 Meter hohen Windrädern, die die jahrhundertealte Kulturlandschaft nachhaltig entzaubern.

Mit Wehmut blickt man auf die Tage an der Oberweser zurück, in denen alles noch viel anheimelnder wirkte und man den Wasserlauf direkt neben sich hatte. So perfekt der Routenverlauf bislang auch gewesen sein mag, an der Unterweser ließe sich noch einiges verbessern.

In Bremen sind die Durststrecken schnell vergessen

Mit dem Spannungsabfall ändert sich auch der Charakter des Unterwegsseins. Man ist nun eher in sich gekehrt, beginnt vor sich hinzuträumen – und hinzudämmern. Im besten Fall entsteht ein Flow-Erlebnis, ein meditatives Dahingleiten, bei dem man die Welt um sich herum vergisst und alles irgendwie gut ist.

Man hat jetzt aber auch die Zeit, sich mit dem Radweg selbst zu beschäftigen: Wo bleiben eigentlich die schmaleren Passagen, die einen zwischen Rinteln und Ovenstädt stärker in die Natur hineingezogen hatten? Wo die mit hellem Feinschotter versehenen Naturwege, die dem Auge so guttun?

So rollfreundlich die drei Meter breiten Asphaltbänder auch sind, die dem ADFC als Mindeststandard gelten – wie so oft im Leben gibt es auch hier ein "Zuviel des Guten". Wer tagelang durch die Landschaft rollt, will die Natur auch mal direkter erleben und den Feinsplitt unter den Reifen rauschen hören. Nicht immer, aber hin und wieder. Sonst wird es irgendwann eintönig und man kommt sich vor, als sei man auf eine Autobahn geraten, bei der nur noch der Mittelstreifen fehlt – eine Autobahn für Radler.

Kurz vor Bremen ist der Fluss dann plötzlich wieder ganz nah. Erstaunlich, wie sehr das die Sinne belebt und wie schnell die Durststrecken vergessen sind. Schön ist es an der Weser! Wer hier mit dem Rad unterwegs ist, kann sein Glück auch nach gut 500 Kilometern kaum fassen.

Tipps und Informationen

Der Weserradweg (weserradweg-info.de) ist bestens markiert, weitestgehend flach und verkehrsfrei und eignet sich deshalb auch für Familien. Weitergehende Infos: Weserbergland Tourismus, weserbergland-tourismus.de.

Anreise zum südlichen Startpunkt: im Stundentakt mit der Bahn von Kassel oder Göttingen nach Hannoversch Münden. Zurück ab Bremerhaven oder Cuxhaven.

Übernachten entlang der Strecke kann man gut im "Hotel Goldener Anker" in Bodenwerder (Doppelzimmer mit Frühstück ab 79 Euro, goldeneranker.com), in der "Pension Fernblick" in Bad Karlshafen (Doppelzimmer mit Frühstück ab 64 Euro, pension-fernblick.de) oder im "Hotel Weserschlößchen" in Nienburg (Doppelzimmer mit Frühstück ab 93 Euro, weserschloesschen.de).

Entlang des Weserradwegs gibt es schöne Biergärten und Cafés zum Verschnaufen, zum Beispiel "Grohnder Fährhaus" in Grohnde, "Landhotel zum Anker" in Wahlsburg, "Café Weserscheune" in Petershagen-Buchholz, "Altes Fährhaus" in Bad Oeynhausen, "Filmhof Hoya" und "Hofcafé Storchennest" in Estorf.

Vergleichsweise beschauliche Flusspassagen, die noch nicht vollends zu Radlerautobahnen ausgebaut wurden, findet man vor allem an der Ober- und Mittelweser. Andere naturnahe Radwege in Deutschland ziehen sich zum Beispiel rund 170 Kilometer die Eder entlang (eder-radweg.de) und durch das bayerische Altmühltal (altmuehl-radweg.de). Auch am deutschen Abschnitt der Donau, vor allem am Baden-Württembergischen Oberlauf des Flusses, geht es noch recht beschaulich zu, ebenso zwischen Neuburg und Ingolstadt (donau-radweg.info).

In die Kategorie Radlerautobahn fallen dagegen beispielsweise der Mainradweg (mainradweg.com), der Radweg Liebliches Taubertal (liebliches-taubertal.de/Aktiv/Radfahren) und der kürzlich modernisierte Fuldaradweg (fuldaradweg.de).

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