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Flussfahrt auf der Seine: An jedem Halt eine Notre-Dame

Berliner Zeitung-Logo Berliner Zeitung 13.08.2017 berliner-zeitung
Blick von der Burg in Les Andelys auf die himmelblaue Seine: Flussfahrt auf der Seine: An jedem Halt eine Notre-Dame © Herbert Schulze Flussfahrt auf der Seine: An jedem Halt eine Notre-Dame

Natürlich malen wir uns eine Lichterfahrt aus. Wenn schon die Chance besteht, ganz en passant auf einer Flussreise in Paris vorbeizukommen, sieht man in Gedanken rechts den Eiffelturm, links Notre-Dame und über sich die Liebenden auf der Pont Neuf, langsam verschwindend im nächtlichen Großstadt-Glamour. Auch die Katalogtexter schwärmen, dass die Stadt nirgendwo verlockender aussieht als vom Schiff.

Seine in Paris, Blick auf den Grand Palais im Abendlicht © AFP Seine in Paris, Blick auf den Grand Palais im Abendlicht

Aber nicht alle großen Hotelschiffe dürfen vorfahren bis ins Pariser Stadtgebiet. Die Rostocker Reederei „A-Rosa“, die die Route in Richtung Atlantik in ihrer ersten Saison anbietet und dazu Journalisten einlädt, legt vorerst noch etwas außerhalb an, in St. Denis.

Die Stadt als Schauspiel

Nun, die Fahrt ins Zentrum mag auf dem Schiff behaglich ausfallen, mit dem Bus ist sie dafür aufregend. Denn auf der Straße tobt das Leben, die Metropole zollt dem Business ihren Tribut. An den großen Kreuzungen beobachtet man verblüfft, wie Dutzende Fahrzeuge schräg, längs, quer bis ans Blech aufeinander zu fahren, sich heillos ineinander verknäulen, durchschnaufen und dann doch besonnen hupend ihrer Wege schleichen. Nichts für Anfänger, aber ein Schauspiel, wie die ganze Stadt.

Voll ist sie an diesem Sommertag, die Schlangen zum Louvre oder zu Sacré-Coeur endlos, wirkt dabei aber so prachtvoll und strahlend, gelassen und verspielt, eine einzige Aufforderung zum verbummelten Schlendern, wie man es eben doch nur in Paris erlebt.

Blick auf die Notre-Dame von Paris © AFP Blick auf die Notre-Dame von Paris

Gerade hatte man sich wieder die eigene Hauptstadt schön geguckt, da blättert sich für diese kurzen Augenblicke noch mal eine ganz andere Dimension von Schönheit auf, eine selbstverständliche, ewig gewachsene, nie zerstörte Stadt, die stolz und unbeirrt alles neben sich in den Schatten stellt. Sie strahlt Lust zum Bleiben aus. 

Na gut, auf Wohnungssuche begibt man sich besser nicht, hier hat die Gentrifizierung ihr gieriges Werk vollendet. Auf der Champs-Élysées etwa wohnen nicht mal mehr Reiche. Die Jahresmieten liegen bei über 11.000 Euro – pro Quadratmeter. Das Postamt verschwand, als sich seine Miete verachtfachte. Als Besucher bemerkt man keinen Verlust an Magie – trotzdem gut, dass heute ein komfortables Hotelschiff auf uns wartet.

Entrückte Landschaftsblicke

Es beginnt eine stille, beschauliche Flussreise hinauf bis Caudebec-en-Caux und zurück, bei der wir fast alle sieben Tage woanders erwachen und die Normandie mit ihren Reizen funkelt. Die Route mag nicht so populär sein als die südliche Rhône-Fahrt hinunter in die Provence, doch zu Unrecht.

Abendstimmung an der Seine mit beleuchteter Altstadt © Herbert Schulze Abendstimmung an der Seine mit beleuchteter Altstadt

Die Normandie bietet nicht weniger entrückte Landschaftsblicke und Postkarten-Städte am Wegesrand. Nur dass die Menschen hier im Norden Äpfel ernten statt Wein, daraus Cidre, Pommeau und Calvados herstellen, dabei Herden von Fleischkühen auf fetten Weiden ein glückliches Leben erlauben. Der Landstrich wartet zudem mit der Wucht von Geschichte auf, nicht nur der älteren.

Fachwerk und Historie

Blick auf gut erhaltene Fachwerkhäuser in Rouen © Herbert Schulze Blick auf gut erhaltene Fachwerkhäuser in Rouen

Aber damit fängt es an, in Rouen, Hauptstadt der Normandie – 2.000 Jahre Historie, 2.000 mittelalterliche Fachwerkhäuser, die Stadt der hundert Kirchtürme. Man verlässt die Kathedrale Notre-Dame, gotisch-flamboyant-erhaben, so alt und fast so schön wie ihre Pariser Schwester, und steht gleich vor der nächsten.

Auf dem Marktplatz brannte 1431 die 19-jährige Johanna von Orleans auf dem Scheiterhaufen, bevor das Urteil revidiert wurde. An der Stelle breitet sich leider ein scheußlicher Kirchen-Neubau aus, ansonsten ist die Stadt wie fast alle hier liebevoll und herrlich windschief erhalten. Kein Bäcker, kein Fleischer, kein Käseladen scheint den effizienten Ketten zu weichen. Frankreich isst gern und gut.

Obwohl es noch 120 Seine-Kilometer sind bis zur Atlantikmündung, unterhält schon Rouen einen veritablen Seehafen mit Ebbe und Flut: Einen Meter sinkt unser Schiffsfenster nachts die Kaimauer runter. Von Caudebec-en-Caux aus inspizieren die Passagiere nun in Bussen ein Stück Atlantikküste – die ist gegensätzlicher kaum denkbar.

Auferstanden aus Beton

So steht die Mündungsstadt Le Havre unter dem Schutz des Unesco-Weltkulturerbes. Nicht, weil sie so fabelhaft erhalten blieb, sondern im Gegenteil, weil sie so schnell, billig und würdig wieder auferstand, aus Beton.

1944 unter feindlicher deutscher Besatzung von britischen Bombern komplett zerstört, sieht sie heute ein bisschen aus wie Eisenhüttenstadt.

Aber mit Hafen und direkt am Meer! Gar nicht weit von der windigen Alabasterküste und den grandiosen, steil aufsteigenden Kreidefelsen von Étretat.

Schick am Strand

Blick über die Dächer von Les Andelys mit Notre-Dame © Herbert Schulze Blick über die Dächer von Les Andelys mit Notre-Dame

Und westlich der Seine-Mündung beginnt gleich die Côte Fleurie mit den schönsten Küstenorten der Normandie. Honfleur, bestens erhalten aus dem 17. Jahrhundert mit siebenstöckigen Wohnhäusern und einer Holzkirche, die ihren Turm etliche Meter auf Abstand hält, sieht sie aus wie ein einziges Freiluftmuseum. Und Deauville, berühmt für endlos breite weiße Sandstrände, Wochenendziel der Pariser Gesellschaft, nimmt es an Schick und Grandezza locker auf mit den mondänen Badeorten der Côte d’Azur. Solche potenziellen Urlaubsziele hätten die wenigsten der 200 Passagiere in der Normandie verortet.

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Bis zum Schluss bietet im Grunde jeder Halt eine Notre-Dame und noch eine Attraktion. Auf der Rückfahrt sind es etwa Monets Gärten mit den Seerosenteichen in Giverny bei Vernon. Aber keine falsche Romantik, man erlebt die Blütenpracht in Gruppendynamik – über 500.000 Besucher jährlich.

Kreuzfahrer sitzen auf dem Sonnendeck des Schiffes mit Blick auf die Seine © Herbert Schulze Kreuzfahrer sitzen auf dem Sonnendeck des Schiffes mit Blick auf die Seine

Die Burgruine des englischen Königs Richard Löwenherz hoch über Les Andelys thronend und die stillen Wanderwege ringsherum dagegen kann man mit etwas Glück für sich haben. Die Festung aus dem 12. Jahrhundert bietet, na was – unerhörte Ausblicke. Nur das sachte Dahingleiten auf dem Sonnendeck zurück nach Paris, das ist noch schöner.

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