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Hier kann man Wein trinken und Millionäre angeln

WELT-Logo WELT 09.11.2018
© Ernst August Ginten

Amazon, Boeing, Microsoft und noch mehr – in Seattle gibt es viele Firmenzentralen und viele reiche Leute. Aber das ist längst nicht alles, was die Stadt bieten kann. Vor allem durch die Lage am Wasser.

Das beste ist die Luft. Wer nach einem langen Flug aus Europa am Flughafen Seattle-Tacamo aus dem Terminal tritt, atmet automatisch ganz tief ein: Sauerstoff, ungefiltert, mit einem Hauch Salz. Der Pazifik ist nah, das riecht man. Und nach ein paar Kilometern auf dem breiten Highway sieht man es dann auch: das Wasser des Puget Sound.

Ein fjordartiges Gewässer, so breit, dass selbst riesige Container- und Kreuzfahrtschiffe von Weitem wie Spielzeuge aussehen.

Und nirgendwo sonst an der amerikanischen Pazifikküste stehen so viele Bürohochhäuser fast direkt am Wasser, in denen viel Geld verdient wird: Amazon, Microsoft, Starbucks und seit eh und je Boeing ernähren die Menschen in Seattle und Umgebung gut. Die Millionärsdichte ist sehr hoch, das Lebensgefühl locker.

Seattle wurde bereits mehrfach zur lebenswertesten Stadt in den USA gewählt. Den Reiz der City, und das ist in großen amerikanischen Städten eher ungewöhnlich, kann man am besten zu Fuß oder mit dem Rad entdecken.

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Amazon dominiert das Zentrum

Seattle ist zuallererst Amazon-Land. Der Internetriese hat in Downtown einen Großteil der Bürohochhäuser übernommen, und noch dazugebaut. Rund 40.000 Menschen arbeiten hier mittlerweile für Jeff Bezos, den reichsten Mann der Welt. Direkt neben dem futuristischen Amazon-Büroneubau The Spheres geht es hinein in den Laden der Zukunft namens Amazon Go – denn hier gibt es keinen Kassierer mehr. Kunden müssen sich mit ihrer Amazon-Go-App beim Betreten des Ladens an einer Zutrittsschranke per QR-Code identifizieren, beim Verlassen des Ladens wird dann automatisch das Amazon-Kundenkonto belastet.

Kameras, Sensoren und künstliche Intelligenz beobachten die Kunden dabei auf Schritt und Tritt. Am Ausgang durchleuchten sie schließlich alle gekauften Produkte und legen sie in einen virtuellen Warenkorb. Den Kassenzettel gibt es dann digital in der App.

Normalos sind zwar noch skeptisch, doch mittlerweile gibt es drei dieser Hightech-Spätis in Seattle. Der erste Amazon Go eröffnete im vergangenen Januar im Basement eines Amazon-Bürogebäudes in Downtown, der neueste ist gerade im Stadtbezirk South Lake Union eröffnet worden, als mit 195 Quadratmetern Fläche größter bisher. Geführt werden vor allem Convenience-Produkte für den schnellen Snack oder die Mittagspause. Zusätzlich ist ein Grundangebot an Lebensmitteln vorrätig sowie Dinge des täglichen Bedarfs. Außerdem hat Amazon auch wieder Meal Kits vorrätig, die sämtliche Zutaten für die Zubereitung eines frischen Gerichtes am heimischen Herd enthalten.

Ein 111-jähriger Bauernmarkt

Die Vergangenheit der Nahrungszubereitung und der Ernährung sind nur ein paar Gehminuten die Pine Street hinauf entfernt. Direkt am Wasser ist der am längsten durchgehend geöffnete Bauernmarkt der USA zu besichtigen. Seit 1907 gibt es im Pike Place Market Fisch, Fleisch, Käse, Gemüse – aber auch einen Friseur, allerlei touristischen Tand und natürlich jede Menge Restaurants im und rund um den Markt.

Dort wird der frische Wildlachs von den Fischverkäufern zur Belustigung der Touristen immer mal wieder lauthals von Mann zu Mann geworfen und danach gleich zu leckeren Gerichten verarbeitet, Wasserblick inklusive.

Eines davon ist "Etta's". Dort gibt es wahrscheinlich die beste Clam Chowder der Stadt. Das ist eine sämige, mit Milch oder Sahne sowie Kartoffeln aufgepeppte Muschelsuppe, die eigentlich an der amerikanischen Ostküste erfunden wurde. Aber da es im Nordwesten jede Menge frisches Seafood gibt, steht sie auch hier überall in den Restaurants, aber ebenso in kleinen Imbissen rund um den Pike Place Market auf der Karte.

Bei "Etta's" wird sie frisch gekocht, ansonsten gibt es natürlich frisch gefangenen Wildlachs und Crabs in allen Variationen. Das Restaurant direkt am Wasser gehört zum Gastroimperium von Tom Douglas. Er ist so etwas wie der Tim Raue der pazifischen Nordwestküche. Vor etwa 30 Jahren hat er sein erstes Restaurant eröffnet. Mittlerweile sind es 13, alle mit einem eigenen Gastrokonzept. Nicht billig, aber gut! Und dazu gibt es Riesling, fruchtigen Chardonnay und Rotwein aus Syrah-Trauben.

Guter Wein aus der Region

Der meiste Wein, der hier verkauft wird, wird ganz in der Nähe gekeltert. Viele Gewächse können sich mittlerweile durchaus mit der europäischen Konkurrenz messen. Die meisten Reben wachsen auf sandigen Böden im warmen trockenen Klima des Columbia Valley. Rund 116 Weingüter gibt es mittlerweile im Woodinville Wine Country, das rund 30 Minuten nordöstlich von Downtown liegt.

Das größte ist das Chateau Ste. Michelle, das sich mit deutscher Beratung aus dem Rheingau und unter Winemaker Michael Januik zu einem der führenden Weingüter in den USA entwickelt hat. Januik, der ein wenig aussieht wie der späte Lech Walesa, arbeitet mittlerweile für das Weingut Novelty Hill, das der Familie Alberg gehört, die auch zu den ersten Investoren bei Amazon zählte.

Zu Januik zieht es derzeit vor allem die hippen Hightechmanager von Microsoft und Co., die dort gerne in dem stylischen Betonbau mit angeschlossener Gourmetküche ihre Teambuilding-Events abhalten. Getrunken wird Wein ab 25 Dollar aufwärts die Flasche. Die Besucher und Kunden des Januik-Weinklubs können sich diese Preise meistens locker leisten.

Seattle hat die zweithöchste Dichte an Millionären an der amerikanischen Westküste. "Wer einen sucht, sollte sich also zur Weinprobe anmelden", scherzt Dana Jackson, der weltgewandte Hospitality Manager bei Novelty Hill/Januik. Oder ins Theater gehen und dabei ein Kunstwerk der besonderen Art erlaufen.

Ein Kunstwerk aus Kaugummi

Biegt man am Pike Place Market links vor dem Infostand ab und läuft durch die Unterführung, wird es bunt – und klebrig. Hier beginnt die sogenannte Gum Wall. Ein vergängliches Kunstwerk, das von Touristen, Passanten und Happening-Künstlern immer wieder neu erschaffen und von der Stadtverwaltung und Anwohnern immer wieder zerstört wird.

Irgendwann einmal haben Besucher des Impro-Theaters Unexpected Productions ihre gebrauchten Kaugummis mit Penny-Stücken an die Backsteinwände vor dem Eingang geklebt und ließen dort in bunten Farben ganz eigene Gemälde entstehen. Theaterdirektor Kent L. Whipple findet es nach wie vor eklig und säubert täglich mit einem Spachtel zumindest die Wände vor der Eingangstür. "Aber allemal besser, sie kleben sie draußen dran, als unter unsere Stühle", sagt er achselzuckend. Die Stadtverwaltung kommt alle paar Wochen und säubert mit Hochdruck alle Wände. Aber bereits kurz danach wird wieder wild gekaut und geklebt.

Wer die Nase voll hat von Hochhäusern und klebrigen Kaugummis, braucht nur ein paar Minuten zu Fuß oder im Taxi und kann danach auf's Schiff umsteigen und die Stadt schnell hinter sich lassen. Rund 22 Fähren überqueren den Puget Sound und seine Ausläufer. Sie befördern rund 22 Millionen Passagiere pro Jahr zu 20 verschiedenen Häfen.

Das kostet in der Regel nur ein paar Dollar, der Kaffee von Lokalmatador Starbucks ist billig und der Blick auf die City grandios. Eines der größten Schiffe ist die "Wenatchee", und sie ist regelmäßig in Richtung Bainbridge Island und zurück im Einsatz. Morgens bringt sie nach rund 35 Minuten vor allem viele Pendler in die Stadt. Viele Büroarbeiter sind mittlerweile statt fetter SUVs mit einem E-Bike unterwegs, die meisten regenfest eingekleidet, in schrillen Warnwesten und mit Helm. Seattle ist eine fahrradfreundliche Stadt. Es gibt ausgewiesene Radwege, und jeder kann sein Bike auch in den öffentlichen Bussen mitnehmen. Die meisten haben im Gegensatz zu Europa vorne vorm Fahrer eine Plattform, auf der Fahrräder mitgenommen werden können.

Boeing ist auch einen Besuch wert

Ist die Rede von Seattle und Hightech, muss auch Microsoft-Gründer Bill Gates erwähnt werden. Ihm und seinem kürzlich verstorbenen Mitstreiter Paul G. Allen hat das Kaufhaus Nordstrom in der 5th Avenue eine güldene Gedenktafel ins Pflaster eingelassen. Dort werden sie neben Jimi Hendrix oder dem Glaskünstler Dale Chihuly und anderen als "Seattle Hometown Heroes" gefeiert. Die touristischen Hotspots der Stadt sind dagegen: Space Needle, Pacific Science Center, Museum of Pop Culture, KeyArena, The Children's Museum.

Alles ist von Downtown aus leicht erreichbar mit der ehedem futuristischen, für die Weltausstellung 1962 von deutschen Waggonbauern aus Niedersachsen konstruierten und gebauten Monorail. Und wer genau hinschaut, entdeckt unweit des Eingangs zur frisch renovierten Space Needle (jetzt mit Glasboden auf der Aussichtsplattform) die Fassade des Krankenhauses aus der erfolgreichen US-Serie "Grey's Anatomy". Um die innovative Bekämpfung von Krankheiten geht es auch den Mitarbeitern der nahe gelegenen Gates-Stiftung, deren Arbeit in aller Welt in einer interaktiven Ausstellung erläutert wird.

Vor dem langen Rückflug nach Deutschland sollte man noch einen Ausflug in das etwa 40 Kilometer nördlich von Seattle gelegene Städtchen Everett machen. Denn dort steht die größte Flugzeugfabrik der Welt. Eine 90-minütige Tour kostet 25 Dollar. Das ist nicht ganz billig, aber jeden Dollar wert. Schon die Busfahrt ist ein Erlebnis. Der Bus quert die Start- und Landebahn und rollt zwischen fast fertigen, noch grün gestrichenen 737- und 787-Jets hindurch vor die riesigen Tore der Halle.

Die grüne Farbe soll die Außenhaut schützen und wird später abgewaschen, erklärt Tourguide Tim Swigert. Danach werden die Jets in den Farben ihrer Airline lackiert und mit mehr oder weniger Pomp an die neuen Eigentümer ausgeliefert. "Wenn es sein muss mit Champagner", scherzt Swigert, Sohn eines Pilotenehepaares, das sich nach seiner Pensionierung auch als Tourguides bei Boeing verdingt hat. Er hat also wie so viele in dieser Gegend Kerosin im Blut.

Durch den Keller zur Fabrik

Als der Bus hält, geht es für die Gruppe erst einmal in den Keller. Denn um in die Fabrik zu kommen, muss man eine enge Treppe hinabsteigen und landet in einem der langen Laufgänge, in denen oben und seitlich Versorgungsleitungen verlegt sind. Nach etwa einem halben Kilometer geht es in einem geräumigen Lastenfahrstuhl wieder hoch.

Und plötzlich steht man auf einer Besuchergalerie über den halb fertigen Flugzeugen: 21 Maschinen werden hier gleichzeitig montiert: Boeing 777, der Jumbo 747-8, das alte Modell 767, aber auch der neue Dreamliner 787. Rund 35.000 Menschen arbeiten täglich in drei Schichten. Rund drei Millionen Teile aus aller Welt werden in einer Maschine verbaut. Und wer mehr will, der sollte sich auf dem Weg zum Flughafen von Seattle noch das nach eigenen Angaben größte Luft- und Raumfahrtmuseum der Welt, das Museum of Flight anschauen.

Tipps und Informationen zu Seattle

Anreise Zum Beispiel mit der irischen Aer Lingus (aerlingus.com) via Dublin nach Seattle. Das dauert zwar etwas länger als ein Nonstop-Flug, dafür aber können in der irischen Hauptstadt alle Einreiseformalitäten und die Zollabfertigung für die USA bereits vor dem Weiterflug erledigt werden. In Seattle gibt es dann keine langen Warteschlangen, nur noch die Koffer müssen vom Band geholt werden.

Wer ohne Umsteigen fliegen möchte, kann das beispielsweise mit der Lufthansa (lufthansa.de) von Frankfurt aus tun.

Unterkunft In Seattle sind fast alle großen internationalen Hotelketten vertreten. Wer es etwas individueller mag, der checkt zum Beispiel im "Hotel Ändra" ein. Zimmer sind ab rund 180 Euro inklusive Steuern buchbar. Im Haus residiert auch die "Hot Stove Society", eine Kochschule, die von Tom Douglas betrieben wird (hotelandra.com).

Wer es etwas hipper mag, der steigt im "Hotel Max" ab, wo sich allabendlich die Programmierer aus den umliegenden Büros zum Feierabendbier in der laut beschallten Lobby treffen. Zimmer kosten ab knapp 120 Euro (hotelmaxseattle.com). Mit rund 70 Euro pro Nacht ist ein Bett im Schlafsaal des "Green Tortoise Hostel" (greentortoise.net) am zentral gelegenen Pike Place Market eine günstige Alternative.

Auskunftvisitseattle.org

Die Teilnahme an der Reise wurde unterstützt von Visit Seattle und Aer Lingus. Unsere Standards der Transparenz und journalistischen Unabhängigkeit finden Sie unter www.axelspringer.de/unabhaengigkeit

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