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Korsika, Stolz und Eigenwille

Schaufenster-Logo Schaufenster 17.01.2019 Adele Bach
© Bereitgestellt von Styria Digital One GmbH

Wer einmal auf Korsika war, scheint auch stolz darauf zu sein: Autoaufkleber mit dem Mohrenkopf, dem bis heute nicht wirklich gedeuteten Wahrzeichen, trifft man immer wieder. Was ist dran an diesem „Gebirge im Meer“, was ist so schön an dieser „Insel der Schönheit“? Von den alten Griechen sogar „Kalliste“, die Allerschönste, genannt. Was macht die Korsen so stolz (und stur), die Besucher so glücklich? Die 50 Gipfel ihrer 2000er? Die stachelige Macchia, ein Dickicht aus Gräsern, Bäumen und Farnen, aus Ginster, Zistrosen, Baumheide, Wacholder, Rosmarin, Lavendel und Myrte: der „grüne Palast“ der Banditen und Vogelfreien, in dem man sich wirkungsvoll verstecken konnte? Die Palmen und Erdbeerbäume? Die Menhire, die über 100 Wehrtürme, die ständigen Winde?

Sicher sind es die lebendige Landschaft, das glasklare Meer, die unverbauten Buchten und bizarren Steindörfer. Ganz sicher sind es die Würste, die man hier in einer unwiderstehlichen Vielfalt durchkosten kann. Und der korsische Kräuterlikör Mirto aus den Blättern und Blüten der Myrte, die korsischen Weine (ein Tipp: Rosé aus der Domaine Petroni), Wildschweinschinken „Coppa di Corsica“, Lonzu, Schweinefilet, mit Wein gewaschen und getrocknet, Kastanienbier (Geschmacksache), Kastanienwein und Ziegen- oder Schafskäse mit rissigen Rinden, die schon Asterix das Wasser im Mund zusammenlaufen ließen: „Dieser zarte Duft nach Thymian und Mandeln, Feigen und Kastanien und dieser Hauch von Kiefer, diese leichte Andeutung von Beifuß, diese Ahnung von Rosmarin und Lavendel“. Was sich auch alles vom Honig sagen lässt, der „Macchia in zähflüssigem Zustand“. Dass die Korsen stolz auf ihren „Casjiu merzzu“ sind, verdorbenen Käse, den die Maden (die man lebendig mitisst!) ­so „wunderbar cremig“ machen, sei unbe­nommen.

Heiligenliebe

Jeder Korse ist eben ein Held, jeder Clan, jede Familie besonders tapfer und wichtig. Und jede Bruderschaft (eine Art von Zunft) besser als die anderen. Davon soll es über 50 geben, die seit dem 13. Jahrhundert in Korsika das Sagen haben, und die sich teils geheim, teils offen in von ihnen gestifteten Kirchen treffen und bei großen Feiern, kirchlichen und sonstigen Festen zu den Veranstaltern und Sponsoren gehören.

Die Korsen lieben ja ihre Heiligen, es gibt recht grausliche Geschichten von Märtyrerinnen, die ihre Augen ins Meer warfen, wo sie heute als Schnecken, die man zu Schmuckstücken poliert, gefunden werden, und deren Muster man an Hauswänden findet. Alle Heiligen werden in gut besuchten Umzügen geehrt, da sind die Korsen gern unter sich, treffen sich wie zu einer Familienfeier und vergessen für einen Abend die beliebten Nachbarschaftsstreitigkeiten. Früher entstanden viele dieser Familienfehden aus Neid auf den Reichtum des anderen, den dieser oft in Südamerika gesammelt und nach seiner Rückkehr nach Korsika mit prunkvollen Gebäuden zur Schau gestellt hatte. Noch heute kann man an manchen Häusern die Inschrift „Col Tempo“ lesen, die dem gegenüberliegenden Haus bedeuten soll: Auch wir werden irgendwann so reich sein wie ihr!

Liederreich

Der sprichwörtliche Ehrbegriff der Korsen ist jedenfalls kein Grund, stolz zu sein: Mehr als 30.000 Menschen, vor allem Männer, fielen der generationsübergreifenden Blutrache, der Vendetta, zum Opfer. Die versuchte schon ein weiterer korsischer Held, Pasquale Paoli, im 18.  Jahrhundert zu bekämpfen. Vergeblich. Napoleon wurde übrigens lange nicht als Held verehrt, ihm wurde angekreidet, dass er als Kaiser zu wenig für sein Geburtsland getan hatte. Heute steht er als griechischer Gott am Place Saint-Nicolas in Bastia.

Dass die kriegerische Geschichte der Insel, die Besetzung durch Römer, Vandalen und Ostgoten, Sarazenen, Franzosen und Hitler-Soldaten, die Korsen zu einem Rebellenvolk formte, ist heute noch zumindest in den Schaufenstern vieler Souvenirläden zu sehen: Klappmesser werden da angeboten. Aber heute gibt es eine viel friedlichere Art, Nationalstolz zu beweisen. Neben dem Schießen auf Verkehrsschilder und dem Übermalen der französischen Ortsnamen: etwa mit den polyphonen Gesängen in drei Stimm­lagen, „u bassu“, „a segonda“ und „a terza“, in denen es um Liebe, Vergangenheit, brisante politische Themen, Natur oder die Heilige Maria geht. Ein immaterielles Unesco-Kulturerbe, meist in Kirchen, aber auch bei Festen dargebracht. Dabei halten die Sänger (auch junge) oft die Hand als Resonanzkörper ans Ohr, eine typische Geste, die sofort vermittelt: Hier singen Männer Paghjella. Auf Korsisch, das früher verboten war und erst seit den 1970ern wieder an Schulen gelehrt wird.

Stoff für Nestroy

Manche korsische Helden sind gar keine Korsen. Wie Theodor I., König von Korsika, ein Abenteurer mit einer bunten Geschichte. In Köln geboren, war er von Jugend an in ganz Europa zwielichtig unterwegs, von Spielschulden und Spekulationen bis Spionage, von Umsturzversuchen bis zu Verschwörungen in höchsten Kreisen gingen die pikantesten Kabalen auf sein Konto. Als der Wiener Hof ihn als Agenten nach Florenz schickte, kam er in Kontakt mit der Unabhängigkeitsbewegung gegen Genua, setzte sich am Wiener Hof für verschleppte Korsen-Anführer ein, die dann auch freikamen, und wurde so zum Helden – und 1736 König der Insel. Aber nur ein Jahr lang: Als er einen korsischen Verräter erschießen ließ, waren sich die sonst untereinander zerstrittenen Vornehmen einig, er hätte Familienehre gekränkt. Das schrie nach Rache – und da floh er lieber. Er schaffte es trotz prominenter Unterstützer nicht, militärische Hilfe für „sein Königreich“ zu organisieren und kam wegen Schulden in London in Haft. Dort war er dann als Kuriosität, als „gefallener König“, ein Ausflugsziel des Adels, starb 1756, und inspirierte nicht nur Paisiello zu einer Oper („Il re Teodoro in Venezia“), die in Wien uraufgeführt wurde. Auch Horace Walpole, Georg Philipp Telemann und Napoleon dichteten oder komponierten über ihn. Und Johann Nestroy. Sein erstes Stück hieß „Prinz Friedrich von Korsika“.

Flott voran

Vielleicht gründet der Zauber Korsikas wirklich auf der Sturheit der Korsen, mit der sie es schafften, Hotelburgen, Tourismusplantagen, Burger-Ketten fernzuhalten. Vielleicht ihre Zurückhaltung, mit der sie Touristen begegnen? Die Ursprünglichkeit, die sie sich bewahrt haben? Und/oder die kleinen Lokale, romantischen Buchten, die sich durch wilde Natur schlängelnden Straßen. Und die Wanderwege, allen voran der GR 20, die anspruchsvollste Route Frankreichs.

Und es gibt noch viel mehr zu entdecken: Die Kastanienwälder, in denen sich die Schweine vollfressen und aus deren Früchten Bier gebraut wird, einen „Edelsteinstrand“, wo vielfarbige Kiesel aussehen wie ein an Land gespülter Schatz. Es gibt Liegestuhlstrände mit Bar und Personal, aber es gibt auch Traumbuchten, in denen außer einer schaukelnden Luxusjacht und ein paar Möwen nichts das Meeresrauschen stört.

Es gibt übrigens auch eine Eisenbahn, erste Pläne wurden 1878 erstellt, die stündlich von Calvi aus die nördliche Küste entlangtuckert und Badefreunde zu Buchten bringt, die mit dem Auto kaum zu erreichen sind. Die Bahn führt auch ins Landesinnere, nach Ajaccio und Bastia, durch Tunnel und über einen Viadukt, den Gustave Eiffel geplant hat, bis in 900 Meter. Scherzhaft TGV  Corse genannt: Train à grand vibration, höchst wackelnder Zug. Und es gibt das paradiesische Fango-Tal. Wer dort wandert und dann im warmen (!) Wildbach badet, mit seinen glasklaren Gulpen, ausgewaschenen Becken, durch die ständig das bis zu 25 Grad erwärmte Wasser fließt, mit kleinen Canyons, durch die man schwimmen, mit natürlichen Whirlpools, in denen man sich durchmassieren lassen kann, und dann in den Buchten oder auf den Steinplatten mitten im Bach picknickt – der vergisst diesen erfüllten Kindheitstraum nie. Worauf die Korsen stolz sind? Da fragt man noch?

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