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Reisen wir nachher anders?

Schaufenster-Logo Schaufenster 02.04.2020 von Martin Amanshauser

Die Pandemie wurde erst denkbar durch unsere ungebremste Mobilität. Was bedeutet diese Krise für den Tourismus? Wie ändert sich unser Reiseverhalten danach? Welche Möglichkeiten ergeben sich daraus?

© Bereitgestellt von Schaufenster

Anfang März 2020. Kinder begreifen es als Erste. In den Schulen wird nämlich längst für den Ernstfall geprobt, und das ohne Anleitung des Lehrpersonals. Das Fangenspiel heißt plötzlich „Corona“. Die Umbenennung pflanzt sich viral fort. Der Fänger spielt „den Virus“, die Mitschüler sorgen mit Rufen für die Untermalung: „It’s corona time! It’s corona time!“ Coronazeit bedeutet aber auch aus Erwachsenensicht das Gegenteil von Bewegungsfreiheit, die Antithese zum Reisen. Der Rückschlag für das Individuum besteht neben den eklatanten Lücken im Sozialleben darin, dass es sich nicht mehr zu jedem Zeitpunkt an jeden Ort begeben darf. Keine Mobilität, eingegrenzte Persönlichkeitsrechte, Polizeipatrouillen, die große Stunde der Grenzen hat geschlagen.

„Ich hätte mir niemals vorstellen können“, schreibt eine Freundin auf WhatsApp, die als freie Reiseführerin arbeitet, „dass mein Beruf einmal wegfällt!“ Reiseführer sei – ähnlich wie Friseur oder Zahnarzt – ein krisensicherer Job, da die Leute ja immer reisen würden. Von einem Tag auf den anderen blieben die Aufträge aus. Nach der Beschränkung des Flugverkehrs und Ausdünnung der Bahnverbindungen verbucht unser Land keine Inlandsreisen, ein singuläres Szenario im Nachkriegsösterreich. Wir alle, als Anbieter von Leistungen ebenso wie als Privatkunden, tauchen durch urlaubs- und reisefreie Wochen. Die Tourismus- und Freizeitwirtschaft trägt in Österreich 15,3  Prozent (2018) zum Bruttoinlandsprodukt bei. 674.500 Vollarbeitsplätze hängen dran, jeder sechste im Land.

Ändern sich die Mobilitätsgewohnheiten?

Letztlich sind die komplexen kulturtechnischen Netze, die unsere Welt umspannen, fast noch vulnerabler als gedacht. Beim Start einer vollbesetzten Boeing mit maximalem Geräuschpegel fällt einem das zwar überhaupt nicht auf. Erst wenn unser globaler Austausch stockt, wird es augenscheinlich.Schlechte Nachrichten für Reisefreaks: Zur Pandemie wurde die neue Erkrankung erst durch die Sucht nach ungebremster Mobilität. Und sie entstand nicht im Dreck eines Slums, sie befiel zuerst (relativ) Wohlhabende. Das Virus benötigte für seine Ausbreitung nur ein Medium, nämlich die kontinuierlichen Bewegungen einer agilen Menschenmenge. Wäre der Preis für eine neue Bewegungsfreiheit also gar die Aufgabe der bisherigen Mobilitätsgewohnheiten?

"Die Freude am Entdecken der Welt geht nie verloren."

Die Freude am Entdecken der Welt geht nie verloren. Wir wollen und werden wieder reisen. Einige spekulieren damit, dass der Trubel nach der Coronazeit noch zunimmt. Dass wir in alte Angewohnheiten verfallen, wie die Tauben am Markusplatz, die angesichts wild klatschender Kinder panisch aufflattern, mit routinierten Flügelschlägen ausweichen und schließlich auf der gleichen Stelle landen. Als manisch nimmersatte Spezies – taubenähnlich, das zeichnet uns ja ebenfalls aus – schränken wir uns äußerst ungern ein. Wir verdrängen Traumata rasch, und einige werden bestimmt an jenem Punkt weitermachen wollen, an dem das Virus in den Iden des März hinterrücks herangerast kam und das soziale Leben minimierte, ja erstickte. Lassen wir folgerichtig am Krisenende vom Klopapierfetisch ab und hamstern Flugreisen? Immerhin hat sich der Welttourismus seit dem Zweiten Weltkrieg verfünfzigfacht, und der Alzheimer von Urlaubermengen, die nach Terroranschlägen schlagartig ausgeblieben sind, aber im Folgejahr wieder Booms erzeugt haben, ist legendär.

Wird Fliegen wieder zum Privileg?

Das Wirtschaftssystem wird sich ohne Unterstützung kaum von seiner Hauptaufgabe abbringen lassen, weiter fröhlich die Polkappen zu schmelzen. Doch werden nicht alle Player wirtschaften können wie bisher. Für den Flugsektor zeichnet sich der ärgste Rückschlag seit Otto Lilienthals Absturz ab. Manche Airlines werden Opfer der Corona-Marktbereinigung, andere stehen vor der Vergesellschaftung. Auf welche Art die Flugpreise auf die Erschütterung reagieren, hängt nicht zuletzt vom Treibstoffpreis ab. Flüge könnten, wie zuletzt in den 1970er-Jahren, wieder zum Spezialvergnügen für Privilegierte werden.Doch gibt es durchaus Aussichten auf Neuinterpretation des Konzepts Reise. Ein Lichtblick liegt in der menschlichen Innovationskraft. Geldgeber könnten zunächst einmal in analogere Technologien investieren, und der Elektrosektor wird wachsen. Sollen wir E-Rikschas, E-Fiaker mit E-Pferden, E-Fahrradaktien kaufen? Reisen per Teleportation oder Urlaubstrips auf unseren benachbarten Trabanten sind ja leider noch unausgereift. Nein, eine realistischere Option wäre die Investition in Europas Eisenbahnstrecken. Die politischen Entscheidungen dafür müssten allerdings in den nächsten Monaten fallen. Der Ausbau des zersplitterten europäischen Bahnnetzes wäre ein spektakuläres, zukunftsträchtiges Projekt. Internationale Kooperation – nicht nur innerhalb der EU, das Vorbild aller Eisenbahnnetze betreibt bekanntlich die Schweiz – ist da unabdingbare Voraussetzung. So könnte die postseuchenkompatiblere Bahn ihre fliegende Konkurrenz als flexible, sichere und bequeme Alternative ausstechen.

Klare Kanäle, freche Delfine

In den letzten Tagen hat uns nicht nur der kondensstreifenfreie Himmel verblüfft. Überraschende Schlagzeilen lieferte das „he­runtergefahrene“ Italien: Glasklares Wasser mit fröhlichen Fischlein in Venedigs Kanälen! Durch den ausgestorbenen Hafen von Cagliari schwimmen die ersten Delfine! Durch Wohngebiete nördlich Roms rennen Wildschweine mit Frischlingen! Ein fast emissionsfreier Himmel wölbt sich über der Lombardei! Greta Thunberg schaffte mit ihrer Jugendbewegung keinen Paradigmenwechsel, zu unflexibel reagierten Politiker und Wirtschaftsbosse. Im Handumdrehen und quasi linkshändig setzte Sars-CoV-2 ein paar ihrer Forderungen um – ohne Widerworte der Industrie. Insofern hat die Gesundheitskatastrophe auch eine andere Seite: Auf der halben Welt ist zur Zeit der eindrucksvollste In-vivo-Versuch einer drastischen Emissionsverminderung in Gange.

Die Höhe des Impacts der Krise ist schwer kalkulierbar. Doch bei den Leuten spürt man recht deutlich die Sehnsucht nach etwas weniger Ischgl. Diese Änderung des kollektiven Mindsets müsste auch Auswirkungen auf den Neustart der Tourismusindustrie haben. Kunden werden angesichts verschobener Prioritäten ein neues Reiseverhalten an den Tag legen, wenn bei der Destinationswahl eine umweltfreundliche, sicherheitsorientierte Grundhaltung den Ausschlag gibt. Man könnte sich vorstellen, dass sich nur eine Minderheit an Massenzielen eine eiserne Lunge holen will. Man könnte sich vorstellen, dass der Sardinenbüchsenmodus am Strand, das Komasaufen auf Städtetrips und die Mund-zu-Mund-Beatmung beim Après-Ski nicht mehr ganz oben auf den Wunschlisten stehen.

Behutsame Bewirtschaftung

Die geringe Nachhaltigkeit des Massentourismus liegt längst ebenso auf der Hand wie die Schäden, die er anrichtet. Doch bei der Devise „Qualität statt Quantität“ schielte die Branche vor allem auf den Ausbau des lukrativen High-End-Bereichs. Längst fordern lokale Initiativen einen qualitätsvolleren Umgang mit den Ressourcen, und den nicht ausschließlich für Luxussegment-Touristen.

Zukunftsfragen: Wie vermeiden wir die Lemming-Erfahrung und den Massentaumel? Muss Reise weiterhin das Maximum in möglichst kurzer Zeit liefern? Welche Destinationen bieten den Mehrwert eines authentischen Erlebnisses? Ein solches „Slow Travelling“ könnte krasse Zugewinne gegenüber herkömmlichen konsumzen­trierten Reiseformen verbuchen. Post-Corona-Urlaube würden selbstverständlich nicht als kitschige Idyllen eines neuen Biedermeiers betrieben, sondern mit erhöhter Aufmerksamkeit und garantiert nicht in Herdenform. Wälder, Berge oder „leere“ Landschaften wie etwa die Finnische Seenplatte oder jene in Kanada, Patagonien oder Island würden an Attraktivität gewinnen.

"Die Flagship-Sehenswürdigkeit entrückt so auf natürliche Art."

Auf der anderen Seite ist bei der Bewirtschaftung von Ballungszentren mehr Behutsamkeit erforderlich. Wer braucht in der Epidemie-Ära eine Völkerwanderung durch den Louvre, ein Virenschleuder-Gedränge am Fuß des Empire State Building oder eine vierstündig-kontagiöse Warteschlange rund um die Gaudí-Kirche in Barcelona? Die Flagship-Sehenswürdigkeit entrückt so auf natürliche Art dem Fokus der Begierde, zugunsten des weitläufigen Eckcafés in der exproletarischen Vorstadt, der Fahrrad-Stadtwanderung oder der Kirschenblüte im Park. Der Abstecher zum Roma-Museum von Brno kann produktiv den Staropramen-Missbrauch im Gastgarten neben der Marienbrücke von Prag ersetzen.

Warum müssen Massen dorthin, wo Massen sind?

Findige Anbieter touristischer Produkte entdecken gerade neue Kundenbedürfnisse. In einer Welt, in der sich der Kapitalismus konsequent nach unten schraubt und Multis verstaatlicht werden müssen, können sie den Typus des Individualreisenden ansprechen, während die Politik die Menschenströme, wo sie unvermeidlich sind, ein bisschen paternalistischer lenken darf. Muss man zum Beispiel so viele Chinesen nach Hallstatt karren? Für Besucher aus dem Fernen Osten wären originellere und ebenso ikonische Reiseziele vorstellbar. Der Tourismus sollte seine Post-Corona-Nachhaltigkeit nämlich so interpretieren, dass er die Lebensqualität der Einheimischen über die Gewinnmaximierung von ein paar Oligärchlein, Bürgermeisterfreunderln und Liftaristokraten stellt. Die Lage ist ernst, doch es gibt ein Reiseleben nach der Coronazeit. Wir alle können es mitgestalten. Ausnahmslos jeder von uns.

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