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Der Weltfußball steuert auf den ganz großen Crash zu

DIE WELT-Logo DIE WELT 11.01.2017

Die Fifa legt sich wegen ihrer Mammut-WM endgültig mit den Großklubs im Fußball an. Und muss befürchten, den Kürzeren zu ziehen. Die Folgen für die Nationalmannschaften könnten verheerend sein.

Über dem Weltfußball braut sich ein Unwetter zusammen, das sich schon bald entladen könnte © Getty Images/Vetta Über dem Weltfußball braut sich ein Unwetter zusammen, das sich schon bald entladen könnte

Die Fifa stockt ihre WM auf 48 Mannschaften auf. Die Empörung über die Entscheidung des Weltverbandes ist vor allem in den großen Fußballnationen gewaltig. Nun stellt sich die Frage, was aus der Ablehnung der Mammut-WM erwächst. Tatsächlich könnte sie der entscheidende Baustein zum Bruch der einst wichtigsten Allianz im Weltfußball sein.

Dieser ist längst in zwei Lager gespalten. Auf der einen Seite die Landesverbände mit ihren Nationalmannschaften, auf der anderen Seite die großen Klubs. Lange haben die beiden Parteien Hand in Hand gearbeitet, doch diese Partnerschaft ist längst nur noch Zweckgemeinschaft, wenn überhaupt. Zu unterschiedlich sind die Interessen, zu sehr hat sich das Machtgefüge in den vergangenen Jahren verschoben.

Früher stand die Nationalmannschaft über allem. Wer als Spieler etwas im Weltfußball werden wollte, musste auf die große Bühne Welt- oder Europameisterschaft. Die Klubs akzeptierten dies und stellten ihre Angestellten ohne Murren ab. Ein gutes Turnier im Nationaltrikot steigerte Marktwert und Ansehen.

Heute ist das anders. Vereine wie der FC Bayern oder Real Madrid haben sich zu internationalen, weltweit agierenden Marken mit Abermillionen Fans in aller Herren Länder entwickelt und die Nationalmannschaften überholt. Während die Unterstützung eines Auswahlteams meist an den Landesgrenzen endet, geht sie im Klubfußball längst weit darüber hinaus. Ein Beispiel: Dem FC Bayern folgen bei Facebook 40 Millionen Menschen, dem Team des Deutschen Fußball-Bundes gut sechs.

Hummels hat keine Lust auf den Confed-Cup

Bei den Spielern ist die Entwicklung ähnlich. Weltstars wie Zlatan Ibrahimovic oder Cristiano Ronaldo (119 Millionen Facebook-Fans) verdanken Ruhm und Reichtum nicht ihren Auftritten für Schweden oder Portugal, sondern den Spielen mit Real Madrid oder Manchester United. Beim Argentinier Lionel Messi vom FC Barcelona ist es nicht anders.

Klubs und Spieler benötigen die Nationalmannschaften immer weniger. Vielmehr sind sie gerade den Vereinen längst ein Dorn im Auge. Diese stöhnen laut über die vielen Abstellungen, verletzt von den Nationalteams zurückkehrende Profis und immer sinnlosere Spiele. Aktuell geben Nationalspieler wie Bayerns Mats Hummels ganz offen ihre Unlust zu Protokoll, im Sommer beim Confed-Cup für Deutschland anzutreten.

Natürlich ist es heuchlerisch, wenn die Klubs über den immer volleren Kalender lamentieren. Schließlich beteiligen sie sich an diesem Spiel mit aufgeblähten Europapokalwettbewerben und ausufernden Asien- oder Amerika-Reisen. Der feine Unterschied: Die Klubs zahlen den Spielern die exorbitanten Gehälter. Von den Nationalmannschaften gibt es nur Entschädigungen, und dies auch nur auf Druck der Klubs und noch nicht lange.

Die Fifa spielt also ein brisantes Spiel. Mit der Aufstockung der WM macht sie sich bei ihren kleinen Verbänden beliebt und wahrt ihre Macht. Schließlich genießen die Salomon-Inseln bei wichtigen Wahlen und Abstimmungen das gleiche Stimmrecht wie England oder Brasilien. Es gibt da aber ein Problem: Die Fußballspieler der Salomon-Inseln sind nicht ganz so gut wie die Brasiliens oder Englands. Dass die Fifa die aktuelle Kritik der großen Ligen – Spanien erwägt gar eine Klage gegen die Mammut-WM – nicht für voll nimmt, könnte für sie und die WM verheerende Folgen haben. Denn was wäre eine WM ohne Messi, Ronaldo oder Neuer?

... dann droht den nationalen Ligen das Chaos

Noch ist das nicht möglich. Die Klubs sind über ihre Nationalverbände in der Fifa organisiert und müssen ihre Spieler schicken. Sich dieser Pflicht zu entledigen muss aus ihrer Sicht aber immer reizvoller erscheinen. Dies würde der Fifa ihren größten Hebel nehmen.

Hierfür gäbe es zwei Wege: Zum einen könnten es die Klubs darauf ankommen lassen und ihre Spieler nicht mehr entsenden. Man sähe sich dann vor Gericht, Chaos könnte in den nationalen Ligen ausbrechen. Oder: Sie treten aus und organisieren sich selbst. Drohgebärden in dieser Richtung gibt es genug. Nicht zuletzt die wiederholt kolportierte Vision, eine eigene Weltliga nach Vorbild der Champions League zu gründen. In Skandinavien hatten Klubs zuletzt offen gedroht, eben jenen Wettbewerb zu boykottieren und stattdessen einen eigenen, nordeuropäischen Pokal auszuspielen.

Ist solch ein Szenario unrealistisch? Nein, in anderen großen Sportarten ist die Allmacht der Klubs über ihre Spieler gelebte Praxis. Nationalmannschaften etwa im Eishockey oder Basketball haben keinerlei Zugriffsrechte auf Profis, die in den US-Profiligen unter Vertrag stehen. Um Dirk Nowitzki etwa musste der DBB vor jedem Turnier bei dessen Klubeigner kämpfen. Die Teilnahme an einem Freundschaftsspiel während der Saison war völlig utopisch.

Dass es in dieser Gemengelage bald zum Knall im Fußball kommt, scheint unausweichlich. Dafür muss man nicht einmal zwischen den Zeilen lesen. Erst vor wenigen Wochen sagte Christian Seifert, Chef der Bundesliga: "Die Fifa ist aktuell in einem Hamsterrad, aus dem sie nicht mehr rauskommt. Ich kann derzeit nicht ausschließen, dass es dann in den nächsten Jahren zu einem unglaublichen Machtkampf kommt."

Eigentlich hat er längst begonnen.

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