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Eine Mannschaft, die nicht an sich glaubt

SZ.de-Logo SZ.de 16.04.2018 Von Felix Meininghaus, Gelsenkirchen
Wurde von Peter Stöger erst kurz vor Schluss eingewechselt: Dortmunds Weltmeister Mario Götze. © dpa Wurde von Peter Stöger erst kurz vor Schluss eingewechselt: Dortmunds Weltmeister Mario Götze.

• Borussia Dortmund verliert das Revierderby gegen Schalke 04 mit 0:2.

• Erst kurz vor Schluss wechselt Trainer Peter Stöger Mario Götze ein und bezeichnet den Weltmeister anschließend als "talentierten Spieler".

• Die Situation des Finaltorschützen von Rio steht stellvertretend für die aktuelle Lage des BVB.

In der 86. Spielminute wählte Dortmunds Trainer Peter Stöger seine letzte Option. Der Österreicher zog seine dritte Wechselmöglichkeit und brachte einen Mann ins Spiel, der noch immer als schillernde Persönlichkeit wahrgenommen wird. Doch was soll einer denn ausrichten, wenn nur noch wenige Augenblicke zu spielen sind und die eigene Mannschaft längst am Boden liegt? Gar nichts. Mario Götze konnte eine Begegnung, die längst verloren war, nicht drehen. Wie auch?

Der Mann, dem 2014 in Rio de Janeiro in der Verlängerung des WM-Finales gegen Argentinien dieses herrliche Volleytor aus der Drehung gelang, konnte einem nur leid tun. Was ist nur aus dem vielleicht größten Talent geworden, das Deutschlands mit Talenten so reichhaltig gesegneter Fußball zu bieten hatte? Der Mario Götze im Frühling des Jahres 2018 ist das Bild, das stellvertretend für die traurige Borussia aus Dortmund steht. Ein Versprechen in einer Mannschaft, die ihre Identität derzeit verloren hat.

Nach dem Abpfiff einer Begegnung, die der BVB gegen den ewigen Revierrivalen Schalke 04 völlig verdient mit 0:2 verloren hatte, wurde Peter Stöger gefragt, warum er dem Mittelfeldspieler nicht früher das Vertrauen geschenkt hatte, obwohl seine Mannschaft vergeblich um Dominanz und spielerische Klasse gerungen hatte. Der Österreicher sammelte sich und gab dann ein bemerkenswertes Statement ab: "Natürlich ist Mario ein talentierter Spieler, aber nach dem Sieg gegen Stuttgart war klar, dass wir dieser Formation das Vertrauen geben."

Da war es also wieder, das Zitat mit dem Talent. Es traf wie ein Keulenschlag, selbst wenn das nicht so gemeint gewesen sein mag. Das erinnerte ein bisschen an die Aussage des früheren Dortmunder Trainers Michael Skibbe über Thomas Häßler. Skibbe hatte den Weltmeister in der Saison 1998/1999 ebenfalls als "Talent" bezeichnet, was seinerzeit für einen landesweiten Aufschrei gesorgt hatte. Weil eine solche Klassifizierung gegenüber einem verdienten Spieler als deplatziert und despektierlich bewertet wurde.

Watzke und Zorc haben Fehler in der Kaderplanung gemacht

Mario Götze ist gerade mal 25, doch auch bei ihm ist der Karriereknick augenscheinlich. Seine Nominierung für den WM-Kader 2018 rückt in immer weitere Ferne. Der Offensivspieler ist der prominenteste Patient in einem Kader, der auf der Zielgeraden der Saison reichlich malad daherkommt. Keine Leidenschaft, kein Esprit, keine Ausstrahlung: Die 90 Minuten auf Schalke machten die Probleme, die den BVB seit geraumer Zeit begleiten, mehr als deutlich. So spielt eine Mannschaft, die nicht an sich glaubt. "Wir haben in den ersten 60 Minuten überhaupt keinen guten Fußball gespielt", sagte Nationalspieler Marco Reus: "Wir haben sie spielen lassen und die Räume nicht eng gemacht." Schalkes Sportvorstand Christian Heidel sprach von einem "verdienten Sieg" und analysierte treffend: "Wir waren die bessere Mannschaft mit dem besseren Plan."

Tatsächlich waren die Schalker der logische Sieger, weil die Gastgeber über 90 Minuten eine viel größere Bereitschaft an den Tag legten, Zweikämpfe und Laufduelle zu bestreiten und zu gewinnen, während sich die Dortmunder in ihr Schicksal ergaben. Was ist nur aus einer Mannschaft geworden, die mit Mut, Leidenschaft und nie nachlassender Kraft die Herzen aller europäischen Fußball-Liebhaber eroberte?

Je länger die Saison dauert, desto deutlicher wird, dass Geschäftsführer Hans-Joachim Watzke und Sportdirektor Michael Zorc Fehler in der Zusammensetzung des Kaders begangen haben. Diese Versäumnisse scheinen auch im inneren Kreis des börsennotierten Fußballunternehmens thematisiert worden zu sein. Mit Matthias Sammer und Sebastian Kehl wurden inzwischen zwei verdiente Persönlichkeiten des Klubs verpflichtet, die helfen sollen, ein widerstandsfähigeres Team zusammenzustellen.

Derzeit fehlt es an allen Ecken und Enden. Immer dann, wenn es hart auf hart kommt, mangelt es der Mannschaft an Führung: Zu viele Indianer, keine Häuptlinge, vor allem an diesem Manko gilt es zu feilen, damit der Nachfolger von Trainer Stöger, der ebenfalls gefunden werden muss, eine konkurrenzfähigere Mannschaft in das nächste Revierderby schicken kann. In den vier Spielen bis zum Saisonende muss die Borussia natürlich mit dem zurechtkommen, was der aktuelle Kader hergibt. Die Pleite auf Schalke hinterließ nur Frust und Ernüchterung. Marco Reus, der sich als einer der wenigen gegen die Niederlage aufgelehnt hatte, brachte es mit markigen Worten auf den Punkt: "Wir haben es verkackt."

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