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"Lücken-Müller" sendet klare Botschaft an James Rodriguez

DIE WELT-Logo DIE WELT vor 6 Tagen

Bei der Premiere von James Rodriguez für den FC Bayern München glänzt ausgerechnet Thomas Müller. Der schon als "Lücken-Müller" Verschrieene hat den Konkurrenzkampf angenommen.

Mirko Slomka hat als Trainer eine so mühsame Zeit hinter sich, dass er momentan lieber Co-Kommentator beim Fernsehen ist – und das ist gut so, denn beim Telekom Cup am Samstag in Mönchengladbach durfte er endlich wieder laut lachen und sagen: "Der Fußball schreibt schöne Geschichten."

Das Drehbuch muss halt stimmen. Zu den besten Drehbüchern der Filmgeschichte zählen die von "Citizen Kane" (1941), "Casablanca" (1942), "Der Pate I" (1972) oder "Chinatown" (1974) – und ehe der FC Hollywood nach China flog, hat auch die Traumfabrik des deutschen Fußballs noch schnell den Stoff geliefert für ein Stück großes Kino auf Sat.1: Die Story war spannend – und die Wendung verblüffend.

"King James" hieß das Drehbuch, und auf Schritt und Tritt wurde darin die Geschichte erzählt, wie der 26-jährige James Rodriguez als neuer Weltstar die Bühne des FC Bayern und der Bundesliga besteigt. Die Übertragung des Telekom Cups begann kurz vor 14 Uhr, und bis kurz vor den Abendnachrichten drehte sich die Sendung dann vollends weitgehend um die kolumbianische Leihgabe von Real Madrid.

Es war wie an Heiligabend, wenn es für die Kinder "Warten aufs Christkind" heißt. Der Stall von Bethlehem war in dem Fall das Stadion in Mönchengladbach, und stundenlang warteten alle sehnsüchtig darauf, dass das Wunderkind aus der Krippe steigt und mit dem Ball am Fuß Dinge tut, die die Welt noch nie gesehen hat.

"Ich habe ihn auf einem anderen Monitor schon gesehen", verkündete gleich anfangs ganz aufgeregt der Sat.1-Reporter und beruhigte Millionen von Zuschauern, bevor sie womöglich dachten, der neue Star sei im Mannschaftshotel in den falschen Bus eingestiegen. Als Nächstes sah man James dann in Großaufnahme auf dem Weg zur Ersatzbank, seine Frisur wurde samt dem scharfen Scheitel in Zeitlupe übertragen – und vielen Zuschauern lief das Wasser im Mund zusammen vor lauter Vorfreude aufs Finale.

James bleibt im ersten Test blass

Dann war es schließlich so weit – und prompt kamen alle in den Genuss einer Szene, wie man sie im Fußball so virtuos nur selten erlebt: blitzschnelle Ballannahme halb rechts am Strafraum, kurze akrobatische Drehung, fulminanter Schlenzer mit links, 1:0. Alle schnalzten mit der Zunge – aber, und das macht ein packendes Drehbuch eben aus: Eine gute Story hat überraschende Wendepunkte. Es war nicht King James. Es war Thomas Müller.

Telekom Cup: Thomas Müller © dpa Thomas Müller

Ausgerechnet Müller. Der Stümper der letzten Saison. Viele hatten schon prophezeit, er sei künftig nur noch der Tellerwäscher und Kofferträger des neuen Giganten. "Lücken-Müller" nannten ihn die Reporter von "Bild", fast wie ein Kriegsversehrter stand er bis dahin auf dem Platz, einen Arm halbwegs in der Schlinge, einen Finger so gut wie amputiert, ein komplettes Bild des Jammers. Sogar im 10.000-Euro-Gewinnspiel hatte Sat.1 gegen Müller gewettet, die Frage hieß: "Wer hat nach der vergangenen Saison seine Karriere beim FC Bayern beendet, Philipp Lahm oder Thomas Müller?" Es konnte nur Müller sein. Müller war tot.

Und nun das. Der Tote trat mit gestrecktem Bein von innen gegen den Sargdeckel und meldete sich zurück. Und gleich noch mal: Zaubertrick, Müller mit der Hacke zu Bernat, 2:0. King James gratulierte.

Von James sah man wenig. Wird da von einem Neuen zu viel erwartet? Schon beim letzten Kolumbianer, der für die Bayern stürmte, war geringfügig übertrieben worden. Das war in den frühen 90ern, Adolfo Valencia hieß damals der Torjäger. Eines Tages saßen die Bayern gelangweilt auf dem Düsseldorfer Flughafen, plauderten mit den Berliner Basketballerinnen von TuS Lichterfelde, und Lothar Matthäus deutete plötzlich auf Valencia und soll, so später der Damentrainer Michael Okada, mittels einer raumgreifenden Handbewegung gesagt haben: "Hey, unser Schwarzer hat so 'nen Langen."

So werden Erwartungen geweckt, die hinterher kaum erfüllt werden können. Je länger man den neuen James am Samstag im Schatten des alten Müller spielen sah, desto mehr Mitleid kam auf. Warum soll einer, der bei Real nur Reservist war, bei den Bayern plötzlich der Sohn des Fußball-Gotts sein? "Ich kann auf links, auf rechts und auf der 10 spielen", sagt James, und das klingt gut, aber es klingt auch wie das Pfeifen im Wald.

Müller winkt wieder eine Traumrolle im Bayern-Film

Auf links spielt Ribéry, auf rechts Robben und auf der 10 ungefähr Müller. Größer als die Chance von James auf einen Stammplatz ist vermutlich die, dass er gut Deutsch lernt, gegenüber der Sat.1-Reporterin klang es schon ganz verheißungsvoll: "Danke. Guten Morgen. Gute Nacht."

Warum Müller am Ende den Elfmeter verschossen hat? Weil er ein netter Kerl ist, er wollte den Kolumbianer nicht vollends ins Heimweh treiben. Müllers Botschaft war aber auch so deftig genug: Er ist nicht nur als Vollstrecker auferstanden aus der Asche, sondern größer denn je, nämlich jetzt auch noch Kapitän und Chef – einfach geschwind umgeschrieben hat er das Drehbuch, und am Ende gehörte dazu auch noch der Gillette-Werbespot nach dem Spiel: Gut gelaunt rasiert hat sich Müller – wie in den 70er-Jahren Uwe Seeler, der dazu vor dem Spiegel fröhlich die Melodie pfiff aus "Im Frühtau zu Berge wir zieh'n".

Thomas Müller ist wieder der Alte. Er lacht wieder, seine Fans lachen wieder, und Mirko Slomka ("Müller nur noch B-Elf? Undenkbar!") lacht wieder über die schönen Geschichten, die der Fußball schreibt. Dem fast schon aussortierten Lückenmüller winkt jedenfalls über Nacht wieder eine Traumrolle, und im großen Hollywoodkino des Fußballs wird womöglich demnächst nicht mehr "King James" gespielt, sondern ein Heimatfilm: "Der letzte Bayer".

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