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Sandro Wagner: Eine große Klappe macht noch keinen Typen

ZEIT ONLINE-Logo ZEIT ONLINE 17.05.2018 Christian Spiller
Klare Kante darf nicht mit Angeberei verwechselt werden: Sandro Wagner. © Matthias Schrader/dpa/picture alliance Klare Kante darf nicht mit Angeberei verwechselt werden: Sandro Wagner.

Sandro Wagner darf nicht mir zur WM und verkündet daher seinen Rücktritt. Fehlt es der Nationalelf an echten Typen? Es gibt da wohl ein Missverständnis.

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Eins vorweg: Auch der Autor dieses Textes möchte zunächst seinen Rücktritt aus der Nationalmannschaft erklären. Zudem möchte er auch noch einmal ausdrücklich seinen Verzicht auf den Posten des UN-Generalsekretärs zum Ausdruck bringen.

Solch mehr oder wenige originelle Witze muss Sandro Wagner gerade über sich lesen. Der Stürmer des FC Bayern erklärte seinen Rücktritt aus der Nationalmannschaft – nachdem er nicht in den vorläufigen Kader zur WM berufen wurde. Seinen Abschied aus einem Zirkel zu erklären, zu dem man nicht gehört, das wäre schon fast ein Fall für die großen Philosophen. Doch im Kern wird nach Wagners Entscheidung über etwas anderes diskutiert.

Dass Wagner nicht etwa zu Hause bleiben muss, weil er nicht gut genug Fußball spielt, sondern zu sehr aneckt. "Für mich ist klar, dass ich mit meiner Art, immer offen, ehrlich und direkt Dinge anzusprechen, anscheinend nicht mit dem Trainerteam zusammenpasse", sagt Wagner selbst. Da traut sich einer was. Unausgesprochen lässt er Joachim Löw als unehrlich und intrigant dastehen.

Vielleicht etwas zu harmonisch

Das Bedürfnis nach den häufig zitierten echten Typen ist in der Welt der Internatsfußballer groß. Wobei nicht ganz klar ist, was eigentlich eine unechte Type ist. Es geht wohl darum, dass die meisten Spieler zu stromlinienförmig und glattgehobelt herüberkommen. Das ist wohl weniger Schuld der Spieler als ihrer Vereine oder Berater, die sich vor einer unbedachten Äußerung ihrer Schützlinge fürchten, weil heute jede halbwegs kontroverse Aussage durch die Social-Media-Mühle gedreht wird und nie wieder verschwindet.

Die Sehnsucht nach den guten alten Zeiten, nach den Baslers und Effenbergs, ist demnach groß. Wagner kommt denen von allen prominenten Bundesligakickern schon ziemlich nahe. Er sagte einmal, er findet, dass Fußballer noch viel zu wenig Geld verdienen und auch: "Ich bin in meinen Augen seit einiger Zeit mit Abstand der beste deutsche Stürmer." Joachim Löw teilt diese Einschätzung eher nicht.

Nun ist es nicht ganz abwegig, dem Bundestrainer vorwerfen, dass es unter seiner Ägide im Nationalteam womöglich etwas zu harmonisch zugeht. Dass hier und da ein wenig mehr Kontroverse guttun könnte, weil Reibung, auch öffentliche Reibung, ein Team auch besser machen kann. Dass vor allem dem aktuellen WM-Kader im Gegensatz zu den 2014er-Weltmeistern ohne Schweinsteiger, Lahm oder Mertesacker die Persönlichkeiten fehlen. Ein Gros der WM-Fahrer dürfte in diesem Jahr einfach froh sein, dabei zu sein.

Gerne mehr Konfrontation also, nur scheint es da eine grundsätzliche Verwechslung zu geben: Eine große Klappe macht noch keinen Typen. Vorlaut sein bedeutet nicht Persönlichkeit zu haben. Klare Kante darf nicht mit Angeberei verwechselt werden.

Sandro Wagner oder Max Kruse, der in diesen Tagen auch oft genannt wird, weil er bei Löw ebenfalls keine Chance mehr hat, sind nicht solche Überfußballer, dass sie auf jeden Fall dabei sein müssten. Ihre Nichtnominierung ist kein Skandal, sondern Ergebnis einer sorgsamen Abwägung. Man kann Sandro Wagner für den etwas unflexibleren, vor allem weniger erfahrenen Stürmer halten als den Nominierten Mario Gomez. Und man kann auch der Meinung sein, dass der ebenfalls Nominierte Nils Petersen mit seinen 15 Toren in Freiburg eine größere Leistung vollbracht hat als Sandro Wagner mit seinen 12 bei der Tormaschine FC Bayern. Muss man nicht, aber man kann.

Kein Zeichen von Charakter, sondern Charakterschwäche

Wenn es eben nur Nuancen sind, die die Angreifer unterscheidet, ist es Löws gutes Recht, sich für die Sportler zu entscheiden, die stets mitziehen und bei denen die Gefahr, dass sie vor einem Achtelfinale doch einmal maulen oder in einem Interview einen dummen Satz sagen oder nachts ein paar Zehntausend Euro Bargeld im Taxi vergessen, etwas weniger akut ist. Das würde nämlich nur ablenken vom sportlichen Ziel. Nur darum geht es, ums Gewinnen, und dafür muss eine Mannschaft auch neben dem Platz funktionieren. Den Zusammenhalt der 2014er-Truppe, den sogenannten Geist vom Campo Bahia, hat sich wohl nicht die PR-Abteilung des DFB ausgedacht.

Als Sandro Wagner am Tag seines WM-Aus auf dem Trainingsplatz des FC Bayern weinte und Robert Lewandowski tröstend seinen Kopf tätschelte, konnte man fast Mitleid mit Wagner bekommen. Nun aber stänkert er. Das ist kein Zeichen von Charakter, sondern von Charakterschwäche. Und mit seinen Worten zeigt Wagner dann noch einmal, warum es wohl richtig war, ihn nicht mit nach Russland zu nehmen. Stinker mag halt keiner.

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