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Volkswagens Schweigen zur Zukunft des VfL Wolfsburg

DIE WELT-Logo DIE WELT 19.05.2017
Mario Gomez und der VfL Wolfsburg blicken aktuell auf eine ungewisse Zukunft. © Bongarts/Getty Images Mario Gomez und der VfL Wolfsburg blicken aktuell auf eine ungewisse Zukunft.

Dem VfL Wolfsburg droht in dieser Saison der Abstieg in die 2. Liga. Offiziell schweigen Klub und VW-Konzern über die internen Konsequenzen. Das Ende des Sponsorings ist denkbar. Eine neue Identität aber auch.

Eigentlich kann Francisco Javier Garcia Sanz keine Zeit für sportliche Dramen haben. Er ist ein etabliertes Vorstandsmitglied der Volkswagen AG und derzeit mit brisanten Themen belastet. Aber der Spanier, als VW-Größe auch Aufsichtsratsvorsitzender der VfL Wolfsburg GmbH, bleibt nun einmal ein leidenschaftlicher Fußballfan.

Trotz seiner tragenden Rolle bei der Aufarbeitung des Abgasskandals von und mit VW schafft es der Topmanager, sich ganz tief in den Abstiegskampf der Bundesliga zu begeben.

Auffällig bleibt dabei: Wenn Garcia Sanz beim Training oder den Heimspielen vorbeischaut, bleibt er in einer Hinsicht wortkarg. Vor dieser einen bösen Fragestellung ducken sich bei Hauptsponsor und Verein seit geraumer Zeit alle. Was passiert eigentlich, wenn der VfL Wolfsburg wirklich absteigt und nur noch Werbeträger in der 2. Liga ist?

An diesem Samstag kommt es zum Showdown, der Werksklub ist im Abstiegsendspiel Gast beim HSV. Wolfsburg muss bei einer Niederlage in die Relegation, sofern Mainz und Augsburg nicht so hoch verlieren, dass die Torbilanz nicht mehr für sie spricht.

Hinter der großen sportlichen Not einer Mannschaft, die eigentlich für das Erreichen der Champions League zusammengestellt worden ist, kann sich dieses andere und noch größere Thema gut verstecken. Garcia Sanz hat immer wieder betont, dass es keinen Plan B gebe. Man sei nun einmal ein ehrgeiziger Verein, dessen Ziele an den hohen Ansprüchen von VW ausgerichtet worden sind. Aber bleibt das wirklich so? Vor allem die Neider des VfL Wolfsburg rechnen seit Monaten damit, dass die Autobauer ihre Lust am teuren Sportsponsoring verlieren.

Ein Thema wird totgeschwiegen

Über das Saisonbudget von knapp 100 Millionen Euro und die künftige Strategie mit einem geschätzten Kürzungspotenzial von 20 Millionen Euro wird geschwiegen. Sportdirektor Olaf Rebbe, vor fünf Monaten im Zuge der Entlassung von Geschäftsführer Klaus Allofs aufgerückt, windet sich bei Fragen zur Zukunft des VfL. Er muss hinter den Kulissen längst zweigleisig planen und auf die Variante vorbereitet sein, dass dem letzten Saisonspiel beim HSV (15.30 Uhr, im Liveticker bei welt.de) ein Abstieg folgt. Seinen selbst angelegten Maulkorb dazu begründet Rebbe mit dem üblichen Reflex auf Unangenehmes. Die Frage nach der zukünftigen Ausrichtung, so der smarte Sportdirektor, stelle sich derzeit nicht.

Unter all die düsteren Momente einer Saison, in der sich der VfL Wolfsburg mehrheitlich blamiert hat, mogeln sich auch schöne Dinge. Sie sind Fingerzeige für etwas, das auf eine Kurskorrektur schließen lässt. Cheftrainer Andries Jonker baut mal aus personeller Verlegenheit und gar nicht so selten aus Überzeugung auf den Nachwuchs.

Nach Maximilian Arnold und Robin Knoche sind mit Paul Seguin, Hendrik Hansen und Justin Möbius weitere Eigengewächse aus dem vorbildlich geführten Nachwuchsleistungszentrum des VfL in den Profikader aufgerückt. Sportdirektor Rebbe weist voller Stolz darauf hin, dass darüber hinaus mit dem bereits in der 1. Liga erfahrenen Jannes Horn und Talent Gian-Luca Itter aktuelle Größen der deutschen U20- beziehungsweise U17-Nationalmannschaft langfristig gebunden werden konnten.

Gefährliches Signal an Entscheider bei VW

Für welche Liga, das weiß noch niemand. Aber offenbar geht es längst darum, einen neuen Weg zu gehen. Mit mehr Talenten, mit weniger Stars. Mit mehr Mentalität und Identifikation. Mit weniger Aussicht auf die Champions League, aber mit größerer Chance auf Sympathiepunkte. Nach 20 Jahren Bundesliga am Stück in Wolfsburg mit vielen Höhen und Tiefen gärt im Hintergrund der Verdacht, dass sich dauerhafte Investitionen in Stars aus aller Welt nicht nachhaltig auszahlen.

Irgendwie ist aus dem VfL Wolfsburg ein innerlich gespaltener Verein geworden. Der harte Kern der Fans hat großen Spaß daran, seine Lieblinge zu unterstützen, und ist ein Rückhalt im Abstiegskampf. Das normale Wolfsburger Publikum hatte zuletzt ausgerechnet im letzten und wichtigen Heimspiel der Saison gegen Borussia Mönchengladbach (1:1) entweder tüchtig gemosert oder war gar nicht gekommen.

Dass auch außerhalb des Gästebereiches Sitzplätze unbesetzt geblieben sind, lässt darauf schließen, dass es sich am Ufer des Mittellandkanals mit der Sehnsucht nach großen Namen und eingekauften Stars in Grenzen hält. Und genau dieses Aufmerksamkeitsdefizit ist ein gefährliches Signal für jene Entscheider bei VW, die nüchtern gegenrechnen, ob der finanzielle Aufwand und der werbliche Ertrag plus Imagegewinn beim VfL Wolfsburg wirklich noch in einem gesunden Verhältnis zueinander stehen.

Gomez als Gesicht des Neuanfangs?

Am Samstag klärt sich die Frage, ob auf Wolfsburg die Schmach zukommt, in den Relegationsspielen gegen den Lokalrivalen Eintracht Braunschweig antreten zu müssen oder ob der Abstieg verhindert werden kann. Bis dahin klammert sich so mancher im Verein an positive Signale. Trainer Ralf Kellermann etwa, der mit den Frauen des VfL gerade zum dritten Mal deutscher Meister geworden ist, nimmt keinerlei Signale für einen restriktiven Kurs oder schrumpfende Unterstützung für seinen Bereich wahr. Vielleicht gilt das, was er im Kleinen nicht kommen sieht, ja doch auch für den großen Männerfußball.

Kurz vor dem Saisonfinale hat Sportdirektor Rebbe verlauten lassen, dass sich Torjäger Mario Gomez im Fall des Klassenerhalts angeblich einen Verbleib in Wolfsburg vorstellen könne. Eine solche Personalie mit großer Zugkraft wäre mit Blick auf das Image des VfL ein Segen. Aber Gomez ist bereits 31 Jahre alt und soll rund acht Millionen Euro pro Jahr verdienen. Er wäre der Vater eines VfL-Ensembles, von dem sich mancher wünscht, dass es jünger, dynamischer, günstiger und zugleich vereinstreuer wird.

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