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Der Verlierer heißt: Mercedes

SZ.de-Logo SZ.de 18.04.2017 Von Elmar Brümmer
Sebastian Vettel, rechts, triumphiert am 16. April 2017 in Bahrain im dritten Rennen der Formel-1-Saison bereits zum zweiten Mal über WM-Hauptrivale Lewis Hamilton, links. © dpa Sebastian Vettel, rechts, triumphiert am 16. April 2017 in Bahrain im dritten Rennen der Formel-1-Saison bereits zum zweiten Mal über WM-Hauptrivale Lewis Hamilton, links.

Sebastian Vettel und Ferrari geben in der Formel 1 den Ton an. Das deutsche Team muss im Entwicklungswettlauf schnell aufholen.

• Sebastian Vettel und Ferrari siegen in Bahrain und zeigen, wie überlegen das Auto derzeit ist.

• Mercedes muss im Entwicklungswettlauf schnell reagieren.

• Aufsichtsrat Lauda will von Verschwörungstheorien allerdings nichts wissen.

Eine der Marotten von Sebastian Vettel ist es, seine Freude über einen Erfolg in der Formel 1 auch an der Größe und Form des Pokals festzumachen. Das hat sich auch nach 44 Grand-Prix- Siegen nicht geändert. "Ich liebe diese Trophäe, das ist eine der schönsten, die es zu holen gibt", sagte er nach dem Ferrari-Triumph beim Großen Preis von Bahrain, seinem zweiten im dritten WM-Lauf der Saison. Bei dem Flutlichtrennen gibt es noch einen richtigen Pott, und der passt ästhetisch genau zum Erfolg und dem neuen Selbstbewusstsein der neuen Scuderia Ferrari. Die Silberpfeile von Lewis Hamilton und Valtteri Bottas aus der zweiten Startreihe heraus zu schlagen, das war ein Statement. "Wir können hier sehr glücklich wieder abreisen", sagte Vettel, "allerdings erst nach den Testfahrten."

Dass sich ein Sieger nach anstrengender Arbeit gleich wieder darauf freut, in der Wüstenhitze ins Cockpit zu steigen, zeugt vom Ansatz, den das italienische Team und ihr hessischer Mannschaftskapitän schon den Winter über gepflegt haben: Da entwickelt sich etwas.

"Macht doch, was Ihr wollt"

Nach der Zieldurchfahrt dauerte es auch nur ein paar Minuten, ehe elektronische Post eintraf, die mit "Presidente" gezeichnet war. Sergio Marchionne, der so mächtige wie ehrgeizige Fiat-Chef, dankte Vettel: "Es ist sehr befriedigend, mit Seb wieder ganz oben zu stehen. Das zeigt, dass unser Erfolg in Melbourne kein Zufall war, und dass wir bis zum Schluss dieser Weltmeisterschaft an vorderster Front kämpfen werden." Unaufmerksamkeit will der Firmenpräsident nicht zulassen, wohingegen der Verlierer dieses dritten WM-Laufs klar ist: Mercedes. Dessen Auftritt mit Pannen vor dem Start und beim Boxenstopp, mit Mängeln in der Taktik und im Tempogefühl von Lewis Hamilton bewertete Mercedes-Sportchef Toto Wolff so: "Es war mehr Murks in diesem Rennen als Positives."

Mercedes ist schwerer als geplant

Vettel, der in der WM-Wertung nun mit 68:61 Punkten gegen Hamilton führt, rieb sich noch vor der Podiumszeremonie die Hände; die Turbolader-Probleme vom Samstag waren vergessen: "Es hat einfach ,Klick' gemacht." Der SF 70 H, dessen Namen vom Jubiläum abgeleitet ist, das Ferrari in diesem Jahr feiert, schont offenbar die Reifen besser als der Silberpfeil. "Im Rennen kommt unser Auto zurück", sagt Vettel über das gute Gefühl, das ihn immer wieder sonntags überfällt. Es mag auch daran liegen, dass der Mercedes wohl ein paar Kilo schwerer ist als geplant. Entscheidend für den Ausgang in diesem WM-Duell wird also nicht nur die Form der Fahrer sein, sondern die der Mannschaft in den Fabriken. "Es wird ein Entwicklungswettlauf", glaubt Mercedes-Teamaufsichtsrat Niki Lauda, "und wer vorn ist, gibt den Ton an."

Zusätzliche Spannung in das Rennen zwischen den Rennen bringt, dass der in der vergangenen, erfolglosen Saison bei Ferrari geschasste Technikchef James Allison inzwischen bei Mercedes angeheuert hat. Der Brite muss jetzt das zeigen, was Gegenspieler Mattia Binotto schafft. Lauda sagt über den Ferrari-Technikchef: "Er gibt die richtige Richtung vor und lässt die Leute in Ruhe arbeiten."

Bahrains Omen

Sieger in Sakhir, die auch Weltmeister wurden

Zahlreiche Formel-1-Piloten, die das Rennen auf dem Circuit von Bahrain gewannen, wurden im selben Jahr am Saisonende auch Weltmeister. Sebastian Vettel, der nach dem Sieg am Sonntag im Ferrari die WM mit sieben Punkten Vorsprung auf Lewis Hamilton im Mercedes anführt, gelang das auch schon zweimal.

2004 Michael Schumacher (Kerpen)
2005 Fernando Alonso (Spanien)
2006 Fernando Alonso (Spanien)
2009 Jenson Button (Großbritannien)
2012 Sebastian Vettel (Heppenheim)
2013 Sebastian Vettel
2014 Lewis Hamilton (Großbritannien)
2015 Lewis Hamilton
2016 Rosberg (Wiesbaden)
2017 Sebastian Vettel - bislang 1. in Bahrain

Teamchef Maurizio Arrivabene, dessen Weiterbeschäftigung maßgeblich vom Erfolg in dieser Saison abhängen dürfte, freut sich über die wiedergewonnene Stärke des Autos und seines Nummer-Eins-Fahrers: "Das ganze Team hat am Wochenende seinen Mut, seine Entschlossenheit und ein bisschen auch die Verrücktheit bewiesen." Etwas pathetischer fügt er an, dass alle diese Elemente für die Rückkehr auf die Siegerstraße schon immer Teil der DNA von Ferrari gewesen seien, seit der Sportwagenhersteller 1947 gegründet wurde. Tatsächlich spielt die Tradition eine gewisse Rolle beim Comeback in dieser Saison, allerdings muss man nicht ganz so weit in der Historie zurückgehen, um einen Erfolgsfaktor zu finden.

Unterboden mit illegalem Tunnel-Effekt?

1996 stand Ferrari vor einer noch radikaleren Umkehr als vor dieser Saison, damals holte man einen südafrikanischen Rennwagendesigner namens Rory Byrne aus dem Vorruhestand. Der Brite, der auf Tauchschulbesitzer in Thailand umschulen wollte, hatte zuvor Michael Schumachers Weltmeisterautos bei Benetton konstruiert und brachte seinen alten Schützling und die Aerodynamikabteilung in Maranello wieder auf Kurs - die von ihm konzipierten Autos leiteten die erfolgreichste Ära der Formel-1-Historie ein. Der hinkte Ferrari in der Neuzeit auch mit Vettel nach, und so wurde der Designer zunächst als Berater wieder zurückgeholt. Seit vergangenem November ist Byrne, inzwischen 73 Jahre alt, allerdings wieder fünf Tage in der Woche in der italienischen Rennfabrik - das radikal neue Reglement eröffnet eine Menge Möglichkeiten für Fahrzeuggestalter.

In der Formel 1 ruft ungewöhnlicher Erfolg sofort die Verschwörungstheoretiker auf den Plan. Helmut Marko, der Berater von Red Bull Racing, dem eigentlich als Mercedes-Herausforderer erwarteten Rennstall, spricht von belastenden Videoaufnahmen, die angeblich einen sich zur Straße hin verformenden Unterboden zeigen. Daraus entstünde ein Tunneleffekt, der dann für mehr Bodenhaftung und so für ein höheres Tempo sorge. Marko sagt: "Es wäre schade, wenn Ferrari nur deshalb vorne fahren würde." Ein offizieller Protest wegen illegaler flexibler Teile wurde bisher allerdings nicht eingelegt. Mercedes-Mann Lauda will solchen "Blödsinn" nicht mal kommentieren. Er beurteilte lieber das Renngeschehen von Bahrain: "Es gibt keine Diskussionen, Ferrari hat alles perfekt gemacht."

Mattia Binotto pflegt weiterhin den stillen Stolz, die Turboladerdefekte und der Rückstand in der Qualifikation zwingen seine Ingenieure dazu, die Daten noch gründlicher zu studieren. Die Überstunden hätten aber auch etwas Gutes, sie könnten Ferrari in Zukunft noch stärker machen. "Jeder bei uns ist hungrig und peitscht nach vorn", weiß Sebastian Vettel, "das Pferd muss weiter galoppieren." Er spricht von einem "gewissen Momentum", das mitzunehmen sei zum nächsten Rennen in Russland. Zufrieden bilanziert er: "Wenn man schnell genug ist, tut man sich immer leichter, mitzugestalten."

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