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Lewis Hamiltons Psychologie: Irgendwann lässt einer nach ...

motorsport.com-Logomotorsport.com 10.10.2018
Lewis Hamilton, Mercedes AMG F1 W09, leads Sebastian Vettel, Ferrari SF71H © Glenn Dunbar / LAT Images Lewis Hamilton, Mercedes AMG F1 W09, leads Sebastian Vettel, Ferrari SF71H

Wie es Lewis Hamilton erneut gelungen ist, in der zweiten Saisonhälfte die WM zu seinen Gunsten zu drehen und welche Rolle Vettels Hockenheim-Fehler spielte

Lewis Hamilton mutierte in den vergangenen zwei Jahren zu einem Spezialisten für die zweite Saisonhälfte. Mit Ausnahme vom Auftakt in Belgien sicherte er sich dieses Jahr seit der Sommerpause alle vier Siege, im Vorjahr schlug er mit frischer Energie bei den ersten sechs Rennen gleich fünf Mal zu. Dabei galt eigentlich Rivale Sebastian Vettel stets als Spezialist für die Zeit nach der Sommerpause.

"Wir können uns alle zusammen an die Brust heften, dass wir den Druck so hoch gehalten haben", sagt der viermalige Weltmeister nicht ohne Stolz. "Und dann passiert es halt in einem Kopf-an-Kopf-Duell unter erstklassigen Gegnern, dass irgendwann einer nachlässt. Auch wenn sie immer noch auf hohem Niveau sind. Das ist eine Frage der Psychologie."

Und es kommt darauf an, wer den längeren Atem hat. "Es ist ein Marathon, kein Sprint", weiß der Brite. "Als Kind habe ich Geländeläufe gemacht. Wenn du für einen Lauf trainierst, brauchst du die Ausdauer, um alle Hindernisse zu überwinden. Und diese Ausdauer scheinen wir dieses Jahr zu haben. Das ist toll. Wir geben immer 100 Prozent, und ich bin sehr dankbar, dass ich auch immer meinen Beitrag geleistet habe, wenn es drauf ankam."

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Zweikämpfe als Hamiltons Spezialität

Während ein Zweikampf über eine ganze Saison enorm an die Substanz gehen kann, scheint Hamilton dadurch eher Kraft zu gewinnen: "Ich liebe es zu kämpfen, und am liebsten hätte ich noch mehr Rad-an-Rad-Duelle. Zu sehen, wer zuerst einknickt, ist die ultimative Herausforderung. Die mentale Stabilität unter Druck. Ich mag das."

Dabei war Hamilton in der Vergangenheit auch oft ein Pilot, der sich von Rückschlägen runterziehen ließ und der unter enormem Druck Nervenschwäche zeigte. Und selbst diese Saison machte Vettel in der Anfangsphase in gewissen Momenten den cooleren Eindruck. "Ich habe das Gefühl, dass Hamilton mit der Aufgabe gewachsen ist", analysiert Experte Marc Surer gegenüber 'Motorsport.com'.

"Er hat am Anfang ja auch viel gejammert, nicht nur am Funk. Er hat ja auch immer gesagt, dass die anderen das schnellere Auto haben und sich über sein Auto oder Strategieentscheidungen beklagt. Das hat mir überhaupt nicht gefallen. Aber das ist jetzt verschwunden. Er hat gelernt, mit der Situation umzugehen und zu kämpfen."

Surer: Darum war Hockenheim der Schlüssel

Hamilton ist daher für den Schweizer "definitiv der beste Fahrer aktuell in der Formel 1, da brauchen wir nicht zu diskutieren. Er macht einfach alles richtig im Moment." Vettel habe hingegen ausgerechnet beim Heimspiel in Hockenheim den vielleicht entscheidenden Fehler gemacht.

"In der Sachs-Kurve unnötig rauszurutschen, vor allem wenn man aus der Gegend stammt und weiß, dass das die einzige Kurve ist, bei er man nicht rausrutschen darf... Da hat er nicht nur 25 Punkte verloren, sondern eigentlich 32, denn er hat dem anderen dadurch ja sieben Punkte geschenkt", kritisiert Surer. "Das war schon heftig und etwas, von dem man sich nur schwer erholen kann."

Der Faux-pas zog weitere Patzer nach sich - zum Beispiel den Dreher in Monza. Aber auch in Suzuka war Vettel alles andere als makellos: "Sowohl Räikkönen als auch Vettel mussten, nachdem man die falschen Reifen aufgezogen hatte, unter schwierigen Bedingungen eine schnelle Runde fahren. Kimi hat's geschafft und wurde Vierter, und Vettel flog raus. Ja, die Fehler häufen sich bei ihm."

Wie Hamilton die Konzentration hält

Dazu kommt, dass Vettels Ferrari-Rennstall dieses Jahr ebenfalls in zahlreiche Fettnäpfchen tritt und die Stabilität vermissen lässt, die der feinfühlige Heppenheimer für Höchstleistungen am laufenden Band benötigt. Ganz im Gegensatz zu Hamiltons Mercedes-Truppe, die ihm den Rücken freihält und auch vor Stallorder nicht zurückschreckt, wenn es die WM-Situation erfordert.

Und auch wenn Hamilton nun in der WM 67 Punkte Vorsprung hat und theoretisch schon in Austin mit dem fünften Titel mit Juan Manuel Fangio gleichziehen könnte, lehnt er sich nicht zurück. "Das fällt mir leicht", sagt der 33-Jährige, der sich immer wieder mit Kritik konfrontiert sah, er würde zu viel Zeit auf dem Roten Teppich verbringen. "Ich bin sehr streng mit mir, wenn es darum geht, nicht überheblich zu werden."

Da immer noch 100 WM-Punkte zu holen sind, "müssen wir bis zur letzten Runde so weitermachen wie bisher. Und mir ist auch klar, aus früheren Erlebnissen, dass noch viel passieren kann." Erinnerungen an Sepang 2016 werden wach, als der Motor von Hamilton in Führung liegend hochging und Nico Rosberg im WM-Kampf die Karten in die Hände spielte.

Hamilton denkt bereits an 2019

Dennoch weiß er, dass es für die Motivation wichtig ist, kurz innezuhalten und sich die eigene Leistung bewusst zu machen. "Ich war gerade bei den Ingenieuren und habe allen gesagt: 'Ich hoffe, dass ihr spürt, dass ihr eure beste Leistung bringt. Denn das tun wir. Wir lehnen uns keine Sekunde zurück!' Wir sind mittendrin, machen das Debriefing, dann geht's zurück in die Fabrik und schon steht die nächste Aufgabe auf dem Programm. Sich da mal eine Sekunde zu gönnen, in der man die tolle Arbeit, die jeder Einzelne macht, zu loben, ist gar nicht so einfach."

Denn auch wenn der WM-Kampf entschieden scheint, kommt Hamilton nicht zur Ruhe. Der Fabriksbesuch nach dem Japan-Grand-Prix drehe sich um die "Änderungswünsche für das nächstjährige Auto", aber auch Optimierungen beim aktuellen F1 W09: "Es gibt noch Kleinigkeiten zu verbessern. Danach habe ich ein paar PR-Termine, bevor ich in die Staaten fliege. Die Woche vor Austin ist ziemlich stressig. Aber nichts Ungewöhnliches."

Hamiltons beeindruckende Konstanz und Vettels Fehler sind auch Thema der aktuellen Ausgabe im Formel-1-Talk 'Starting Grid' (in Kooperation mit 'meinsportradio.de'), bei der diesmal Marc Surer zu Gast ist. Nachzuhören jetzt in unserem Radioplayer oder - bequem zum Beispiel für die nächste Autofahrt - als kostenloses iTunes-Abo.

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