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Ein Dankeschön für den Franz

SZ.de-Logo SZ.de vor 5 Tagen Von Johannes Aumüller und Thomas Kistner, Frankfurt
Was soll ich denn da sagen? Franz Beckenbauer, OK-Chef der WM 2006, ist im Frankfurter Verfahren als Zeuge vorgesehen. © Peter Endig/dpa Was soll ich denn da sagen? Franz Beckenbauer, OK-Chef der WM 2006, ist im Frankfurter Verfahren als Zeuge vorgesehen.

• Die rechtliche Auseinandersetzung der Fußball-WM 2006 steuert auf ihr Finale zu.

• Die zweite Strafkammer des Landgerichts Frankfurt prüft derzeit die Eröffnung eines Verfahrens wegen des Verdachts auf schwere Steuerhinterziehung.

• Es geht um 13,7 Millionen Euro.

Im Herbst 2015, in den Tagen des großen Bebens, bekam der Deutsche Fußball-Bund (DFB) interessanten Besuch: Von einer Firma, die auf die Verwertung von alten Elektrogeräten spezialisiert ist. Am 15. Oktober 2015 löste der Spiegel die Sommermärchen-Affäre aus, in der es um dubiose Zahlungen rund um die Fußball-WM 2006 geht. Vom Tag darauf, dem 16. Oktober, datiert der Abschlussbeleg einer Recycling-Firma an den DFB. Ihr Auftrag: Abtransport von exakt 199,0 Kilogramm EDV-Schrott. Nach SZ-Informationen war dieser Vorgang auch schon der Kanzlei Freshfields bekannt, die die Affäre für den DFB aufarbeiten sollte - sie befragte dazu die IT-Verantwortlichen des Verbandes. Antwort: Es habe sich bei der entsorgten Technik nur um Faxgeräte und Drucker gehandelt.

Wenige Wochen nach der Recycling-Firma kam dann die Staatsanwaltschaft, sie nahm viele andere Dinge mit. Damit begann die rechtliche Auseinandersetzung mit dem WM-Skandal, die nun auf ihr Finale zusteuert. Die zweite Strafkammer des Landgerichts Frankfurt prüft derzeit die Eröffnung eines Verfahrens wegen des Verdachts auf schwere Steuerhinterziehung.

Im Fokus der mysteriösen Transaktionen von zehn Millionen Franken (2002) bzw. 6,7 Millionen Euro (2005) stand zwar Franz Beckenbauer - der ist aber trotzdem nur Zeuge im Frankfurter Verfahren. Dieses richtet sich gegen die früheren DFB-Funktionäre Wolfgang Niersbach, Horst R. Schmidt und Theo Zwanziger als Verantwortliche für die damalige Steuererklärung; zudem gegen Urs Linsi, früher Generalsekretär des Weltverbandes Fifa, wegen Verdachts auf Beihilfe. Ende Mai legte die Staatsanwaltschaft ihre 144-seitige Anklage vor, dann fertigten die Anwälte der Angeschuldigten ihre Stellungnahmen. Nun prüft das Landgericht die Sache.

Dabei ist nach SZ-Informationen bemerkenswert, wie die Staatsanwaltschaft das Motiv der Angeschuldigten für ihre Teilnahme am Millionen-Karussell bewertet. Seit Längerem ist klar, dass gemäß der auf Bankunterlagen und Aussagen fußenden Einschätzung der Behörde der frühere Adidas-Chef Robert Louis-Dreyfus 2002 Beckenbauer ein Privatdarlehen über zehn Millionen Franken gewährte - ihm persönlich, nicht aber dem WM-Organisationskomitee (OK) oder dem DFB. In der Anklage heißt es nun nach SZ-Informationen, Schmidt, Niersbach und Zwanziger hätten im Herbst 2004 beschlossen, den Privatkredit auf Kosten des OK zu begleichen, um Beckenbauer für seine formal ehrenamtlichen Dienste an der OK-Spitze zu danken. Ein Dankeschön für den Franz also.

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Sind Steuern in Höhe von 13,7 Millionen hinterzogen worden?

Weil ihnen bewusst gewesen sei, dass eine direkte Rückzahlung des Darlehens nicht möglich sei, hätten sie sich einen Tarnweg überlegt, wie sich die Aktion als Betriebsausgabe verschleiern ließe. Schließlich überwiesen sie im April 2005 unter dem Vorwand, es handele sich um einen Beitrag für eine WM-Gala, 6,7 Millionen Euro (zehn Millionen Franken plus Zinsen) an die Fifa, von wo sie am selben Tag an Louis-Dreyfus weiterflossen.

Später seien die 6,7 Millionen zu Unrecht als Betriebsausgabe in der Steuererklärung 2006 geltend gemacht und damit Steuern in Gesamthöhe von 13,7 Millionen Euro hinterzogen worden. Von hoher krimineller Energie bei Schmidt soll in der Anklage die Rede sein, von krimineller Energie bei Niersbach, weil er Daten gelöscht habe, die für das Verfahren von Belang waren. Zwanziger soll federführend bei der Idee gewesen sein, die Rückzahlung über die Fifa zu lösen.

Offen bleibt, zu welchem Zweck Dreyfus Beckenbauer das Darlehen gewährte

Offen bleibt, zu welchem Zweck Louis-Dreyfus 2002 das Darlehen gewährte. Das Geld war in einem Kreislauf, ausgehend von einem Konto Beckenbauers und seines damaligen Managers, bei Fifa-Funktionär Mohammed bin Hammam in Katar gelandet. Bisher ist nicht klar, wohin es danach floss. Katar weigert sich, mit den Schweizer Bundesanwälten zu kooperieren; ebenso mit den deutschen. Doch gibt es, wie die SZ erfuhr, inzwischen den Verdacht, dass das Geld aus Katar komplett zurück in die Schweiz geflossen sein soll. Das würde die Annahme noch verdichten, dass dieser spezielle Geldfluss gar keinen direkten Bezug zum Kauf von WM-Stimmen hatte (für diesen Vorwurf gibt es andere, erhebliche Verdachtsmomente).

Die Ermittler gingen früh dem Verdacht nach, dass Beckenbauer selbst der Profiteur war; sie rückten die Zahlung auch in den Kontext eines TV-Deals um die Gründung der Firma Infront (SZ vom 11.11.2017.). Den Verdacht stützen interne Banknotizen, die klarste: 2003 hielt eine Beraterin von Louis-Dreyfus' Bank explizit fest, der Kredit diene für einen Rechteerwerb aus dem Nachlass der damals insolventen Kirch-Gruppe. Auch erhielten Beckenbauer und sein steter Schattenmann Fedor Radmann in den Folgejahren Zahlungen über insgesamt 7,1 Millionen Franken von Bin Hammam bzw. Louis-Dreyfus. Beckenbauers und Radmanns Anwälte äußerten sich auf verschiedene Anfragen nicht.

Die Frankfurter Ermittler aber brauchen den exakten Bestimmungszweck für ihre Anklage gar nicht. Ihnen reicht der Nachweis, dass es keinen "Zuschuss zu einem Zuschuss" gab, wie die Beteiligten behaupten: dass damals erst zehn Millionen Franken fließen mussten, damit das OK von der Fifa einen Organisationszuschuss von 250 Millionen Franken erhält. Dagegen spricht auch eine Vielzahl von Belegen und Aussagen. Bleibt für die Ermittler nur der Schluss: Dieses Darlehen war privat.

Eine ordentliche Entlohnung für das ehrenamtliche Tun

Damit stiege das, was Beckenbauer für sein angeblich ehrenamtliches Tun erhielt, enorm. 5,5 Millionen Euro erhielt er 2005 und 2006 ja im Kontext eines Oddset-Werbevertrags. Und im April 2006 warben Präsidiumsmitglieder des OK beim Aufsichtsrat darum, Beckenbauer - wie allen anderen OK-Mitgliedern - eine Prämie zu bewilligen. Das wurde wohl mit Blick auf die Rechtslage verworfen. Dafür flossen, so der Spiegel, später zirka 600 000 Euro vom DFB an die Franz-Beckenbauer-Stiftung - als Prämie "für acht Jahre ehrenamtliches Wirken im Sinne der WM". Addiert man dazu jetzt das getilgte Darlehen über 6,7 Millionen Euro, läge der Gesamtbetrag schon bei 12,8 Millionen Euro.

Die Angeschuldigten bestreiten den Vorwurf, Steuern hinterzogen haben; das Landgericht befasst sich derzeit mit einer Vielzahl inhaltlicher Einwürfe. So wird generell infrage gestellt, dass es sich um ein Privatdarlehen gehandelt habe. Doch selbst, wenn das zuträfe, sei es doch eine Betriebsausgabe und steuerlich abziehbar gewesen. Weil es sich gemäß Anklage ja um ein Dankeschön für Beckenbauers ehrenamtliche Tätigkeit gehandelt habe; also gewissermaßen um eine Entlohnung.

Daneben kursiert ein Argument, das tief ins Steuerrecht und den buchhalterischen Umgang des DFB mit den 6,7 Millionen hineinreicht. Im Kern geht es darum, dass eine Steuerverkürzung, falls überhaupt, 2005 stattgefunden habe - nicht 2006, wie es die Anklage sieht. Das wäre bedeutend: Mit Blick auf diese beiden Jahre gab es eine Gesetzesänderung für die Verjährungsfrist von Steuervergehen.

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