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"Es gibt Orte, an die ich meine Töchter nicht reisen lassen würde"

WELT-Logo WELT 09.11.2018
Jerome Boateng schreibt nach einem Training der Bayern Autogramme. Doch nicht alle Fans begegnen dem Innenverteidiger mit dem nötigen Respekt © Bongarts/Getty Images/Alexander Hassenstein Jerome Boateng schreibt nach einem Training der Bayern Autogramme. Doch nicht alle Fans begegnen dem Innenverteidiger mit dem nötigen Respekt

Jérôme Boateng hat in seinem neuen Magazin "Boa" über seine Erfahrungen mit Rassismus in Deutschland gesprochen. Außerdem habe die Nationalmannschaft im Umgang mit Mesut Özil Fehler gemacht.

Schon als zehnjähriger Nachwuchskicker wurde er bespuckt; und auch heute als Profi immer noch beleidigt und verhöhnt. Nationalspieler Jérôme Boateng hat in einem Interview für sein neues Lifestyle-Magazin "Boa", das am Samstag zum ersten Mal erscheint, tiefe Einblicke in seine Erfahrungen mit Rassismus gewährt. Auch um seine Töchter macht er sich Sorgen. Zudem sieht der Innenverteidiger des FC Bayern den Umgang des Nationalteams mit Mesut Özil kritisch.

"Wenn ich mich am Rand des Spielfelds warm mache, höre ich öfter, wie Zuschauer Affenlaute von der Tribüne brüllen, obwohl ich für Deutschland so viele Spiele bestritten habe", sagt Boateng in dem Doppelinterview, in dem der 30-Jährige gemeinsam mit Musiker Herbert Grönemeyer vor allem über die gesellschaftliche Stimmung in Deutschland spricht.

Er nehme wahr, dass viele Leute ihre Mitmenschen wieder mehr in Schubladen steckten: "Eine für die Deutschen, eine für die Migranten. Und die Deutschen, deren Eltern vielleicht ausländische Wurzeln haben und die nicht weiß sind, sich aber völlig deutsch fühlen, weil sie hier aufgewachsen sind, werden wieder skeptischer angeschaut."

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Boateng ist schon als Kind bespuckt worden

Boateng erzählt, er sei bereits als Kind und Jugendlicher regelmäßig mit Rassismus konfrontiert worden. Es habe Spiele in Berlin-Marzahn oder in Leipzig gegeben, bei denen die Eltern der gegnerischen Mannschaft ihn und seine Mitspieler bespuckt hätten. "Dabei waren manche von uns gerade mal zehn Jahre alt", so Boateng. "Ich erinnere mich noch an ein Pokalspiel beim Köpenicker SC. Da ist der Vater eines Gegenspielers auf unsere Seite gekommen, hat mich die ganze Zeit beleidigt. Irgendwann hab ich angefangen zu heulen."

Heute spüre er keinen Stich mehr, sagt Boateng. "Als ich jünger war, war das brutal. Meine Eltern sprachen lange nicht mit mir über meine Hautfarbe. Sie war gar kein Thema. Dann ruft dir plötzlich jemand 'Hey, mein kleiner Nigger' zu. Meine Eltern haben mir da erklärt, dass manche Menschen Probleme mit meiner Hautfarbe haben. Ich konnte das nicht glauben. Für ein Kind ergibt das keinen Sinn."

"Mit anderer Hautfarbe hast du da was zu befürchten"

Zwar hätten seine Kinder noch keine Erfahrungen mit Rassismus gemacht, besorgt sei er aber trotzdem. "Als Profifußballer befinde ich mich in einer luxuriösen Situation. Aber auch ich mache mir Gedanken, in welchem Land meine drei Kinder aufwachsen."

Mit Blick auf seine siebenjährigen Zwillingstöchter sagt Boateng: "Sie sind sieben Jahre alt. Bald werde ich mit ihnen über das Thema sprechen müssen." Es gebe Orte in Deutschland, an die er seine Töchter nicht auf Klassenfahrt reisen lassen würde. Konkret spricht der gebürtige Berliner von Berliner Ortsteilen wie "Marzahn oder Weißensee etwa". "Mit anderer Hautfarbe hast du da immer etwas zu befürchten."

"Mir ist in den vergangenen Jahren immer klarer geworden, dass ich für viele Menschen auch ein Botschafter bin. Spätestens seit der Nachbar-Geschichte", erklärt Boateng in Anspielung auf die Aussage des AfD-Politikers Alexander Gauland, der sagte: "Die Leute finden ihn als Fußballspieler gut, aber sie wollen einen Boateng nicht als Nachbarn haben."

Boateng bedauert Umgang mit Mesut Özil

Interessante Antworten gibt Nationalspieler Boateng auch zur Causa Mesut Özil. Der Abwehrspieler kritisiert den Umgang mit der Debatte um den mittlerweile zurückgetretenen Nationalspieler Mesut Özil während der WM. "Nach dem Turnier erst wurde mir klar, dass wir im Team viel mehr für Mesut hätten tun und uns öffentlich für ihn starkmachen können", sagte Boateng. "Es ist schade, dass es dazu nicht gekommen ist."

Auf die Frage, warum die deutsche Nationalmannschaft für Özil und Gündogan nicht eine ähnliche Aktion unternommen hat wie das schwedische Team für den rassistisch beleidigten Stürmer Jimmy Durmaz, sagt Boateng: "Was die Schweden gemacht haben, war wirklich stark. Da hatte ich Gänsehaut. Das fanden auch viele andere bei uns im Team top." Eine Debatte darüber, eine ähnliche Aktion zu starten, habe es aber nicht gegeben. "Leider. Und dann haben wir auch schon wieder gespielt."

Özil hatte seinen Rückzug aus der DFB-Elf unter anderem damit erklärt, dass er sich im Zuge der Affäre um seine Fotos mit dem türkischen Präsidenten Recep Tayyip Erdogan vom DFB nicht vor rassistischen Anschuldigungen geschützt und zum Sündenbock für das frühe WM-Aus im Sommer in Russland abgestempelt gefühlt habe.

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