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Fußball-Bundesliga: Der Libero ist zurück

ZEIT ONLINE-Logo ZEIT ONLINE 15.05.2019 Oliver Fritsch
Makoto Hasebe im Rückspiel in Chelsea: Er übernimmt das Reklamieren beim Schiedsrichter, die traditionelle Aufgabe des Liberos. © Octavio Passos/Getty Images/Getty Images Makoto Hasebe im Rückspiel in Chelsea: Er übernimmt das Reklamieren beim Schiedsrichter, die traditionelle Aufgabe des Liberos.

Er war der Silberrücken jeder Fußballelf, galt irgendwann aber als angestaubt und überflüssig. Nun spielen einige Bundesligisten wieder mit Libero. Selbst schuld

Es war Franz Beckenbauer, der in den Siebzigern den Libero cool und erfolgreich machte. In den Achtzigern sah man den Kinderstar Tommi Ohrner in der populären Serie Manni, der Libero. Der letzte seiner Art war Lothar Matthäus in der Spätphase. Doch irgendwann war diese Kultposition ein Auslaufmodell, angestaubt, altfränkisch, überflüssig. Ende der Neunziger war der Libero das Arschgeweih des Fußballs.

Der Libero hieß, übersetzt, freier Mann, weil er ein Verteidiger war, der nicht verteidigte, nicht direkt zumindest. Er sah sich nämlich keinem Gegenspieler gegenüber, fürs Grobe hatte der Silberrücken seine Leute. Meist war der Libero ein bisschen älter und langsamer, auch sprang er nicht so hoch und war im Durchschnitt etwas zarter als seine Nebenmänner. Dafür hatte der Routinier mit dem Gefühl im Fuß und dem stabilen Statusbewusstsein alles im Blick. In der Bezirksliga, wo er bisweilen bis heute überlebt hat, auch schon mal die jungen Damen am Bratwurststand. 

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Nun sind im deutschen Fußball die Neunziger zurück, denn die scheinbar Ausgestorbenen sind wieder da, so mancher Bundesliga-Verein hat den Libero wiederbelebt. Nicht offiziell, sondern heimlich. Heute heißt er anders: Man nennt ihn den zentralen Teil der Dreierkette. Das Prachtexemplar dieser Saison heißt Makoto Hasebe von Eintracht Frankfurt. Zweikämpfe gewinnt der 35-jährige Japaner kaum noch, es ist auch gar nicht seine Kernaufgabe. Stattdessen fegt er die Reste weg, die andere liegen lassen. Er übernimmt sogar das Reklamieren beim Schiedsrichter, eine traditionelle Aufgabe des freien Mannes, der im Spiel einfach weniger Stress hat.

Rangnick hat den Libero wegrationalisiert

Im Vorjahr spielte Naldo beim Vizemeister Schalke die gleiche Rolle. Im Zentrum von Hoffenheim gibt heute Kevin Vogt zwei mannorientierten Verteidigern Sicherheit. Auch an anderen Standorten erblickt man hin und wieder einen Libero: in Augsburg Rani Khedira, in Berlin Karim Rekik oder Fabian Lustenberger, in Stuttgart Benjamin Pavard, der Weltmeister, der nach München wechselt.

Die Arbeitsteilung zwischen Libero und den Stoppern, wie seine Hilfsarbeiter früher hießen, ist nicht mehr überall ganz so strikt, doch im Prinzip machen die Liberos von heute das gleiche wie ihre Vorgänger: Sie schaffen Überzahl dort, wo der Gegner ein Tor schießen will. Sie putzen die Fehler der anderen aus, laufen den Ball ab, verteidigen mit Auge, wie man sagt. Am Ball können sie dank ihrer Technik lange Pässe schlagen oder auch mal die Stürmer des Gegners ins Leere laufen lassen. Naldo schoss sogar Tore. Willkommen zurück, alter Lothar!

Klingt eigentlich alles gut und die Hasebes und Naldos, von Fans und Medien geschätzt, machen tatsächlich eine schöne Figur. Doch es gab ja gute Gründe dafür, den Libero in die Geschichtsbücher zu versenken. Dazu muss man gut zwanzig Jahre zurückblicken. Damals brach eine avantgardistische Trainerschule um Ralf Rangnick und seinen Mentor Helmut Groß eine Kulturrevolution los. Inspiriert vom AC Mailand und von Dynamo Kiew führte sie in Deutschland die Raumdeckung, Pressing und die Viererkette ein. Gegen Widerstände, denn sie rationalisierte damit den Libero weg, für den die Deutschen einen Fimmel haben wie für ihre Lebensversicherung. Berühmt wurde Rangnicks Sportstudio-Auftritt, in dem er an der Taktiktafel das moderne Verteidigen erklärte. Noch zehn Jahre später wurde er dafür vom Establishment als "Fußballprofessor" verspottet.

Doch Rangnick setzte sich durch und die Entwicklung des Fußballs gab ihm recht. Heute ist es auch in Deutschland Lehrwissen, dass Verteidiger alles können müssen, was früher auf mehrere Schultern verteilt war: im Duell mit dem Stürmer bestehen, das Angriffsspiel des Gegners lesen, sich gegenseitig sichern und ein Libero sein, zudem das Aufbauspiel einleiten. Das gilt mit Abstrichen gar für den Tormann, er war plötzlich der neue Libero, idealerweise wie Manuel Neuer.

Der Libero wurde schlicht nicht mehr gebraucht, was eine wichtige Folge hatte: Vorne, meist im Mittelfeld, war ein Spieler mehr zur Verfügung – für den Spielaufbau, die Balleroberung oder beides. Trainer, die auf den Libero verzichteten, verlagerten das Spiel näher an das Tor des Gegners. Der Fußball wurde offensiver, initiativer, zeitgemäßer, besser.

Doch heute sind die alten Geister wieder da. Wenn sie erkennen, dass ihre Elf zu viele Gegentore einsteckt, stellen immer mehr Trainer einen Mann mehr nach hinten. Thomas Tuchel verriegelte so das Dortmunder Tor immer mal wieder, Joachim Löw tat ähnliches zuletzt beim Sieg in Amsterdam oder, siehe oben, auch manch aktueller Bundesligatrainer.

Die Folgen: Der Gegner kommt schwerer durch, erhält aber mehr Spielanteile. Man muss ja nicht Mathematik studiert haben, um zu begreifen: Es sind nach wie vor elf Spieler auf dem Platz zu verteilen, und zieht man einen Spieler von vorne nach hinten, fehlt er halt vorne. Speziell im Mittelfeld können große Löcher entstehen. Das schadet dem eigenen Angriffsspiel und erleichtert das des Gegners. Das sah man zum Beispiel bei der deutschen Elf in in der zweiten Halbzeit in Amsterdam oder im Hinspiel der Frankfurter gegen die Bayern. Die Bayern, die im entscheidenden Match am Samstag wieder auf die Eintracht treffen, haben einen Libero, diese Waffe des Kleinen, seit Lothars Abschied nicht mehr nötig.

Der Begriff Dreierkette ist ein doppelter Bluff

Wenn man darüber nachdenkt, warum der deutsche Vereinsfußball international den Anschluss verliert, sollte man womöglich auch über diesen Rollback nachdenken. In Zeiten des Taktikneusprechs wird er freilich verschleiert. Der Libero soll nicht mehr Libero heißen, man nennt das Konstrukt aus zwei zentralen Deckern und einem oft leicht nach hinten Versetzten Dreierkette. Das klingt besser. Immerhin, Hasebe ist der einzige, der sich als Libero bezeichnen lässt, der den Titel mit Stolz trägt.

Der Begriff Dreierkette ist auch deswegen verschleiernd, weil man mit drei Verteidigern die Breite eines Spielfelds gar nicht abdecken kann. Dreier- sind in den allermeisten Fällen nämlich Fünferketten, denn greift der Gegner an, müssen die beiden Außenspieler mitverteidigen. Der Begriff ist also ein doppelter Bluff. Er verkauft eine Notlösung, den Rückzug, ein Rezept aus dem Mustopf, als innovative Offensivstrategie.

Die Dinosaurier der Abwehr sind übrigens nur in Deutschland wiederauferstanden. Von ein paar Versuchen italienischer Trainer abgesehen, verteidigen nahezu alle Spitzenvereine Europas und die besten Nationalmannschaften der Welt mit Viererkette, bestehend aus je zwei Innen- und Außenverteidigern. Das letzte Mal, das jemand mit Libero was gewonnen hat, war Otto Rehhagel, der mit Griechenland zur Überraschung oder zum Entsetzen der Fachwelt 2004 Europameister wurde. Ein Trainer aus Deutschland.

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