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Silvio Heinevetter: Der Nationaltorhüter ist ein emotionaler Anführer

Berliner Zeitung-Logo Berliner Zeitung 12.01.2019 Carolin Paul und Benedikt Paetzholdt
heinewolff © imago/Jörg Schüler heinewolff

Als Silvio Heinevetter am Freitag auf die Pressekonferenz des Deutschen Handball-Bundes (DHB) nahe des Hackeschen Marktes kam, spielte er eine ähnliche Rolle wie tags zuvor beim WM-Eröffnungsspiel gegen Korea. Zunächst war er eher Zuschauer. Während Bundestrainer Christian Prokop das 30:19 analysierte und sich DHB-Vizepräsident Bob Hanning über die guten Zuschauerzahlen freute, hatte Heinevetter seinen Kopf auf die Hände gestützt. Er wirkte eher teilnahmslos, unterdrückte auch mal ein Gähnen, schoss zur Erinnerung ein Foto mit seinem Handy.

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Als der 34 Jahre alte Keeper, der in der Bundesliga das Tor der Füchse Berlin hütet, dann eingewechselt wurde, sprich Fragen beantworten musste, wirkte er wach, angriffslustig, abwehrbereit. Auf die Frage, wie er denn das Verhältnis zu seinem Torhüterkollegen Andreas Wolff sieht, sagte er: „Wir verstehen uns gut, haben keine Probleme miteinander, auch wenn das oft anders geschrieben wird. Wir sind keine Handballer, sondern Torhüter.“

Ohne Angst vorm Ball

Die Männer im schlabberigen Jogginganzug erleben in der Regel doch einen rasanteren Arbeitstag als die Kollegen. Heinevetter und Wolff sind bekannt dafür, dass sie ohne Angst jedem Ball entgegenspringen und alles daran setzen, ein Tor zu verhindern, auch wenn ihnen dabei Geschosse mit einer Wurfgeschwindigkeit von durchschnittlich 100km/h um die Ohren fliegen.

Dennoch unterscheiden sie sich erheblich in der Art und Weise, wie sie ihre Rolle verstehen. Während Wolff mit seiner körperlichen Präsenz arbeitet, besticht Heinevetter durch intuitives Halten. Für Torwart-Legende Andreas „der Hexer“ Thiel ist das eine perfekte Mischung: „Der Bär Andreas Wolff, trotz seiner imposanten Statur unglaublich schnell und athletisch, und der unberechenbare Spieler Silvio Heinevetter, der mit dem Gegner zockt und Dinge tut, die niemand erwartet – das ist schon ein geiles Gespann.“

Bundestrainer Prokop hatte sich vor dem Turnierstart ja klar für eine Hierarchie entschieden. Wolff ist die Nummer eins, Heinevetter die Nummer zwei. Und entsprechend dieser Hackordnung erlebten die beiden auch den ersten Turnierauftritt. Wolff, der anschließend zum Mann des Spiels gewählt wurde, hütete das Tor bis zur 42. Minute. Heinevetter kam also zu einem Zeitpunkt, als das Spiel bereits entschieden war. Weil die Nachlässigkeiten in der Abwehr zunahmen, kamen die Koreaner zu einigen gefährlichen Abschlüssen und zu Toren. In seiner typischen Art gestikulierte er viel und zog manche Grimasse, um sein Missfallen darüber auszudrücken.

Heinevetter fühlt sich besonders wohl in hitziger Atmosphäre. Wenn er die Abneigung der gegnerischen Fans so richtig zu spüren bekommt, läuft er nicht selten zur Höchstform auf. Die Auswärtsspiele in Magdeburg, von wo er 2009 zu den Füchsen wechselte und entsprechend viel Konfrontation spürt, zählen zu seinen Höhepunkten im Handballjahr. Aber natürlich ließ ihn auch nicht unberührt, wie er am Donnerstagabend empfangen wurde. Als Heinevetter auf das Parkett kam, erntete er Sonderapplaus: „Da war schon ein bisschen Pipi in den Augen.“

Aktionen mit Kultstatus

Dass Heinevetter Kultstatus genießt, liegt besonders an seinen Aktionen. Er liegt schon gerne mal quer in der Luft und lässt dann noch zusätzlich das Bein oder den Arm hochschnellen. Mit seiner Emotionalität treibt sich der Schlussmann zudem immer wieder selbst an und nimmt dadurch ebenso seine Teamkollegen mit. Leidtragende dieser teils tobenden Ausbrüche können allerdings auch die Schiedsrichter oder Gegenspieler werden, mit denen er sich gerne das eine oder andere Wortgefecht liefert.

Viele mögen sich noch an das Spiel zu Weihnachten 2017 gegen den SC Magdeburg erinnern, als Heinevetter nicht nur 15 Paraden ablieferte, sondern in der letzten Minute einen Strafwurf des Österreichers Robert Weber hielt, den er zuvor verbal attackiert hatte. Von den einen gefeiert, wurde er von den anderen als Selbstdarsteller und Provokateur beschimpft.

Bilder von Silvester

Aber gerade in letzter Zeit vollzieht sich ein Wandel. Es ist noch gar nicht so lange her, da wäre es für Heinevetter unvorstellbar gewesen, sich in Sozialen Netzwerken selbst zu vermarkten. Auf Instagram veröffentlichte Heinevetter nun Bilder von Silvester, vom Besuch des Sängers Clueso im Teamhotel oder von seinem Besuch beim Zahnarzt kurz vor der WM, nachdem beim Test gegen Argentinien einige Zähne in Mitleidenschaft gezogen wurden. Sophia Thomalla, die alles andere als öffentlichkeitsscheue Tochter seiner Lebensgefährtin und Schauspielerin Simone Thomalla, soll ihm dabei hilfreich zur Seite stehen.

Als Sportler ist Heinevetter allerdings ruhiger geworden. Handball-idol Stefan Kretzschmar attestierte seinem alten Teamkameraden zuletzt, er sei erwachsener geworden, Hanning bestätigte als Füchse-Geschäftsführer die Wandlung: „Er hat sich in seiner Persönlichkeitsstruktur extrem positiv entwickelt und zeigt sich als Teamspieler.“

Erfahrung für die jungen Spieler

Diese Entwicklung spiegelt sich gleichermaßen im Mannschaftsbild der Füchse wieder. Heinevetter gehört zu den emotionalen Anführern der Berliner und kann durch seine Erfahrung besonders den jungen Spielern eine Hilfe sein. Seit zehn Jahren ist der gebürtige Thüringer (Bad Langensalza) schon bei den Füchsen. Mit dem Klub gewann er den DHB- und EHF-Pokal sowie die Vereinsmeisterschafts-Trophäe.

Um seine internationalen Erfolge steht es allerdings nicht ganz so gut. Mit der Nationalmannschaft feierte Heinevetter zwar 2016 die Bronze-Medaille bei den Olympischen Spielen. Als die Kollegen wenige Monate zuvor furios Europameister wurden, saß der Berliner jedoch zu Hause. Überraschend hatte Dagur Sigurdsson, sein damaliger Vereins- und Nationaltrainer, ihn trotz seiner soliden Leistung bei den Füchsen nicht nominiert. Für ihn kam Andreas Wolff ins Team und wurde quasi über Nacht zum Helden der Handballwelt.

proheine © imago/Contrast proheine

Für Heinevetter heißt es daher also weiter, Topleistungen zu zeigen, denn seine Zeit wird kommen. Dessen ist sich Prokops Assistent Alexander Hase bewusst: „Silvio ist in jeder Beziehung besonders, und diese besonderen Momente wird es auch in der WM geben. Wir brauchen ihn in absoluter Topform, weil er in der Lage ist, ein Tor zuzunageln.“ Diese Qualität hat Heinevetter bei den Füchsen im Dezember gezeigt. Er war es, der mit seinen Paraden der Mannschaft den nötigen Halt gab und dadurch Spiele zum Kippen brachte. Er lebt für die emotionalen Spiele, er ist es, der aus dem reinen Gefühl heraus ein Spiel mit seinem Siegeswillen drehen kann.

Für die Weltmeisterschaft kann das nur von Vorteil sein. In Verbindung mit der Abwehr wird die Torwartposition für das Turnier eine wichtige Bedeutung einnehmen, denn Handball wird vielleicht im Angriff interessant, entschieden werden Spiele jedoch in der Defensive.

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