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Rassismusdebatte: Die Statuen fallen auch im Sport

ZEIT ONLINE-Logo ZEIT ONLINE 14.07.2020 Fabian Held

Die Washington Redskins suchen einen neuen Namen, anderswo werden Büsten von Rassisten abmontiert. Die Rassismusdebatte in den USA hat den Sport erreicht.

Das alte Logo der Washington Redskins © Drew Angerer/​Getty Images Das alte Logo der Washington Redskins

Für Dan Snyder war die Sache eigentlich ziemlich klar. "Wir werden niemals den Namen des Teams ändern. Niemals. Das können Sie in Großbuchstaben schreiben." Das war 2015, als der Besitzer der Washington Redskins mal wieder versuchte, die Diskussionen um den Namen seines Teams zu beenden. 

Der Name Redskins, also die "Rothäute", wird seit Jahren als rassistisch und herabwürdigend kritisiert. Zumal die Geschichte der USA und ihrer Ureinwohner ebenso blutig wie unaufgearbeitet ist. Die jahrelangen Debatten hatten allerdings nie Konsequenzen. Doch jetzt geht es auf einmal ganz schnell: Innerhalb von zehn Tagen haben Snyder und die Führung seines Sportunternehmens zunächst eine "gründlichen Überprüfung des Teamnamens" vorgenommen und dann beschlossen, ihn abzuschaffen. Wie das Team aus Washington künftig heißen wird, ist noch unbekannt.

Klischee aus einem Western

Ähnliches passiert gerade bei einem Baseball-Team, der Rennserie Nascar und mit einer Statue eines ehemaligen IOC-Chefs. Veränderungen waren jahrelang undenkbar, jetzt sind sie plötzlich Realität. Nach den Protesten wegen des Todes von George Floyd beginnt auch der Sport mit der Aufarbeitung seiner Vergangenheit. Die Statuen fallen nun auch im Sport. 

Zum Beispiel die des Redskins-Gründers Preston Marshall. Der Grund: Marshall setzte sich für  Rassentrennung ein und erlaubte erst 1962, als letzter Besitzer eines Teams, schwarze Spieler in seiner Mannschaft. Das hielt aber die NFL nicht davon ab, ihn in die Hall of Fame aufzunehmen. Das Washingtoner Team gab Marshall einen Platz im "Ring of Honor", einem besonderen Platz im Stadion. Erst der Druck der neuen Proteste brachte das Team dazu, den Namen des Gründers zu entfernen.

Auch um den Teamnamen gab es schon lange Streit. Die Kritik: Es wird ein unreflektiertes Bild gezeigt, der mutige Ureinwohner, der "Indianer" aus dem Western-Film. Mit der Realität, der Geschichte und der aktuellen Situation der indigenen Einwohner hat das aber wenig zu tun.

Die Cleveland Indians haben schon im vergangenen Jahr einen ersten Schritt unternommen und ihr Logo "Chief Wahoo" abgeschafft. Das zeigte einen idealisierten, breit grinsenden Indigenen. "Diese Maskottchen reduzieren alle Ureinwohner auf ein einziges veraltetes Stereotyp, das die Sichtweise der Ureinwohner, insbesondere der Jugend, beeinträchtigt", sagte Jefferson Keel, der Vorsitzende des National Congress of American Indians, einer Vereinigung der amerikanischen Indigenen und Ureinwohner.

Jetzt denken die Indians über den nächsten Schritt nach: einen neuen Teamnamen. "Wir verpflichten uns, unsere Community und geeignete Stakeholder einzubeziehen, um den besten Weg in Bezug auf unseren Teamnamen zu finden", heißt es etwas floskelig in einem Statement des Teams.  

Vorurteile werden verstärkt

Es gibt deutliche Hinweise darauf, dass die Teamnamen nicht irgendein Logo sind, vielmehr scheinen sie Vorurteile zu verstärken. Eine Studie von 2010 zeigt, dass indigene Maskottchen bei Kindern indigener Abstimmung im Highschool-Alter zwar positive Assoziationen hervorrufen, gleichzeitig aber das Selbstwertgefühl und den empfundenen, eigenen Wert für die Gemeinschaft sinken lassen (Freyberg et al., 2010). Das wiederum kann bei Kindern indigener Abstammung zu schlechteren Uni-Leistungen führen.

Es gibt aber auch Umfragen, die zu einem anderen Ergebnis kommen: Im Jahr 2016 hat die Washington Post amerikanische Ureinwohner gefragt, ob sie der Name Washington Redskins stört. 90 Prozent der Befragten sagten Nein. "Das Washington-Redskins-Team, unsere Fans und die Community haben immer geglaubt, dass unser Name Ehre, Respekt und Stolz darstellt", sagte der Teambesitzer Snyder damals.

Doch die öffentliche Wahrnehmung wandelt sich. Auch in San Francisco. Dort hat das Museum für Asiatische Kunst beschlossen, die Büste von Avery Brundage entfernen zu lassen. Der ehemalige IOC-Präsident (von 1952 bis 1972) war bis zu seinem Tod großer Kunstliebhaber und der größte Mäzen des Museums. Allerdings, so sagte es der Direktor des Hauses, Jay Xu, habe Brundage "rassistische und antisemitische Ansichten" vertreten.

Wegen seines Rassismus gegenüber Schwarzen wurde Brundage in den Sechzigerjahren "Slavery Avery" genannt. Er hat mit dafür gesorgt, dass die beiden Athleten John Carlos und Tommie Smith bei den Olympischen Spielen 1968 aus dem Olympischen Dorf geworfen wurden, nachdem sie bei der Siegerehrung die geballte Faust in die Luft gestreckten hatten, um auf die Bürgerrechtsbewegung aufmerksam zu machen.

Brundage kommentierte die ikonische Aktion der beiden Sportler damals so: "Tatsächlich hätten solche Leute überhaupt nicht in der Olympiamannschaft sein dürfen. Das war kein Schulstreich, wie manche zu denken scheinen... Das hat internationale Auswirkungen, die unserem Land sehr schaden."

In den Dreißigerjahren war Brundage Vorsitzender des amerikanischen Olympischen Komitees. Als in dieser Zeit Bedenken an der Austragung der Olympischen Spiele in Hitler-Deutschland aufkamen, verteidigte Brundage die Spiele in Berlin. Er reiste nach Deutschland, um Repressalien gegen die jüdische Bevölkerung zu untersuchen. Seine Ergebnisse notierte er in der New York Times: "Die Tatsache, dass bisher keine Juden benannt wurden, um für Deutschland anzutreten, bedeutet nicht zwangsläufig, dass sie in dieser Hinsicht diskriminiert wurden. In 40 Jahren olympischer Geschichte bezweifle ich, dass die Zahl der jüdischen Athleten aus allen Nationen ein Prozent aller Teilnehmer an den Spielen betrug."

Das Museum für Asiatische Kunst will jetzt Seminare abhalten, um sich mit dem Vermächtnis von Brundage zu befassen. Vom IOC war dazu bislang wenig zu hören. 

19 Spitznamen beleidigend

Ähnlich plötzlich ging auch vor etwa einem Monat die Debatte um die Rennserie Nascar zu Ende. Sie hat die Konföderierten-Flagge rund um die Rennen verboten. Die Flagge war im Bürgerkrieg von der Südstaatenarmee genutzt worden, die ihr Recht auf Sklavenhaltung verteidigen wollten. Nascar reagierte ebenfalls erst nach Jahren der Kritik. Die Rennserie gilt als ein Verbindungspunkt zwischen Rassismus und Sport.

Im Universitätssport, der in den USA ein Milliardenbusiness ist, hat die Aufarbeitung dagegen schon vor Jahren begonnen. Die Dachorganisation des College Sport, die NCAA, hatte 2005 31 Colleges eine Selbstevaluation des Namens ihres Sportteams sowie dazugehöriger Logos und Maskottchen auferlegt. Daraufhin wurden 19 Spitznamen als beleidigend eingestuft. Die Universitäten änderten daraufhin Logos und Maskottchen. Noch gibt es im Highschool- und Uni-Sport aber zahlreiche Teams, die klischeehafte Namen tragen.

In Washington wehrte sich das NFL-Team lange gegen die Umbenennung. Offenbar war es wirtschaftlicher Druck, der beim Teambesitzer Snyder zum Umdenken führte. Die Washington Post berichtet von einem Brief von Investoren und Sponsoren, der Snyder die "schlimmen wirtschaftlichen Konsequenzen" verdeutlicht habe, falls er am Teamnamen festhalte, der "in Wörterbüchern als rassistische Beleidigung definiert wird". FedEx war das erste Unternehmen, das auch öffentlich eine Umbenennung forderte. Das Logistikunternehmen hat für mehr als 200 Millionen US-Dollar die Namensrechte am Stadion des Teams gekauft und ist damit einer der Hauptsponsoren. Zudem ist FedEx-Gründer Fred Smith mit Snyder befreundet und hält ebenfalls einen kleinen Anteil am Team. 

Mit Pepsi und Nike folgten zwei weitere Sponsoren dem Beispiel von FedEx, Amazon nahm später zudem das Merchandise des Teams aus dem Programm. Nach diesem Druck wurde die Umbenennung zu einer wirtschaftlichen Kalkulation. Auf etwa zehn Millionen US-Dollar schätzen Experten die Kosten für die Umbenennung eines NFL-Teams. Es müssen neue Schriftzüge angebracht und Visitenkarten gedruckt werden. Keine kleine Summe, auch wenn der Wert des Teams auf drei Milliarden Dollar geschätzt wird.

In den sozialen Netzwerken wird die Entscheidung unterschiedlich aufgenommen. Auf der einen Seite stehen die Befürworter, die sich freuen, dass aus ihrer Sicht ein anstößiger Teamname endlich verschwindet. Auf der anderen Seite stehen Fans, die sich mit ihrem Logo und ihrem Team identifizieren. Sie lehnen die Veränderung ab, drohen sogar mit Boykott.  

Zuletzt hatte Washington Probleme, die 82.000 Sitzplätze des FedEx Fields zu füllen. Viele Fans hatten das Gefühl, dass die Spieltage zur Show wurden und der Sport in den Hintergrund geriet. Ein großer Faktor war aber auch, dass die Mannschaft seit der Übernahme durch Snyder sportlich bestenfalls durchschnittlich war. Ob der neue Name, so er denn kommt, von den Fans angenommen wird, hat am Ende wahrscheinlich auch damit zu tun, wie erfolgreich das Team Football spielt.

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