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Die entscheidende Phase der Tour de France: Wenn der Col du Tourmalet ruft

Tagesspiegel-Logo Tagesspiegel 20.07.2019 Tom Mustroph

Seit mehr als 100 Jahren ziehen die Pyrenäen Fahrer wie Fans an. Über die Faszination des Berges - oder eigentlich der Passstraße.

Die Fahrt über den 2215 Meter hohen Col du Tourmalet verlangt den Fahrern jedes Mal bei der Tour de France alles ab. © Foto: picture-alliance/ dpa Die Fahrt über den 2215 Meter hohen Col du Tourmalet verlangt den Fahrern jedes Mal bei der Tour de France alles ab.

2115 Meter hoch erhebt sich der Col du Tourmalet. Daber ist eigentlich kein Berg, sondern ein Pass, genauer gesagt die höchstgelegene asphaltierte Passstraße auf der französischen Seite der Pyrenäen. Von der Passstraße aus kann man die gezackten Gipfel des Pic du Midi und des Pic Long erblicken. Diese Aussicht muss bereits Madame de Maintenon, die wohl letzte Mätresse des Sonnenkönigs, entzückt haben, als sie 1675 zum Badeurlaub mit einem der Söhne des Königs hier weilte.

Ihr Trip über den Tourmalet war der Auftakt für die sogenannte Bäderroute: Eine befestigte Passstraße, die die zahlreichen Badeorte in den Pyrenäen miteinander verband. Lange Zeit war sie nur mit dem Pferd passierbar, ab 1864 dann auch für Kutschen tauglich. 1902, ein Jahr vor der ersten Ausgabe der Tour de France, gab es hier das erste Radrennen. Der Touring Club de France hatte einen Wettbewerb der verschiedenen Fahrradmarken ausgeschrieben. 24 Hersteller beteiligten sich, berühmte Namen wie Peugeot und Automoto, aber auch nur noch den Liebhabern bekannte wie Hirondelle und Lancelot. 48 Fahrer beteiligten sich. Sie wurden angelockt von zwei Verpflegungszelten auf dem Gipfel. Mindestens eine Frau befand sich unter ihnen – Marthe Hesse wurde Vierte.

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Allein schon diese Episoden zeigen: Der Col du Tourmalet ist ein Berg der Radsportgeschichten – und der Radsportgeschichte. Die Passtraße ist zudem eine der meistbefahrenen Strecken der Tour. Bei 106 Austragungen wird sie jetzt am Samstag zum 84. Mal befahren. Die Champs Elysees zum Beispiel gehören erst seit 1975 fest zum Parcours der letzten Etappe. Jahr für Jahr zieht der Berg während der Tour de France zigtausende Menschen an die Strecke. Noch mehr fiebern vor dem Fernseher mit, wie sich die Fahrer den Berg hochquälen. Sie alle können sich der Faszination nicht entziehen.

Die echte Legende begann 1910. Da war Alfonse Steines, ein Abgesandter von Tourgründer Henri Desgrange, auf dem Tourmalet unterwegs, um ihn auf die Tourtauglichkeit zu testen. Steines fuhr im Auto. Es war aber Januar. Die Straße war verschneit. Also ging er zu Fuß weiter und verirrte sich im Schnee. Er tappte die ganze Nacht in der Kälte umher und fand im Morgengrauen erst die Lichter in der Ortschaft Bareges. Dort wurde er gewärmt, aufgepäppelt, gerettet.

Eugene Christophe brach sich auf der Abfahrt die Gabel

Er telegrafierte dann an seinen Chef: „Ich habe den Tourmalet passiert. Eine sehr gute Straße. Perfekt für Radsport.“ Log Steines hier, weil er den Chef überzeugen wollte, das Wagnis einer Pyrenäenetappe einzugehen? Oder sagte er die Wahrheit, weil ja auch er gewusst haben dürfte, dass acht Jahre zuvor bereits 48 Radfahrer, darunter eine Frau, den Pass unfallfrei bezwungen hatten? Ist die Geschichte über sein Verirren, über die Bären, auf die er angeblich traf, lediglich eine Mär, um einen Mythos zu schaffen? Denn es klingt doch besser, von Dramen zu erzählen als von einer Bäderroute, befahren von Frauen und Männern mit schwachen Lungen.

Egal, was sich tatsächlich ereignete – der Coup war genial. Wenige Monate später fuhren tatsächlich die ersten Tour de France-Profis über den Pass. Der erste Sieger, Octave Lapize, soll hinterher die Organisatoren angeklagt haben: „Ihr seid Mörder!“ Stimmt es oder gehört es ebenfalls zur Mythenbildung, verbreitet von den Organisatoren, die Werbung für ihre Zeitschrift „L’Auto“ – Vorläufer des heutigen Mutterblattes der Tour, der „L’Équipe“ – machen wollten?

Das erste große Heroenstück gab es dann wenige Jahre später. Eugene Christophe brach sich auf der Abfahrt vom Tourmalet die Gabel. Er fand nach etwa zwölf Kilometern Fußmarsch die Schmiede im Dorf Sainte-Marie-de-Campan, schmiedete dort selbst die Gabel wieder zusammen und kam mit vier Stunden Verspätung im Ziel an. Dort erhielt er eine Zeitstrafe von drei Minuten obendrauf. Er hatte zwar selbst geschmiedet, den Blasebalg aber hatte ein Gehilfe bedient – und Hilfe, selbst bei größeren Defekten, war damals verboten.

Eine zweite Heldentat lieferte Eddy Merckx ab. 1969, bei seiner ersten Tour, war er bereits uneinholbar vorn. Im Gelben Trikot attackierte er dennoch kurz vor dem Gipfel des Tourmalet – und holte in einer 130 Kilometer langen Solofahrt noch weitere acht Minuten auf seine Rivalen heraus. 2010, bei der letzten Bergankunft auf dem Tourmalet, war Andy Schleck der Schnellste. Der Luxemburger revanchierte sich damit für das „Chain Gate“ drei Tage zuvor. Da hatte Alberto Contador einen Kettenschaden Schlecks am Col de Bales ausgenutzt und attackiert. Contador holte mit der Aktion 39 Sekunden heraus. Die gesamte Tour sollte er mit genau diesen 39 Sekunden Vorsprung auf Schleck gewinnen – bevor ihm der Sieg dann wegen Dopings aberkannt wurde.

Es sind Geschichten wie diese, die die Etappen am Tourmalet so besonders machen. Zehntausende haben sich auch diesmal wieder zum Berg aufgemacht. Teilweise schon mehrere Tage haben sie dort ihre Camper aufgebaut – und warten auf neue Geschichten und Heldentaten.

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