Sie verwenden eine veraltete Browserversion. Bitte verwenden Sie eine unterstütze Versiondamit Sie MSN optimal nutzen können.

EM-Qualifikation: Keine Chance ohne Mathestudium

ZEIT ONLINE-Logo ZEIT ONLINE 19.11.2019 Christian Spiller

Wer sich wie, wo und gegen wen für die Fußball-EM qualifiziert, dazu braucht es sehr gute Arithmetikkenntnisse. Sicher ist nur: Auch ein paar Exoten werden dabei sein.

Jasse Tuominen freut sich auf die EM. © Markku Ulander/​dpa Jasse Tuominen freut sich auf die EM.

Der Volksheld heißt Teemu Pukki. Hierzulande ist der Finne vor allem den Schalker Fußballfans bekannt, Pukki schoss in zwei Jahren solide 8 Tore für die Gelsenkirchener. In seiner Heimat aber kennt den Mann spätestens seit dem Wochenende jedes Kind. Seine zwei Treffer waren es, die Finnland ein 3:0 gegen Liechtenstein bescherten und damit die allererste Reise zu einem großen Fußballturnier. Noch nie waren die Finnen bei einer Fußball-WM oder gar einer EM dabei. Im kommenden Jahr wird sich das ändern. Das Land, das sich bis vor Kurzem nur so ein wenig für Fußball interessiert hatte und ganz viel für Eishockey, Eishockey und vor allem Eishockey, fährt zur Fußball-EM. Entsprechend wurde gefeiert in Helsinki. Vor allem, weil man nicht rechnen musste.

Für andere Länder wird es dagegen kompliziert. Ihren Fans helfen nur noch ausgefeilte Arithmetikkenntnisse. Für einige der Teams, die sich nicht als Erster (wie England, Ukraine, Deutschland, Schweiz, Kroatien, Spanien, Polen, Frankreich, Belgien, Italien) oder Zweiter (wie Tschechien, Portugal, die Niederlande, Dänemark, Ungarn/Slowakei/Wales, Schweden, Österreich, Türkei, Russland und eben Finnland) ihrer Gruppen qualifziert haben, hat die Uefa nämlich einen neuen, zweiten Qualifikationsweg geschaffen: Vier EM-Teilnehmer werden über die Play-offs der sogenannten Nations League ermittelt. Klingt erst einmal nett. Nur ist es nicht ganz einfach, dieses Prozedere genau zu verstehen. Eigentlich ist dieser Qualiweg nach der Handspielregel derzeit so ziemlich das Verzwickteste und auch Sonderbarste, was das Fußballreglement so hergibt.

Das interessiert andere MSN-Leser auch:

Formel 1: Rosberg bezieht Stellung zu Ferrari-Crash

Zusatzziehung am 1. April? So kurios läuft die EM-Auslosung

Gute Stimmung: Schalker "Problem-Clique" aufgelöst

Also: Die Play-offs haben mit den regulären EM-Qualifikationsgruppen erst einmal nichts zu tun. Ihre Teilnehmer rekrutieren sich aus der Nations League, jener sonderbaren Uefa-Veranstaltung, aus der Deutschland erst abgestiegen und dann aufgrund einer Regeländerung doch den Klassenerhalt geschafft hat. Den in der A-Liga, um genau zu sein, die Nations League besteht nämlich aus vier unterschiedlich stark besetzten Ligen, den Ligen A, B, C und D mit wiederum jeweils vier Gruppen. Die einzelnen Gruppen bestehen aus drei beziehungsweise vier Mannschaften.

Klingt kompliziert, ist es auch

Was das alles mit der EM-Qualifikation zu tun hat? Nun, jede Liga erhält einen eigenen Qualifikationsplatz. Das bedeutet, dass jeder Sieger eine Gruppe, egal ob in Liga A, B, C oder D, an den Play-offs teilnehmen darf. Mit den anderen Gruppensiegern dieser Liga wird dann über zwei Halbfinals und ein Finale quasi ein Gewinner dieser Liga ausgespielt, der zur EM darf. Aber: Ist eine Mannschaft Nations-League-Gruppensieger, die sich im Rahmen der regulären EM-Qualifikation ohnehin für die EM qualifiziert hat (wie etwa die Niederlande), rückt das nächste Team dieser Liga in die Play-offs nach. Kommen aus einer Liga keine vier Teams für die anstehenden Play-offs zusammen, weil sich so viele schon auf direktem Weg qualifiziert haben, rücken Teams aus einer schwächeren Liga nach.

Klingt kompliziert, ist es auch. So kompliziert, dass die Uefa auf ihrer Website mit fett gedruckten Texten und einigen Sternchen arbeiten muss, um ein wenig Struktur in den eigenen Modus zu bringen. Vor allem aber bedeutet der neue Einfall des Verbandes: Es werden bei dieser EM noch mehr Exoten dabei sein.

Schon Finnland, das sich ja direkt qualifizierte, steht in der Fifa-Weltrangliste nur auf Platz 55, zwischen der Elfenbeinküste und dem Kongo, aber das heißt ja nicht, dass man nicht gut genug für eine Fußball-EM wäre. Im 2016 eingeführten Format mit 24 statt wie bisher 16 Teilnehmern ist genug Platz. Vor allem für Debütanten. Bereits 2016 waren fünf Neulinge dabei: die Slowakei, Albanien, Island, Wales und Nordirland. Und obwohl einige murrten, dass die EM aufgeblasen sei und darunter die Qualität leide, konnten immerhin vier der fünf Neulinge sich für das Achtelfinale qualifizieren, nur für Albanien reichte es nicht.

Durch die neuen Play-offs kommen nun noch mehr, sagen wir, weniger leistungsstarke Teams hinzu, weil ja jede Liga ihren eigenen Startplatz bekommt. Die Gruppensieger aus der schwächsten Liga D heißen beispielsweise: Georgien, Nordmazedonien, Kosovo, Belarus. Fifa-Weltranglistenplatz 90, 68, 114 und 86. Eines dieser Teams wird auf jeden Fall zur EM fahren. Inwieweit das dem sportlichen Niveau der Endrunde guttun wird, kann noch niemand sagen. Ziemlich sicher aber ist, dass die nicht qualifizierten Griechen oder Slowaken, die diesen Umweg über die weniger stärkste aller Nations-League-Gruppe nicht gehen konnten, weil sie für die zu gut sind, so ihre eigenen Gedanken zum Uefa-Konstrukt haben. Vielleicht werden sie demnächst dann einfach in die nächst tiefe Nations-League-Liga absteigen, mit Absicht. Auch wenn sie eigentlich zu groß sind, um klein zu sein.

Rund um die EM wird es übrigens noch komplizierter: Bestimmte Spiele dürfen aus politischen Gründen nicht stattfinden. So darf die Ukraine nicht gegen Russland spielen, auch der Kosovo nicht, sollte er sich qualifizieren. Auch Bosnien und Herzegowina sowie Serbien dürfen nicht auf den Kosovo treffen, der übrigens von vier Gastgebern der EM 2020 (Spanien, Aserbaidschan, Rumänien und Russland) nicht anerkannt wird.

Und weil die EM in zwölf verschiedenen Ländern gespielt wird, sind bestimmte Gruppen automatisch bestimmten Ländern zugeordnet. So spielen Spanien, England und Italien so oder so in den Gruppen mit den Austragungsorten Bilbao, London und Rom. Sie werden damit auf keinen Fall auf Deutschland treffen, das spielt in München, in der Gruppe F. Allerdings spielt die Gruppe F auch in Budapest, sollte sich also auch Ungarn qualifizieren, dann spielt Ungarn auf jeden Fall gegen Deutschland. Ob das direkte Duell allerdings in München oder Budapest gespielt wird, entscheidet die Auslosung. Alles klar? Wer also nun wo und wann und gegen wen bei dieser Fußball-EM spielt, ist definitiv ein Fall für ein höheres Mathematikstudium. Der Journalist Chaled Nahar hat in einem Twitter-Thread alle Auslosungseventualitäten berücksichtigt. Danach verstehen Sie alles – oder gar nichts mehr.

Mehr auf MSN

Video wiedergeben
| Anzeige
| Anzeige

Mehr von ZEIT ONLINE

ZEIT ONLINE
ZEIT ONLINE
| Anzeige
| Anzeige
| Anzeige
image beaconimage beaconimage beacon