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Mehr Havertz, bitte!

SZ.de-Logo SZ.de vor 4 Tagen Von Philipp Selldorf, Dortmund
© Lars Baron/Bongarts/Getty Images

• Das 2:2 gegen Argentinien gerät zur Werbeveranstaltung für den 20-Jährigen.

• Joachim Löw sagt, an ihm führe auf Dauer kein Weg vorbei

• Doch bislang nahm der Bundestrainer regelmäßig den Weg, der Havertz links liegen ließ.

Suat Serdar war nicht nach Fachgesprächen zumute, als er den kurzen Weg zwischen der Mannschaftskabine und dem Mannschaftsbus zurücklegte. Der Name des 22-jährigen Schalkers steht jetzt mittendrin in der heiligen Liste, die mit Rüdiger Abramczik beginnt und mit Carl Zörner und Felix Zwolanowski endet, aber er spürte überhaupt keinen Drang, jene Sätze zu sagen, die man gemeinhin spricht, wenn man in den Rang des A-Nationalspielers befördert wurde. Serdar hätte sagen können, dass ein Traum in Erfüllung gegangen sei, er hätte damit die Wahrheit gesagt, seit der U16 hatte er jedem Juniorenteam des DFB angehört, nun war die Krönung gekommen. Doch Serdar senkte das Haupt und schwieg, als er das Spalier der Berichterstatter passierte.

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GalerieDas sind Joachim Löws Debütanten

"Einige Spieler, die zum ersten Mal auf dem Platz standen, haben ihre Sache verdammt gut gemacht", hob der Bundestrainer nach dem 2:2 im Testspiel gegen Argentinien hervor; ob er damit auch Suat Serdar gemeint hatte, das hat er nicht verraten. Ziemlich sicher dürfte Joachim Löw aber an ihn gedacht haben, als er darum bat, bei den jungen Spielern "ein bisschen Nachsicht" walten zu lassen, er mahnte aus aktuellem Anlass. Die jungen Spieler, das lässt sich bei aller fürsorglichen Nachsicht nicht verschweigen, hatten dazu beigetragen, dass aus der deutschen 2:0-Führung noch ein 2:2 wurde. Genötigt durch die stündlich gestiegene Zahl von Absagen etablierter Spieler, hatte Löw vier Debütanten in seinen Betrieb eingeführt, einer von ihnen, der Innenverteidiger Robin Koch, 23, ließ beim 1:2 durch Lucas Alario den Schützen in seinem Rücken entwischen, was nicht so schlimm gewesen wäre, wenn er nicht auch die Flanke verpasst hätte. Ein anderer Neuling, eben Suat Serdar, ließ sich tief in der deutschen Hälfte den Ball entwenden und löste den Gegenstoß aus, der mit Lucas Ocampos' Ausgleich endete. So nahm sein schöner Traum ein böses Ende.

In seinen guten Momenten, und von denen hatte er zuletzt auf Schalke einige, ist Serdar ein dynamischer und durchsetzungsstarker Mittelfeldspieler offensiver Prägung, während Koch, Sohn des sagenumwobenen Ex-Profis und Betzenbergmanns Harry Koch, mit seiner sachlichen Abwehrarbeit dafür gesorgt hat, dass sich der SC Freiburg unter die Spitzenklubs der Liga einreihen durfte. Ob die beiden oder auch die zwei anderen Neu-Nationalspieler Nadiem Amiri und Luca Waldschmidt mit weiteren Einladungen rechnen dürfen, hat Löw nicht gesagt, aber man kann festhalten, dass bis in die zweite Hälfte der Partie hinein keiner die aus Verletzungs- und Krankheitsgründen fehlenden Angehörigen des Stammpersonals vermisst hatte.

Deutschlands B-Nationalelf begeisterte das anfangs stumme Publikum im wieder mal eher halb leeren als halb vollen Stadion. Zumal etwas ja "nicht vergessen" werden dürfe, wie Emre Can später mitteilte: "Wir haben gegen Argentinien gespielt, eine Weltklassemannschaft." Davon war zunächst nicht viel zu erkennen, dies lag aber auch an der spielfreudigen und blitzgeschwinden wie -gescheiten deutschen Elf, die trotz umfassender Improvisationen auch defensiv ordentlich funktionierte.

Havertz liefert eine vermeintlich beiläufige, in Wahrheit spektakulär exakte Vorlage

Can, der womöglich letzte in freier Wildbahn vorkommende Sechser unter all den deutschen Mittelfeldspielern mit Achter-Prägung, hatte vor der Partie eine seltsame Begegnung gehabt: "Auf einmal kam der Trainer zu mir und sagte, dass ich in der Abwehr spiele." So bastelte sich Löw kreativ seine neuerdings so hochgeschätzte Dreierkette. Can kam darin gut zurecht, wenngleich ihm gegen Ende die Puste ausging. Bei Juventus Turin unter Trainer Maurizio Sarri hat er bisher noch kein Spiel von Anfang an machen dürfen.

Noch am Spieltag hatte die bizarre Häufung von Absenzen mit dem Ausfall des für die Startelf vorgesehenen Innenverteidigers Niklas Stark dem Bundestrainer eine weitere Pointe beschert. Die vielen Leerstellen im 1-A-Kader sorgten aber wenigstens dafür, dass Kai Havertz in die Besetzungsliste aufrückte. Für Havertz hatte Löw zuletzt immer wieder aufs Neue keinen Startelf-Platz gefunden, manche Leute fingen schon an, daran zu zweifeln, dass er überhaupt gesucht hätte. Löw behalf sich mit einem Argument, das ihm schon im Fall von Leroy Sané Ärger eingebracht hatte. Für "den Leroy" sei auch nach der WM genügend Zeit, hatte Löw vor der WM in Russland gesagt - ein Beschluss, den er womöglich sogar selbst bereute (auch wenn er das nie zugeben würde). Im Falle Havertz hatte Löw regelmäßig erklärt, "am Kai" führe auf Dauer kein Weg vorbei - ebenso regelmäßig hat er dann den Weg genommen, der Havertz links liegen ließ.

In Dortmund befand sich der 20 Jahre alte Leverkusener in der Mitte des Geschehens, er war Teil des deutschen Überfallkommandos, das während der ersten Hälfte unentwegt in die Abwehrhälfte der überforderten Argentinier einfiel. Serge Gnabry, eine Halbzeit lang in EM-Endspiel-Form, lenkte und finalisierte die Angriffe, Lukas Klostermann assistierte am rechten Flügel, Julian Brandt und Kai Havertz kamen aus der Tiefe hinzu, so entstanden auf sehenswerte Weise zwei Treffer; den dritten versäumte Emre Can, aus der Deckung nach vorn gesprintet, nur um eine Fußspitze des gegnerischen Torwarts. Die vermeintlich beiläufige, in Wahrheit spektakulär exakte Vorlage zum ausgefallenen 3:0 hatte Havertz besorgt. "Viele Spieler haben heute gezeigt, dass sie auf diesem Niveau spielen können", stellte Havertz später höflich verallgemeinernd fest, es war schon klar, dass er mit einem dieser vielen Spieler sich selbst meinte. Löw wird sich für ihn etwas einfallen lassen müssen, die Partie gegen Argentinien glich phasenweise einer Werbeveranstaltung: Mehr Spielanteile für Kai Havertz, bitte!

Mehr kann man wohl nicht verlangen von einem Testspiel, das wegen der vielen fehlenden Stars unter dem Vorbehalt der Geld-zurück-Garantie stand. Da störte es Julian Brandt auch nicht, dass es wieder mal nur zum 2:2 reichte - ein Ergebnis, das er mit den Dortmunder Borussen zu hassen gelernt hat. "Wenn man uns noch etwas Zeit gibt", schwärmte er, "kann da etwas Gigantisches draus entstehen."

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