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Eigenes Training: Eisschnellläufer Beckert wagt den Aufstand

Kölner Stadt-Anzeiger-Logo Kölner Stadt-Anzeiger 14.02.2018 ksta
32989600B335C766 © AP 32989600B335C766

Alle Sportler freuen sich bei Olympia besonders darauf, Athleten aus anderen Ländern zu treffen, auch mal bei anderen Medaillenentscheidungen vorbeizuschauen. Für die deutschen Eisschnellläufer sind die Spiele eine gute Gelegenheit, mal etwas mehr Zeit mit den eigenen Teamkollegen zu verbringen. Denn die Nationalmannschaft erinnert an eine Splittergruppe. Wer der Trainingsphilosophie des Bundestrainers Jan van Veen folgt, spult seine Trainingskilometer vor allem im bayerischen Inzell ab. Deutschlands Medaillenanwärter Claudia Pechstein, Nico Ihle und Patrick Beckert haben eigene Wege eingeschlagen, um ihr Niveau zu verbessern. Vor allem der Erfurter Beckert wagte eine Art Aufstand, um die langen Strecken schneller zu bewältigen.

Nach dem Fehlstart über 5000 Meter (10.), den er mit den Nachwirkungen eines Infekts erklärt, geht es am Donnerstag über die doppelte Distanz. Das sind 25 zähe Runden in gebückter Haltung. „Zuerst tun die Beine weh. Manchmal hat man vor dem Ende wegen der trockenen Luft auch Kopfschmerzen“, beschreibt Becker die Torturen. Hätte er nach den Spielen von Sotschi weitergemacht wie zuvor, so ist er überzeugt, hätte er die magische Marke von 13 Minuten auf einer Flachlandbahn nie unterboten, als erster Nicht-Niederländer überhaupt. In dem Land der Eisschnelllauf-Seriensieger wurde er zu einem anderen, einem besseren Sportler.

„Hatte in Deutschland keine gleichstarken Trainingspartner“

2015 machte er sich auf und brach mit den Strukturen der Deutschen Eisschnelllauf-Gemeinschaft (DESG). „Ich hatte in Deutschland keine gleichstarken Trainingspartner mehr“, sagt er, „um mich zu entwickeln, brauchte ich ein neues Umfeld.“ Er wechselte ins Profiteam der niederländischen Rekord-Winterolympionikin Ireen Wüst – mit dem vielversprechenden Namen „Team 4 Gold.“ Er sagt: „In Holland gibt es ja verschiedene Profiteams und man spürt verschiedene Trainingsphilosophien. Wenn es beim einen nicht klappt, wechselt man halt in ein anderes Team.“

Es war ein riskanter Schritt, den er damals eingegangen ist. Er verlor seinen Platz in der Sportfördergruppe der Bundeswehr. Er bekam weiterhin die Sporthilfe und ein kleines Taschengeld. Das meiste musste er privat stemmen. Länger als ein Jahr konnte er sich diesen Exkurs deshalb auch nicht leisten. Für ihn reichte diese Zeit aber aus, um ein ganz anderes Verhältnis zu sich und seinen Auftritten auf dem Eis zu bekommen. „Der Spaßfaktor war ein ganz anderer“, erinnert er sich.

GYI_916860216 © Getty Images GYI_916860216

Der wesentliche Unterschied zum Training in Deutschland

Der wesentliche Unterschied im Vergleich zum Training in Deutschland: die individuelle Betreuung. „Was die Eishallen und die Betreuung angeht, sind wir auf einem sehr hohen Niveau in Deutschland“, sagt Beckert. „Aber man muss halt betrachten, dass jeder Sportler individuell ist. Wir müssen davon weggehen, dass für alle das gleiche gilt. Man kann nicht sagen: Das dürft ihr, das dürft ihr nicht.“

Beckert möchte das nicht als Kritik am Bundestrainer verstanden wissen, Jan van Veen betreut die Deutschen ohnehin erst seit zwei Jahren. Moritz Geisreiter, der zweite deutsche Starter über diese Strecke, trainiert das Konzept des Niederländers im bayerischen Inzell und hat damit ebenfalls große Fortschritte gemacht. „Entweder man hat Glück, dass das Programm des Bundestrainers zu einem passt, oder eben nicht“, sagt Beckert. „Ich hatte das Glück, dass das Programm in Holland gut gepasst hat.“

Training auf eigene Faust

Seit der Rückkehr aus den Niederlanden vor zwei Jahren trainiert er nun auf eigene Faust in Erfurt. Sein wichtigster Begleiter ist Bruder Pedro, der es nicht zu den Spielen geschafft hat. Genauso wie Schwester Stephanie, die nach drei Olympiamedaillen in Vancouver nach und nach an Leistung verloren hat und inzwischen nur noch ein Eisschnelllauf-Schattendasein führt. Der kanadische Trainer Gabriel Girard, den er aus den Niederlanden kennt, begleitet die beiden dabei. „Ich brauche aber  nicht jeden Tag jemanden, der mir in den Hintern tritt“, sagt Beckert.

Bundestrainer van Veen sieht seine Autorität nicht infrage gestellt, sondern schätzt einen solchen Innovationsgeist. „Wenn jemand erfolgreich ist, macht es ja keinen Sinn, daran etwas zu ändern. Wir sind alle DESG und freuen uns gemeinsam, wenn ein Plan aufgeht.“ Die Bronzemedaillen 2015 und 2017 auf der Olympiabahn in Gangneung geben Beckert Recht. Gleiches gilt für Nico Ihle, der gemeinsam mit seinem Bruder Denny in Chemnitz und im Sportforum in Berlin auf eigene Faust trainiert. Vor einem Jahr gewann er im olympischen Oval Silber über 500 Meter. Das gleiche Edelmetall gab es für Pechstein über 5000 Meter, nachdem sie sich 2016 ein eigenes Team aufgebaut hatte.

Obwohl alle drei Medaillenkandidaten mit ihren individuellen Modellen erfolgreich sind, führt nicht jeder Sonderweg automatisch zum Erfolg. Alexej Baumgärtner versuchte 2014 ebenfalls, in Holland neue Inspiration zu finden. Er ist dann aber langsamer gelaufen als zuvor, das Projekt war gescheitert. „Man muss das individuell betrachten“, sagt Beckert, „er hat den Schritt gewagt, aber es hat sich schnell gezeigt, dass sich dieser Schritt nicht gelohnt hat. Das muss man sich dann auch eingestehen.“

Einen Plan, wie sich die niederländische Trainingskultur auch in Deutschland implementieren ließe, hat er ja. Er sagt: „Man muss vielleicht schauen, dass man die einzelnen Olympiastützpunkte wieder stärkt.“ So dass die drei großen Standorte in Deutschland - Inzell, Erfurt, Berlin – für unterschiedliche Philosophien stehen. „So hätte man eine größere Bandbreite und könnte aus den Talenten, die wir haben, noch mehr rausholen.“ Bis dahin bleibt manchem Talent nur übrig, für den eigenen Erfolg den Aufstand zu wagen.

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