Sie verwenden eine veraltete Browserversion. Bitte verwenden Sie eine unterstütze Versiondamit Sie MSN optimal nutzen können.

Thomas Dreßen: Nein, sie wollen ihn nicht verarschen

ZEIT ONLINE-Logo ZEIT ONLINE 20.01.2018 Thomas Purschke

Thomas Dreßen nach seinem Sieg in Kitzbühel © Leonhard Foeger/Reuters Thomas Dreßen nach seinem Sieg in Kitzbühel

Thomas Dreßen ist der zweite Deutsche, der das berühmteste und gefährlichste Abfahrtsrennen der Welt gewinnt. Andere brauchen Jahre für diesen Sieg.

Da stand er nun, Thomas Dreßen, im Zieleinlauf von Kitzbühel und versuchte zu erklären, was gerade passiert war: "Ich habe es erst gar nicht glauben können. Ich habe gemeint, die wollen mich verarschen." Erst zum zweiten Mal war er auf der schwersten und berühmtesten Weltcupstrecke angetreten: Im vergangenen Jahr schied er sowohl in der Abfahrt als auch im Super-G in Kitzbühel aus. "Meine relativ geringe Erfahrung konnte ich durch ein intensives Videostudium der Fahrlinien der Topfahrer wettmachen." 

So bescheiden sind wohl nur wenige Sieger der Streif aufgetreten. Dreßen ließ am Samstag die gesamte Weltspitze hinter sich. Mit der Startnummer 19, eigentlich kein Vorteil in der Abfahrt, heute aber wegen der spät aufkommenden Sonne eine Hilfe, schoss er an den markanten Stellen der Streif vorbei: Mausefalle, Karussell, Steilhang, Lärchenschuss, Hausbergkante. Überall leuchtete eine grüne Bestzeit auf, zeitweise lag er eine halbe Sekunde vorne. Im Ziel dann: zwei Zehntel Vorsprung auf den Schweizer Beat Feuz, Dritter wurde der Österreicher Hannes Reichelt. Es war Dreßens erster Weltcupsieg überhaupt. 

Nun ist es eher selten, dass die drei Aplenländer gemeinsam auf einem Abfahrtspodium stehen. Dass ein Deutscher aber das Königsrennen der Saison gewinnt, das gab es das erste Mal 1978 und 1979: Sepp Ferstl, der Vater des anderen deutschen Abfahrers Josef Ferstl, der am Samstag 20. wurde, gewann damals zweimal in Folge.

Das gefährlichste Rennen der Welt

Das Rennen den Hahnenkamm hinunter gilt als das gefährlichste der Welt. Allein beim 60 Meter weiten Sprung die Mausefalle hinunter wirken auf die Athleten bei der Landung Kräfte von bis zu 10 G auf der teils knüppelharten Piste, die mit zigtausend Litern Wasser künstlich vereist wurde. Zum Vergleich: Die Astronauten in der Apollo-Kapsel erleben während des Wiedereintritts in die Erdatmosphäre maximal 7 G. Wer die Streif jemals, und sei es im gemäßigten Besichtigungstempo, abgefahren ist, der weiß: Selbst ein geübter Amateur würde die Fahrlinie der Profifahrer samt der enormen Fliehkräfte in den Kurvenpassagen nicht heil überstehen. Dreßen ist froh über seine "hilfsbereiten älteren Kameraden Josef Ferstl und Andreas Sander", die ihren Erfahrungsschatz mit ihm teilen. Bodenständig sind die deutschen Speedfahrer alle geblieben. 

Dreßen war noch keine zwölf Jahre alt, da traf seine Familie der schwerste Schlag. Im September 2005 starb der Vater Dirk Dreßen mit 43 in Sölden, der damals mit Kindern beim Gletschertraining war. Ein Helikopter verlor genau über der Seilbahn einen 750-Kilo-Betonkübel, woraufhin eine Gondel abstürzte. Weitere Skifahrer wurden aus anderen Gondeln rausgeschleudert. Sechs Kinder und drei Erwachsene verloren ihr Leben und Thomas und sein jüngerer Bruder Michael ihren Vater. 

"Ich trage den Vater immer im Herzen, und auf meinem Helm ist er mit den Zahlen 44" – die für Dirk Dreßen (4. Buchstabe im Alphabet) stehen – "bei jedem Rennen dabei. Dies ist für mich sehr wichtig", sagt Dreßen. Dankbar ist er seiner "Familie und besonders der Mutter", die ihn auch nach dem Tod des Vaters auf seinem "sportlichen Weg mit allen Kräften unterstützt hat". Ihr und seinem Vater widmete er den Sieg. 

So stark wie nie

Diesen Winter ist er so stark wie nie. Auch wenn er beim Abschlusstraining auf der Streif am Freitag in Kitzbühel durch einen Fahrfehler im Steilhang viel Zeit verlor. Egal: "Mal eine andere Fahrlinie auszuprobieren, dafür ist das Training da." Sein Motto vor dem Rennen war es: "Angreifen und agieren mit bestmöglicher Körperspannung in den schweren Streckenpassagen. Bei zu viel Passivität wird es sonst gefährlich für uns." 

Seine gute Form hatte sich schon länger angedeutet. In der Abfahrt in Beaver Creek im Dezember fuhr Dreßen als Dritter erstmals in seiner Karriere aufs Podest. Das hatte bis dahin von den deutschen Abfahrern zuletzt Max Rauffer vor 13 Jahren geschafft. Beim Lauberhorn-Klassiker in Wengen am vergangenen Wochenende "schlug die Blaumeise samt weicher Knie" bei Dreßen erst im Ziel-S zu, sonst wäre er bei der mit fast 4.500 Metern längsten Weltcupabfahrt wieder aufs Podest gefahren. Doch die Kraft reichte nicht bis ganz zum Schluss.

Aber auch schon in der vergangenen Woche als Fünfter hat der 1,88 Meter große und 100 Kilo schwere Athlet viele Cracks hinter sich gelassen, darunter den zweimaligen Kitzbühel-Sieger Dominik Paris aus Italien. 

Und jetzt Kitzbühel: "Es war immer mein Traum, von klein auf, in Kitzbühel einmal zu gewinnen. Das ist der absolute Wahnsinn." Schließlich wurde er bereits als Hauptschüler zum Wahlösterreicher, als er wegen der besseren Förderbedingungen an die Schischule Neustift/Stubaital und im Anschluss an das Schigymnasium Saalfelden wechselte. 

Vor einem Jahr noch sorgte in Kitzbühel eine gebrochene Bindung im Training mit Skiverlust dafür, dass Dreßen in den Fangzaun krachte, zum Glück ohne Blessuren. "Das war natürlich bitter, aber so etwas muss man schnell abhaken und sich gezielt auf das nächste Rennen vorbereiten." Die Streif sei wie ein Kampf: Wenn man sie bewältigt, dann ist es ein schönes Gefühl, es geschafft zu haben. "Ohnehin ist diese Strecke vom ersten Meter an der Wahnsinn."

Zwischen Bestzeit und Horrorsturz

Ein Wahnsinn, den Teamkollege Dominik Schwaiger nur auf Krücken im Zieleinlauf verfolgen konnte. Er hatte sich Ende Dezember beim Rennen in Bormio die Hüfte gebrochen. Im Skisport liege zwischen Bestzeit und Horrorsturz oft nur ein falsches Zucken. 

"Wir sind auch im menschlichen Bereich super aufgestellt mit unserem ganzen Team", sagt Dreßen. Josef Ferstl feierte vor Weihnachten in Gröden seinen ersten Weltcupsieg im Super-G. Dennoch ist allen bewusst, dass eine Sturzverletzung von heute auf morgen alles zunichtemachen kann. Im Training auf der Streif 2017 erwischte es Teamkameraden Klaus Brandner – Patellasehnenriss. Dessen Rehaprogramm läuft immer noch, die Gratwanderung bleibt. 

Doch alle lagen Dreßen im Ziel in den Armen. Die Herren-Alpin-Abteilung im Deutschen Skiverband hat sich mit den erfahrenen österreichischen Trainern Mathias Berthold und Christian Schwaiger seit 2014 neu und stetig aufgebaut. Sie versprachen in Kitzbühel, die jungen Athleten nun nicht unter Druck setzen zu wolle. Niemand sei gezwungen, extremes Risiko einzugehen. Nicht nur der verletzte Slalomspezialist Felix Neureuther kann nach ganz vorne fahren, auch bei den Speedfahrern schaffen es die Deutschen in der Olympiasaison nun aufs Podest.

| Anzeige
| Anzeige

Mehr von ZEIT ONLINE

ZEIT ONLINE
ZEIT ONLINE
| Anzeige
| Anzeige
| Anzeige
image beaconimage beaconimage beacon