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„Mir ist das zu viel Endzeitstimmung“

RP ONLINE-Logo RP ONLINE 20.06.2018 RP ONLINE
Marcel Reif © RP Digital GmbH Marcel Reif

Marcel Reif, 68, kommentierte mehr als 30 Jahre Fußballspiele für das ZDF und Sky. Seit Jahren lebt der Vater von drei Söhnen in Rüschlikon in der Nähe von Zürich. 2013 hat er seinen deutschen Pass abgegeben und die schweizerische Staatsbürgerschaft erhalten.

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Herr Reif, wie ist es um Ihren Gemütszustand nach fast einer Woche WM bestellt?

Reif So, wie ich es leider schon vorher erwartet habe. In der ersten WM-Phase ist man damit beschäftigt, den kleinen Nationen beim sportlichen Überleben zuzusehen. Nach zwei Wochen wird von ihnen keiner mehr dabei sein. Das Turnier ist schon jetzt viel zu aufgebläht. Es gibt Spiele, die braucht wirklich niemand. Iran gegen Marokko, zum Beispiel, ich bitte Sie. Und damit ist der Gipfel des Wahnsinns ja noch nicht erreicht. 2026 sind 48 Teams am Start. Herrliche Aussichten. Da kann man nur froh sein, dass das Losglück einem eine Partie wie Portugal gegen Spanien beschert hat.

Die sogenannten kleinen Nationen sehen durchaus eine Daseinsberechtigung für sich.

Reif Und ich gönne ihnen alles. Aber selbst mit dem romantischsten Blick aufs Spiel kann man es sich nicht schönreden. Was sollen die Kleinen denn auch anderes tun, als ein gepflegtes Spiel zu verhindern?

Es gab ja schon Außenseiter, die für Überraschungen gesorgt haben.

Reif Und Kaiserslautern ist als Aufsteiger Meister geworden, Griechenland Europameister. Ja, ja, es hat schon vieles gegeben, aber es wird sich nicht noch einmal wiederholen, weil die Schere zwischen den Top-Teams und den Verfolgern immer größer wird.

Die deutsche Mannschaft hat sich als sogenannter Großer zum Auftakt nicht gerade mit Ruhm bekleckert. Sie haben in einer Politik-Talkshow über die Lage der Fußball-Nation doziert. Kann man den Sport noch mehr überhöhen?

Reif Diesem Land geht es so gut. Diesem Land geht es sogar sehr, sehr gut. Wenn bei „Hart aber fair“ die Frage geklärt werden soll, ob es für Mesut Özil eine Zukunft in der Nationalmannschaft gibt, sagt das schon viel über den Grad der aktuellen Aufgeregtheit aus. Mir ist das alles zu viel Endzeitstimmung, da werden Szenarien entwickelt, da kann ich nur mit dem Kopf schütteln. Die deutsche Mannschaft hat einfach schlecht gespielt. Und dafür gibt es Gründe.

Und die wären?

Reif Es geht um junge Menschen, die schon einmal auf dem Gipfel gestanden haben. Es geht nicht um Überheblichkeit, es geht um die Bereitschaft, drei, vier Prozent mehr zu geben. Sehen Sie, es gibt ja einen Grund, dass seit 1962 kein Weltmeister seinen Titel verteidigen konnte. Das muss ja an irgendetwas liegen. Als Weltmeister bis du der Gejagte. Du brauchst diese Gier. Es ist unsäglich schwer, die richtigen Reize zu setzen.

Acht Spieler stammen aus dem Kader von 2014. Hätte es einen größeren Umbruch geben müssen?

Reif Das ist eine Falle, aus der man nicht kommt. Nach einem verlorenen Spiel lasse ich mich ganz gewiss nicht auf eine Diskussion über Joachim Löw ein – der Mann ist Weltmeister. Was hätte er auch groß anders machen sollen? Die meisten Spieler sind im besten Alter. Gucken Sie sich Toni Kroos an. Das ist einer der besten Spieler der Welt. Er hat vor ein paar Wochen noch die Champions League mit Real Madrid gewonnen, er ist schon Weltmeister, mehr kannst du nicht erreichen. Wenn du dann seine Leistung gegen Mexiko siehst, das war nicht Toni Kroos da auf dem Platz. Er war ein Schatten seiner selbst.

Sind nicht aber auch taktische Fehler gemacht worden?

Reif Absolut. Jogi Löw ist schlichtweg ausgecoacht worden. Die Mexikaner haben sich auf das Spiel der Deutschen eingestellt, und Löw hat darauf keine Antwort gefunden. Marco Reus hätte sicher von Anfang an spielen sollen. Man hat dem ein und anderen angemerkt, dass er einfach nicht auf den Punkt da war. Das ist unter anderem der Preis für den Titelverteidiger, der sich zunächst gegen vermeintliche Gegner nicht auf Augenhöhe messen muss. Wenn es gleich gegen Spanien, Argentinien oder Frankreich gegangen wäre, aber Mexiko? Deutschland ist normalerweise klar besser als die Mexikaner. Es hat an diesem Tag aber einfach nichts gestimmt.

Droht Deutschland schon das Aus nach der Vorrunde?

Reif In Schweden wird ja der Nobelpreis verliehen, und die werden ja auch ein wenig rechnen können, was passiert, wenn sie Unentschieden gegen Deutschland spielen. Das ist eine brandgefährliche Situation für das deutsche Team, es hat jetzt nur noch Endspiele.

Es gibt hierzulande zwei große Themen während einer WM. Erstens: Wie schneidet Deutschland ab, und zweitens: Welcher TV-Kommentator war am schlechtesten. Wie beobachten Sie das Abarbeiten an Ihren ehemaligen Kollegen?

Reif Ich versuche es, so gut es geht, zu ignorieren. Die Kritikkultur in Deutschland ist einfach total kaputt. Das ist durch die Sozialen Medien passiert, wo sich die Menschen anonym auskotzen können. Es gibt durchaus Dinge, die man ansprechen könnte, aber ich habe wohl einen komplett anderen Anspruch an Kommunikation. Was soll ich damit anfangen, wenn einer schreibt: „Reif ist ein Arschloch“? Oder Reif ist ein „Dortmund-Hasser“ oder eine „Bayern-Sau“? Was soll so etwas? Wo bringt mich das weiter? Du musst als Kommentator nur wissen: Wenn du dich auf eine solche Kommunikationsplattform wagst und während des Spiels mit einem Post testen willst, wie du ankommst, dass das auch ordentlich nach hinten los gehen kann. Gegen die anonyme Masse im Internet hast du keine Chance.

Was halten Sie von Ihren Nachfolgern am Mikrofon?

Reif Andere Kollegen habe ich noch nie bewertet. So wird es auch bleiben.

Sie selbst sind als Experte beim „Doppelpass“ auf „Sport1“ zu sehen. Ganz loslassen geht nicht?

Reif Wissen Sie was? Ich genieße die Zeit, mich wichtigmachen zu dürfen, unglaublich. Ich sitze da ganz entspannt in meinem Sessel und rede über das Deutschland-Spiel. In tiefster Entspannung ohne weitere Verpflichtung. So lässt es sich leben und arbeiten.

Gianni Costa führte das Gespräch.

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