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Kroatiens groteskes Fußballgeheimnis

dw.com-Logo dw.com 12.07.2018 Volker Wagener

Provided by Deutsche Welle © Reuters/C. Recine Provided by Deutsche Welle

Kroatien steht im WM-Finale. Das ist ein Phänomen. Und zwar ein erklärungsbedürftiges. Das kleine Land ist ein Fußballriese, der Stars wie Skandale in Serie produziert.

Wer sich anschickt Weltmeister zu werden, muss vieles, wenn nicht alles richtig gemacht haben. Im Falle Kroatiens trifft aber auch das Gegenteil zu. Kaum ein Fußballverband liegt so über kreuz mit sich, den Liga-Clubs und den eigenen Fans wie der kroatische. Umso erstaunlicher ist der Gipfelsturm der Männer in den markanten rot-weißen Karo-Trikots.

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Um den kroatischen Fußball zu verstehen, kommt man an Dinamo Zagreb nicht vorbei. Der Hauptstadtclub ist so etwas wie eine fußballerische Veredelungsanstalt. Das "Internationale Zentrum für Sportstudien" in der Schweiz hat ermittelt, dass Dinamo der viertgrößte "Produzent" von Erstligaspielern in Europa ist. Für die europäischen Topligen wohlgemerkt! Ein Mekka für Scouts und eine Geldmaschine.

Auf dem Transfermarkt schon Weltmeister

Damit ist Dinamo Zagreb ein regelmäßiger Championsleague-Kandidat - eigentlich. Tatsächlich schafft es Dinamo bestenfalls in die Gruppenphase und wird zumeist Letzter. Der Grund dafür liegt auf der Hand: Die Kaderschmiede des Abonnement-Meisters bekommt selten eine Mannschaft auf den Platz, die länger als eine halbe Saison zusammen spielt. Denn Dinamo ist so etwas wie der Börsenplatz des europäischen Fußballs. Spieler kommen, Spieler gehen.

Der Kopf der Mannschaft: Luka Modric steht im Verdacht der Falschaussage © Reuters/C. Recine Der Kopf der Mannschaft: Luka Modric steht im Verdacht der Falschaussage

Schon die "Goldene Generation" der Bobans, Sukers und Boksics der späten 1990er Jahre, die als WM-Dritte das Land in einen emotionalen Ausnahmezustand versetzte, verdankte ihre Klasse dem Dreiklang aus Sichten, Veredeln und Verkaufen. Junge Spieler aus der Provinz werden früh von Dinamo unter die Fittiche genommen, ausgebildet, teuer gemacht und vorzugsweise in der Bundesliga "zwischengeparkt". Von dort geht es dann an die großen Adressen in England, Spanien, Italien. In der Summe eine Vermarktungskette im dreistelligen Millionenbereich innerhalb weniger Jahre.

Mamic und die Betrugskultur im kroatischen Fußball

Und der Pate des Systems ist Zdravko Mamic samt seinem Familienclan. Der frühere Präsident von Dinamo hat sich kurz vor der WM nach Bosnien und Herzegowina abgesetzt. Ein Gericht hatte ihn wegen Bereicherung, Steuerhinterziehung und anderer krimineller Machenschaften verurteilt. Der Mann, der früher Styropor-Sitzkissen für das Dinamo-Stadion verkaufte, soll unter der Hand von seinen ins Ausland transferierten Schützlingen 20 Prozent des Gehalts und mehr kassiert haben - nicht einmal, sondern jedes Jahr, solange der Spieler aktiv ist. Modric, Mandzukic, Lovren oder auch der frühere Profi Ivica Olic zählen dazu. Luka Modric hat dazu widersprüchliche Angaben vor Gericht gemacht. Zunächst gab er die Mamic-Provision zu, widerrief aber später seine eigene Aussage. Seitdem steht der Kapitän der Nationalmannschaft unter Meineid-Verdacht.

Und die abenteuerlichen Zustände haben Tradition im Verband. Unvergessen die Episode während der EM vor zwei Jahren, als der Verbandspräsident während des Spiels von der Tribüne herunter dem Trainer Anweisungen über Spielereinwechslungen und Taktik erteilte.

Die kriminellen Verstrickungen des Verbands entzweien auch die Stadionbesucher: So haben sich kroatische Fans während des EM-Spiels gegen Tschechien 2016 gegenseitig verprügelt. Und auch in der Liga rumort es seit langem. Die Clubs aus Split, Rijeka oder Osijek sehen sich chancenlos im Kampf gegen das "Modell Dinamo". Schiebung ist kein Gerücht, die Konkurrenz wäre erstaunt, gäbe es sie nicht pro Zagreb. Selbst die berüchtigten Hardcore-Fans von Dinamo, die "Bad Blue Boys", boykottieren die eigene Mannschaft aus Protest gegen die kriminellen Machenschaften der Vereinsspitze. Das weite Rund im Maksimir-Stadion ist bei Heimspielen meist leer.

Die Nation über Sporterfolge wahrnehmen

Und dennoch versammelt sich die Nation regelmäßig hinter ihrer Nationalmannschaft. Franjo Tudjman, der erste Präsident des unabhängigen Kroatien, erkannte früh die Chance, den jungen Staat über sportliche Erfolge weltweit sichtbar zu machen. Auf die Marke Fußball made in Croatia legte er größten Wert.

Außer Rand und Band: Kroaten in Zagreb nach dem Sieg gegen England © Reuters/A. Bronic Außer Rand und Band: Kroaten in Zagreb nach dem Sieg gegen England

Der klammheimliche Komplex, nur eine kleine Nation zu sein, ging mit dem Selbstbehauptungswillen des neuen Staates eine Symbiose ein - ein emotionaler Mobilisierungsfaktor, der zündete.

Das "Ligachen"

Doch der kroatische Fußball rollt anders. Hier ist richtig Geld im Spiel. Eine umkämpfte Meisterschaft ist selten. An Dinamo kommen andere Mannschaften der gerade einmal zwölf Clubs umfassenden "Hrvatska Nogometna Liga" nur alle Jubeljahre vorbei. Auch deshalb, weil jeder perspektivreiche Spieler aus der Provinz vom Hauptstadtclub abgegriffen wird. Hinzu kommt ein Dinamo-Lobbyismus, der unter Tudjman beinahe Staatsräson war und bis heute den Ligabetrieb belastet. Eine "Fast-Meisterschaft" für den Emporkömmling NK Rijeka wurde im entscheidenden letzten Spiel 1999 buchstäblich verpfiffen.

Zdravko Mamic, der ehemalige Präsident von Dinamo Zagreb, ist derzeit flüchtig © picture-alliance/Jurica Galoic/PIXSELL Zdravko Mamic, der ehemalige Präsident von Dinamo Zagreb, ist derzeit flüchtig

Aus der Legionärstruppe eine Mannschaft gemacht

Umso erstaunlicher ist der kroatische Coup bei dieser WM bis ins Finale nach Moskau. Zlatko Dalic, der weitgehend unbekannte Trainer mit dem fast schüchternen Lächeln, hat aus der millionenschweren Legionärstruppe eine Mannschaft geformt. Deren Körpersprache signalisiert: Wir wollen mehr. Stinkstiefel, die nicht willens waren, sich dem Ziel WM-Erfolg unterzuordnen, hat Dalic vorzeitig aussortiert. Es fehlt noch ein Schritt zum ganz großen Triumph. Gelingt die Sensation, wäre Kroatien - abgesehen von Uruguay in den 1930er Jahren - der erste Weltmeister eines Kleinstaates. Trotz des Chaos im eigenen Laden.

Autor: Volker Wagener

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