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Retter der Welt

SZ.de-Logo SZ.de 11.07.2018 Von Sven Haist, Moskau
Imposanter Auftritt bei der WM: Jordan Pickford, 24. © Francisco Seco/AP Imposanter Auftritt bei der WM: Jordan Pickford, 24.

• Mit Jordan Pickford hat die englische Nationalmannschaft seit langem wieder einen sicheren Torwart.

• Dabei hat der 24-Jährige erst acht Länderspiele absolviert. Er ist der dritte Keeper, der überhaupt eine englische Fußballmannschaft in ein WM-Halbfinale führt.

• Er selbst zählt sich schon zu den vermeintlich besten Torleuten im Turnier neben Hugo Lloris und Thibaut Courtois.

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Obwohl der Torwart in der Vergangenheit für England häufig zum sogenannten "Mann des Spiels" avanciert war, hat es dafür nie eine Auszeichnung gegeben. In bedeutenden Partien konnte sich das Mutterland des Fußballs stets darauf verlassen, dass die eigenen Torhüter das Spiel der Nationalmannschaft schon mit ihren Leistungen entscheiden werden.

Aus dieser Faustregel machten nacheinander David Seaman, David James, Paul Robinson, Scott Carson, Robert Green und Joe Hart über ein Vierteljahrhundert hinweg beinahe eine Gesetzmäßigkeit. Nach wie vor gelten die Duelle der Three Lions mit Kroatien in der Qualifikation zur Europameisterschaft 2008 als stilbildend, bei denen Robinson dem Ergebnis im Hinspiel und Carson dem Ergebnis im Rückspiel mit ihren Darbietungen eine Wende gaben - worauf England allerdings jeweils gerne verzichtet hätte.

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Bei einem Rückpass des Außenverteidigers Gary Neville trat Robinson im Oktober 2006 in Zagreb in die Luft, der Ball hoppelte zum Eigentor an ihm vorbei. Im finalen Spiel, das England auf keinen Fall verlieren durfte, ließ Carson ein Jahr später einen zentral auf ihn gerichteten Torschuss aus 25 Metern unterm Bauch durchrutschen. Das Verpassen der EM in Österreich und der Schweiz müsste im Rückblick als ein noch größeres Malheur in der Historie der Three Lions angesehen werden als die Missgeschicke bei den unmittelbar zurückliegenden Turnieren, wo das Team immerhin mitspielen durfte.

Nur möchte sich in England vor dem Wiedersehen mit Kroatien im Halbfinale der WM an diesem Mittwoch (20 Uhr/ZDF) in Moskau keiner mehr daran erinnern, wie das vor einem Jahrzehnt war beim Tiefstand der notorischen Misere um die Schlussleute. Denn kürzlich ist wieder ein englischer Keeper zum Mann des Spiels deklariert worden. Im Gegensatz zu seinen Vorgängern hat Jordan Pickford im Viertelfinale gegen Schweden für seine Taten aber tatsächlich auch eine offizielle Auszeichnung erhalten.

Nach dem Weltmeister Gordon Banks und dem Rekordnationalspieler Peter Shilton hat es Pickford als erst dritter Torhüter geschafft, England in ein WM-Halbfinale zu führen. Mit 24 Jahren ist Pickford aus Washington bei Sunderland der jüngste Torhüter der englischen Turniergeschichte; beim bisher einzigen Titelgewinn im Wembley bewachte Banks im Alter von 28 Jahren das Tor, und Shilton war beinahe 41 Jahre alt bei der WM 1990 in Italien. Lediglich sieben der 23 Spieler im aktuellen Aufgebot waren schon auf der Welt, als England am 4. Juli in Turin im Halbfinale gegen Deutschland mit 4:5 Toren nach Elfmeterschießen unterlag. "Halbfinale? Das nehme ich an. Ich war 1990 noch nicht mal geboren", sagte Pickford.

Vier Tage nach seinen beiden gehaltenen Strafstößen im Elfmeterschießen gegen Kolumbien bestätigte er seine erstklassige Form und hielt mit drei einhändigen Paraden im Duell mit Schweden buchstäblich den englischen Erfolg fest. Die Times schrieb, dass Pickford über Nacht "zum Retter unserer Welt" herangereift sei. Der Hype um ihn hat auf der Insel eine Bedeutungsschwere angenommen, die einem unerfahrenen Torhüter mit lediglich acht Länderspielen im Grunde nicht zuträglich sein kann.

Zumal Pickford durch sein forsches Auftreten das Ausmaß nicht gerade reduziert: Zuletzt verglich er sich mit den vermeintlich besten Torleuten im Turnier, mit Hugo Lloris (Frankreich) und Thibaut Courtois (Belgien). "Einige Leute glauben, dass ich nur jung bin. Aber bloß weil ich erst zwei Saisons in der ersten Liga absolviert habe, habe ich nicht das Gefühl, dass ich weit weg bin von denen", sagt Pickford. Sein Aufenthalt zu Beginn der Profikarriere in den Niederungen des englischen Fußballs, die ein besonderes Durchsetzungsvermögen lehren, hat ihn abgehärtet.

Vorbei an renommierten Konkurrenten zur Nummer 1

Für knapp 35 Millionen Euro inklusive Bonuszahlungen wechselte Pickford 2017 von Absteiger Sunderland zum FC Everton. Die Ablöse machte ihn auf Anhieb zum teuersten britischen Keeper und zum drittteuersten überhaupt nach dem Brasilianer Ederson und Gianluigi Buffon aus Italien, der zu Beginn des Jahrtausends für mehr als 50 Millionen Euro den AC Parma für Juventus Turin verließ.

Der damals weit über dem Marktwert des Spielers ausgehandelte Preis resultierte aus Pickfords für einen englischen Schlussmann seltenen Fähigkeit, mit dem Ball am Fuß ähnlich gut agieren zu können wie ein Feldspieler. Mit seinem linken Fuß ist er in der Lage, den Ball präzise und fast aus dem Stand heraus überall auf dem Platz hinzuspielen. Diese Qualität ermöglicht England bei Bedarf eine schnelle Spielfortsetzung, die den Gegner umgehend nach hinten drängt.

Seine geringe Reichweite mit bloß 1,85 Meter an Körperlänge versucht Pickford über Beweglichkeit und Sprungkraft auszugleichen. Sein Verständnis fürs Spiel und seine Auffassungsgabe helfen ihm bei der richtigen Positionierung im Strafraum. In 69 Spielen in der Premier League hat Pickford bisher 109 Gegentore hinnehmen müssen, in der vergangenen Saison kam er bei 38 Ligaeinsätzen auf zehn Partien ohne Gegentor. In der Gruppenphase der Europa League, in der Everton auf dem dritten Platz hängen blieb, gab er sein Debüt in einem europäischen Wettbewerb.

Der internationale Durchbruch gelang dem selbstsicheren Pickford bei seinem Debüt im Trikot der Three Lions im November 2017. Beim 0:0 im Test gegen Deutschland bewahrte er sein Team im Wembley-Stadion vor einer Niederlage, indem er mehrmals die Torschüsse der deutschen Angreifer Timo Werner und Leroy Sané abwehrte, einmal sogar zwei direkt nacheinander. Dieser Einstand ermöglichte es Nationaltrainer Gareth Southgate, Pickford an dessen renommierteren Konkurrenten vorbei zur Nummer 1 zu machen. Seitdem sind die Engländer mit Pickford im Tor dabei, die früheren Ansichten der anderen Länder über ihre Nationalmannschaft zu revidieren.

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