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Vom Reden und Schweigen: Das Rennen um den Goldenen Bären

dw.com-Logo dw.com 13.02.2017 Jochen Kürten

Mit Spannung erwartet wurde der erste deutsche Film im Wettbewerb der 67. Berlinale. Thomas Arslans "Helle Nächte" trat am Montag gegen Sally Potters "The Party" an - die Filme könnten kaum unterschiedlicher sein.

Auf Vater-Sohn-Tour durch Norwegen: "Helle Nächte" © Schramm Film/Marco Krüger Auf Vater-Sohn-Tour durch Norwegen: "Helle Nächte"

In "The Party" wird pausenlos geredet, gestritten und geschrien. Die Schauplätze sind strikt begrenzt, und die sieben Protagonisten verlassen die kleine Wohnung höchstens einmal, um auf die Terrasse zu treten, Ganz anders in "Helle Nächte": Hier schweigen sich zwei Darsteller eineinhalb Stunden an, und menschenleere Gebirgszüge und die Weite des Horizonts beherrschen die Szenerie. Die Landschaft scheint unendlich.

"The Party" entstand unter der Regie der Britin Sally Potter. "Helle Nächte" wurde von Thomas Arslan inszeniert; es ist die erste deutsche Produktion im diesjährigen Wettbewerb der Berlinale. Potters intensives Kammerspiel, das an ein Bühnenstück erinnert, und Arslans sprödes Roadmovie, das fast ausschließlich in der Einsamkeit Nord-Norwegens spielt, könnte man auch als konsequent ausgereizte Endpunkte zweier unterschiedlicher Kino-Ästhetiken beschreiben.

Von Kinokritikern wird Thomas Arslan gern der sogenannten "Berliner Schule" zugeordnet. Die Regisseure dieser Stilrichtung verfolgen ein minimalistisches Konzept: lange Einstellungen, wenig Dialoge und Musik, ein zurückgenommenes Spiel der Darsteller und eine Kamera, die Personen und Handlung meist starr verfolgt und kaum Bewegung zulässt. Es ist ein Kino-Konzept der Reinheit, der Stille, der Reduktion.

"Helle Nächte": schwieriges Vater-Sohn-Verhältnis

Arslan hatte zuletzt vor drei Jahren am Wettbewerb der Berlinale teilgenommen, mit dem im Vergleich zu seinen bisherigen Filmen fast redseligen Goldgräber-Drama "Gold" mit Nina Hoss in der Hauptrolle. In "Helle Nächte" erzählt der Regisseur nun eine Vater-Sohn-Geschichte: Der Großvater des Bauingenieurs Michael (Georg Friedrich) erfährt vom Tod seines Vaters, der sich im Alter nach Norwegen zurückgezogen hatte und mit dem er in den letzten Jahren kaum Kontakt pflegte.

Zum Begräbnis reist Michael nach Norwegen, begleitet von seinem 14-jährigen Sohn Luis (Tristan Göbel). Da sich Friedrich schon vor Jahren von Luis' Mutter getrennt hat und der nur bei der Mutter aufgewachsen ist, ist es für beide nun ein Zusammensein nach einer langen Trennung. Nach dem Begräbnis will Michael noch ein paar Tage mit seinem Sohn in Norwegen verbringen, um wieder ein Verhältnis zum Filius aufzubauen. Luis willigt eher widerwillig ein.

Landschaften als Spiegelbilder der Seele

Was folgt, ist eine knapp 90-minütige Reise durch die einsame Landschaft Norwegens. Gesprochen wird kaum. Nur ganz mühsam und in homöopathischen Dosen kommen sich die beiden näher. "Der Film beruht auf ein paar persönlichen Erfahrungen, wiewohl er nicht direkt autobiografisch ist", sagt Thomas Arslan. Er habe auch aus Beobachtungen aus seinem sozialen Umfeld geschöpft. Es geschehe ja nicht häufig, aber manche Menschen schafften es ja, die Fehler der Eltern-Generation nicht zu wiederholen, ist Arslan überzeugt: "'Helle Nächte' erzählt die Geschichte einer Reise und den Versuch, aus dem Teufelskreis der Wiederholungen auszubrechen."

Bühnenfarce auf der Leinwand: "The Party"

In eben solch einem Teufelskreis längst verkorkster Beziehungen stecken jene sieben Protagonisten, die Sally Potter für ihr kurzes, intensives Filmdrama "The Party" versammelt hat. "The Party" dauert nur 70 Minuten und ist damit der mit Abstand kürzeste Beitrag in der Bären-Konkurrenz der diesjährigen Berlinale.

Bruno Ganz inmitten eines großartigen Ensembles

Potter wartet mit einem überzeugenden Darsteller-Ensemble auf: Bruno Ganz spielt einen leicht versponnenen Esoteriker, Patricia Clarkson seine zynische Frau, Kristin Scott Thomas eine ehrgeizige Politikerin, die zur Party geladen hat, um ihre Inthronisierung als Gesundheitsministerin zu feiern; Timothy Spall verkörpert ihren todkranken Mann. Außerdem dabei: Cherry Jones und Emily Mortimer als lesbisches Pärchen, das Drillinge erwartet, sowie ein kokainsüchtiger Finanzhai, verkörpert von Cillian Murphy.

"The Party" ist ein klassisches Konversationsstück, bissig und sarkastisch, mit umwerfenden Dialogkaskaden. In klassischer Theatermanier enthüllt Potter die dunklen Verwerfungen hinter gutbürgerlicher Fassade. Jeder der sieben Protagonisten schleppt ein Geheimnis mit sich herum, und alle führen ein Doppelleben. Potter lässt die gut gehüteten Mysterien nach und nach auf der Leinwand explodieren.

Zwei sehr unterschiedliche Werke - ein Ziel: der Berlinale-Bär

"The Party" ist ein schauspielerisches Bravourstück, sehr unterhaltsam und witzig - wenn auch nicht mit allzu viel Tiefgang. "Helle Nächte" ist ein menschliches Drama vor phantastischer Naturkulisse, eindrucksvoll von den Kameras eingefangen, aber auch sehr spröde, langsam in seinem Erzähl-Rhythmus und nur etwas für geduldige Zuschauer. Man darf gespannt sein, ob die Jury der Berlinale um Regisseur Paul Verhoeven einen der beiden Filme für Bären-preiswürdig hält.

Autor: Jochen Kürten

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