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Nachruf auf eine Mode-Legende: Karl Lagerfeld: Der Tod eines Unsterblichen

Handelsblatt-Logo Handelsblatt 20.02.2019 Tuma, Thomas
Die Modeikone hat die gesamte Branche verändert. © AFP Die Modeikone hat die gesamte Branche verändert.

Der Modezar belebte nicht nur Chanel, sondern die gesamte Modeindustrie wieder. Der stellvertretende Handelsblatt-Chefredakteur Thomas Tuma hat den letzten Auftritt des Stardesigners erlebt.

Es war ein Abschied mit Ansage – und eine Sensation zugleich: Erstmals in seinen über 35 Jahren als Chefdesigner und kreativer Kopf von Chanel nahm Karl Lagerfeld Ende Januar nicht die Honneurs seiner Bewunderer entgegen. Eine Haute-Couture-Schau des Modehauses im Pariser Grand Palais ohne Kaiser Karl? Das wirkte da noch wie Paris ohne Eiffelturm oder New York ohne Freiheitsstatue.

Er fühle sich nur ein bisschen „müde“, hieß es. Gebt ihm nur ein paar Tage Zeit, hieß es. Kein Grund zur Beunruhigung, hieß es. Doch seit Dienstag ist es traurige Gewissheit: Karl Otto Lagerfeld, geboren am 10. September 1933 in Hamburg als zweites Kind eines Dosenmilchfabrikanten und seiner Frau, berühmt geworden als der wohl größte und einflussreichste Modemacher der Gegenwart, ist tot. Das teilte das Pariser Unternehmen „in tiefer Traurigkeit“ mit.

Noch kurz bevor er in ein Pariser Krankenhaus eingeliefert wurde, soll er an Entwürfen gearbeitet haben, was nicht weiter verwundert, weil Arbeit ja sein Leben war. Und es war immer klar: Dieser Mann wird nie abdanken. Das haben Päpste außer Benedikt XVI. auch nie getan. Solche Persönlichkeiten sterben im Dienst. Im Fall Lagerfeld hieß das: bei der Arbeit an einer neuen Kollektion, einem neuen Buch, einer Foto-Ausstellung oder, oder, oder …

Karl Lagerfeld war immer mehr als nur ein Modedesigner, seit er nach den Wirren des Zweiten Weltkriegs seiner Hamburger Heimat den Rücken kehrte, um dorthin zu ziehen, wo die Mode nun mal zu Hause ist: nach Paris. Nach Stationen bei Balmain, Patou, Fendi und Chloé landete der Deutsche schließlich 1983 bei Chanel, das zu der Zeit nicht mehr viel wert war.

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Alle hätten ihm damals gesagt: „Fass es nicht an. Es ist tot“, erinnerte er sich später. Lagerfeld ergriff die Chance (mit 50 war er ja auch nicht mehr der Allerjüngste) und entstaubte den Mythos der Gründerin Gabrielle „Coco“ Chanel.

Karl Lagerfeld wurde Chanel. Und Chanel wurde Karl Lagerfeld. Wer die Generation Instagram heute fragen würde, wem die Marke gehört, würde sicher oft hören: „Na, dem Mann mit dem gepuderten Pferdeschwänzchen.“ Dabei ist das Unternehmen bis heute im Besitz des quasi unsichtbaren Brüderpaars Alain und Gérard Wertheimer, dessen Großvater Pierre einst Chanel seiner Gründerin abgekauft hatte.

Die Arbeitsteilung war von Anfang an perfekt: Dort die ebenso langfristig denkenden wie investierenden, ebenso rationalen wie verschwiegenen Brüder, gegen die selbst der Aldi-Clan eine Schwatzbude ist. Hier ihr Conférencier des Augenblicks, Kaiser Karl I., verschwenderisch in seiner Kreativität wie in seiner politisch grundsätzlich unkorrekten Kommunikationslust.

Lagerfeld wusste um die Kunst der Provokation

Das Einzige, was ihm noch besser glückte als Chanel, war die Vermarktung seiner selbst, wovon das Unternehmen wiederum profitierte: „Ich bin ein lebendes Label“, schnarrte die Ich-AG Lagerfeld fröhlich.

Als Tierschutz selbst in der Modebranche schon en vogue war, lästerte er noch: „Die Bestien würden uns ja auch töten, wenn sie es könnten.“

Und nachdem die deutsche Kanzlerin Angela Merkel 2015 die Grenzen für Flüchtlinge geöffnet hatte, wetterte Lagerfeld: „Selbst wenn Jahrzehnte dazwischenliegen, kann man nicht Millionen Juden töten und später dann Millionen ihrer schlimmsten Feinde ins Land lassen.“

Lagerfeld wusste immer: Modemarken und Macher durften alles, auch provozieren und pöbeln. Nur langweilig durften sie nie werden. So verwandelte er das komatöse Dornröschen Chanel, das er vorgefunden hatte, in eine sich ständig neu erfindende Pop-Diva.

Lagerfeld setzte als einer der Ersten konsequent auf Supermodels, die er zugleich mit erschuf wie die Deutsche Claudia Schiffer. Er ging völlig angstfrei voran, als der schwedische Billigriese H &M ihm eine Liaison in Form einer Capsule-Kollektion anbot, als es den Namen für solche Kollaborationen noch gar nicht gab. Selbst seine Birmakatze Choupette machte KL noch zum Star, während er selbst für jede Reklame bereitstand, die Geld und Publicity versprach – von Sky bis Opel.

Vor allem aber: Er glaubte an die Kraft opulentester Modenschauen, als alle schon dachten, das Geschäft der Zukunft werde nur noch von E-Commerce und Instagram gesteuert. Wirkte ja auch seltsam aus der Zeit gefallen: Junge Frauen zeigen auf einem Laufsteg Mode? Das kam bei manchen ähnlich gestrig rüber wie Chanels Credo, seine Mode niemals, niemals online verkaufen zu wollen, sondern ausschließlich in den eigenen Boutiquen.

Dank Lagerfeld aber lud sich die Marke auch dank solcher Besonderheiten mit immer neuer Kraft und Modernität auf, die sich selbst in den Zahlen niederschlugen: Im vergangenen Jahr hat das Familienunternehmen erstmals eine Art Bilanz veröffentlicht, die zeigte, wie lohnend all der verschwenderische Ehrgeiz Lagerfelds zugleich war: Mit einem Umsatz von 8,3 Milliarden und einem Gewinn von 1,8 Milliarden Euro spielt Chanel unter den ganz Großen der Luxusbranche mit.

Das Duo Chanel/Lagerfeld erschuf mit seinen mittlerweile sechs großen Modenschauen pro Jahr einzigartige Ereignisse. Kaum jemand mag sich ein Haute-Couture-Kleid für den Preis eines Einfamilienhauses leisten können. Aber der Traum Chanel wird dadurch eben derart mythisch, dass sich damit auch jede Menge Parfüm, Sonnenbrillen oder Schlüsselanhänger verkaufen lassen. Nostalgie inklusive.

Langer Abschied vom Modezirkus

Vor zwei Jahren machte dieser Chanel-Modezirkus für ein einmaliges Gastspiel Halt in Lagerfelds Geburtsstadt Hamburg: Starmodels wie Anna Ewers zeigten in der Elbphilharmonie Roben wie aus Marlene Dietrichs längst vergangenem Deutschland: Prinz-Heinrich-Mützen und grober Strick, Matrosenlook und Exerzierkrägen. Im Publikum standen Weltstars wie die Schauspielerinnen Kristen Stewart oder Tilda Swinton und applaudierten Kaiser Karl, während ein Kammerorchester „La Paloma“ intonierte, dass einem die Tränen kommen konnten.

Das Hamburg-Gastspiel war keine Rückkehr, sondern eines der ersten Kapitel von Lagerfelds langem Abschied. Immer lauter wurde seither die Frage gestellt, was wohl nach ihm kommen werde. Immer öfter tauchten Fotos auf, die selbst den Gott Lagerfeld in seiner irdischen Vergänglichkeit zeigten. Auch Götter altern, aber sie arbeiten weiter – und sei es für die eigene Unsterblichkeit.

Lagerfelds letzter großer Auftritt war – das weiß man nun – Anfang Dezember in New York. Dort stellte er seine neueste Métiers-d’Art-Kollektion vor, die einmal im Jahr den 26 Manufakturen des Hauses und deren Handwerkskunst ein ganz besonderes Denkmal setzt. An wechselnden Orten der Welt. Diesmal war das Metropolitan Museum of Art am Central Park für das Spektakel gesperrt worden. Die eigentliche Schau fand in einer riesigen Halle im Nordflügel statt, rund um den altägyptischen Tempel von Dendur.

Ein letztes Mal hielt Karl Lagerfeld hier wie ein Pharao Hof – gestützt schon von seiner langjährigen Kreativ-Hilfe Virginie Viard. Ihr haben die Wertheimers am Dienstag auch die Kreativ-Leitung des Unternehmens anvertraut.

Die Entscheidung für Viard wird schon länger vorbereitet gewesen sein, auch wenn sie nicht wie ihr Vorgänger einen Vertrag auf Lebenszeit bekommen dürfte. The Show must go on. Gerade das Modebusiness ist viel zu atemlos, als dass hier allzu viel Zeit zur Trauer wäre.

„Auf Matrosen, ohé“, hatte das Kammerorchester bei der Chanel-Schau in der Hamburger Elbphilharmonie wieder und wieder intoniert: „Auf Matrosen, ohé, einmal muss es vorbei sein.“

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