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Zum Tod des Schauspielers: Manfred Krug war unser aller Liebling

Berliner Zeitung-Logo Berliner Zeitung 27.10.2016 berliner-zeitung
Manfred Krug © picture alliance / dpa Manfred Krug

Es war  1972, als die Tante den zehnjährigen Neffen ins Kino einlud. Ein "ganz talentierter, junger Schauspieler" sollte dort zu sehen sein. Die Tante war Kommunistin, hatte zehn Jahre unter Hitler im Konzentrationslager gesessen.

Was Humor und Unterhaltung betraf, besaß sie recht strenge Ansichten. Doch der junge Mann auf der Leinwand traf offenbar genau ihren Nerv. Wie den von Millionen Menschen in der DDR.

Hochgewachsen, schlagfertig, irgendwie doch zart

Der Film "Die gestohlene Schlacht" war sicher nicht Manfred Krugs bester Film. Und dennoch sieht man hier das ganze Spektrum seiner Talente. Die Geschichte ist simpel: Der Meisterdieb Käsebier soll sich im Auftrag Friedrich II. in die belagerte Stadt Prag schleichen, um die Stadttore zu öffnen. Dafür will der König ihm die Freiheit schenken. Sagt er zumindest. Aber eigentlich will er ihn hinrichten lassen. Als Käsebier davon erfährt, trickst er seinerseits den König aus.

Der 1,90 Meter große, baumstarke Kerl tut das mit List und derb-frechem Humor, schlagfertig, stets einen witzigen Spruch auf den Lippen. Autoritäten scheren ihn nicht. Zugleich hat er sehr zarte Momente und singt  mit sanfter Stimme sein Meisterdieb-Lied, das mit der Zeile endet: "Hoch steh'n die Sterne, nimm sie dir!"

Erfolg ohne Plan

Hoch zu den Sternen wollte Manfred Krug eigentlich nie. "Alles, was ich, wenn überhaupt, geworden bin, das bin ich ohne Plan geworden", sagte er 2010, als es in seinem Leben ruhiger geworden war. Mit verblüffender Offenheit erzählte er, woher er seinen widersprüchlichen Charakter habe.

Krug wurde am 8. Februar 1937 in Duisburg geboren, als Sohn des Eisenhütten-Ingenieurs Rudolf Krug - eines Frauenhelden, der aussah wie Rudolph Valentino und sogar während der Geburt seines Sohnes mit einer anderen Frau schlief. Sein Vater ermunterte ihn, sich stets zu wehren: "Was du hast, das hast du, verteidige es gegen jeden." Über seine schöne Mutter, eine Sekretärin, sagte Krug: "Sobald sie den Mund zum Singen öffnet, liebe ich sie." Das Musikalische, das Feinfühlige und Zärtliche habe er von ihr.

"Jederzeit möchte ich was ausfressen können"

Krug spürte früh seinen inneren Widerspruch - zwischen der Sehnsucht, zu gefallen, bewundert, geliebt zu werden, und dem Drang, "ein einzelner Mensch zu sein", sich keinem unterzuordnen. "Jederzeit möchte ich was ausfressen können", sagt er. Als sein Vater 1949 mit der Familie aus dem Ruhrgebiet in die gerade gegründete DDR zog, um dort das Stahlwerk Brandenburg zu leiten, war also bereits abzusehen, dass es irgendwann krachen würde zwischen Manfred Krug und einem System, das gerade auch von Künstlern ein vorbildliches Leben und Bekenntnisse verlangte. Dennoch wäre ohne die DDR aus dem jungen Stahlwerker, der in der Abendschule sein Abitur machte, wohl kaum ein so herausragender Star geworden.

Rechtsanwalt und Kommissar

Viele Menschen, die heute um ihn trauern, wissen das nicht mehr. In der Erinnerung bleibt er den meisten vor allem als Rechtsanwalt Robert Liebling aus der TV-Serie "Liebling Kreuzberg" oder als Tatort-Kommissar Paul Stoever, den er von 1984 bis 2001 mehr als vierzig Mal verkörperte. Aus dem derb-frech Erfrischenden der ersten Jahre war längst etwas polterig Brummiges geworden. Als Kommissar hatte Krug sogar noch die eine oder andere Gesangseinlage. Doch die Zeiten, in denen er sein Talent voll ausspielen konnte, waren lange vorbei.

Jazz- und Swing-Konzerte vor kleinem Publikum

Er selbst trauerte ihnen immer wieder nach. "Ganz viele Westdeutsche wissen heute noch nicht, dass ich singe", sagte er zum Beispiel noch 2013. Das habe sich einfach nicht in die Hirne gebrannt. Seine Jazz- und Swing-Konzerte wurden im Westen nur von wenigen Menschen besucht. Auch seine Platten waren eher erfolglos, ganz anders als in der DDR, wo er als Sänger und Schauspieler gleichermaßen beliebt war.Seinen großen Aufstieg hatte er in den 60er- und 70er-Jahren. Er war offenbar zur rechten Zeit am rechten Ort. Ein so selbstbewusster, talentierter Typ aus der Arbeiterklasse kam den DDR-Oberen gerade recht. Er passte gut in das Bild vom Proletariat, das die Macht hatte. "Wir brauchen viele Krüge", soll Erich Honecker gesagt haben.

Flucht aus dem Stahlwerk

Krug selbst flüchtete vor allem aus dem Stahlwerk in die Schauspielerei. "1954 überfiel mich zum ersten Mal, dafür aber mit brachialer Gewalt, die Angst, ich könnte mein ganzes Leben in dieser Knochenmühle verbringen", erzählte er. "Kurz entschlossen bewarb ich mich an der Schauspielschule." Diese musste er zwar nach einiger Zeit "wegen disziplinarischer Schwierigkeiten" wieder verlassen. Dennoch schaffte er es als Eleve ans Berliner Ensemble und bald darauf auch zu Film und Fernsehen.Hier spielte er - ganz autobiografisch - den aufmüpfigen Stahlschmelzer, der Schauspieler werden will - die Narbe auf der Stirn stammte von einem glühenden Stahlspritzer aus dem Hochofen. Man sah ihn als Interbrigadisten im spanischen Bürgerkrieg, als betrogenen Müller Florian, der 1813 auszieht, um sein Recht einzufordern, als erzgebirgischen Volkshelden Karl Stülpner, aber auch als sozialistischen  Bürgermeister und SED-Parteisekretär. Später erklärte er: "Ich habe den Parteisekretär gespielt, der ich gern gewesen wäre, wäre das die Partei gewesen, die meine Mitarbeit gebraucht oder wenigstens ertragen hätte."

"Trocken, schlagfertig, schlau, direkt"

Schon als Schauspielschüler hatte Krug sich vorgenommen, kein Verwandlungskünstler zu sein. Er wollte so sprechen, essen, schlafen, küssen, gehen und stehen wie im wirklichen Leben. So war in seinen Filmen auch immer viel von "Manne" Krug zu erkennen: trocken, schlagfertig, schlau, direkt, manchmal aufbrausend, wenn er sich ungerecht behandelt fühlte. Und oft auch mit berührender, fürsorglicher Zärtlichkeit, wie etwa im Märchen "König Drosselbart".

Ungefähr vierzig Kino- und Fernsehfilme drehte Krug bis zu seinem Abschied von der DDR. Mit dem Komponisten Günther Fischer schrieb er Songs und spielte Alben ein, die bis heute begehrt sind. Sogar in der Komischen Oper trat er auf. Unter Walter Felsenstein spielte und sang er den Sportin' Life in George Gershwins Oper "Porgy and Bess". Hinzu kamen seine Rezitationen in der Reihe "Lyrik Jazz Prosa", die bis heute unter vielen wahren Kultstatus genießen. Man denke nur an die "Kuh im Propeller".

Er wollte gemocht werden

Großes Glück hatte er mit den Menschen, die ihm begegneten und ihn förderten, etwa dem Regisseur Frank Beyer oder seinem Freund Jurek Becker, mit dem er  in der Berliner Cantianstraße zusammen wohnte. Beyer trug viel zu seiner Entwicklung vom harmlos trällernden Komödianten zum Charakterdarsteller bei. Er gab ihm auch  jene Rolle im Film "Spur der Steine" von 1966, bei der für Krug erstmals klar wurde, wo das Selbstbewusste der Arbeiterklasse zu enden hatte.

Krug spielte den Baubrigadier Hannes Balla, der hart arbeitet, sich für seine Kumpels einsetzt, aber auch rauft, säuft und schon mal einen Volkspolizisten in den Teich wirft. So wollte die Partei die herrschende Klasse nicht dargestellt sehen. Bei den wenigen Aufführungen riefen bestellte Tumultmacher, die wohl selbst nie am Hochofen gestanden hatten: "Krug in die Produktion". Nach nur drei Tagen wurde der Film abgesetzt.

Widerstand als DDR-Star

"Heimat ist da, wo die Leute gut zu dir sind, wo man dir eine Chance gibt und keine Knüppel zwischen die Beine wirft", sagte Krug. Er wollte vor allem gemocht werden, singen und spielen, sah sich als einen von der "infantilen Sorte Mensch". Aber er steckte auch den Kopf heraus, als es um Widerspruch ging.

1976 unterschrieb er mit anderen die Protestresolution gegen die Ausbürgerung Wolf Biermanns. Im Buch "Abgehauen", das von Frank Beyer verfilmt wurde, erzählte Krug 1996, wie sich in seinem Haus Künstler und Intellektuelle - unter ihnen Christa Wolf, Stefan Heym und Heiner Müller - mit SED-Funktionären trafen und hart diskutierten. Doch keiner der Künstler lenkte ein, zog seinen  Protest zurück.

"Krieche ich zu Kreuze, bin ich kaputt"

Auch Manfred Krug nicht, obwohl er in der DDR viel zu verlieren hatte, unter anderem den Status als unangefochtener Star. Doch er erkannte seine Lage: "Krieche ich zu Kreuze, bin ich kaputt. Krieche ich nicht, macht ihr mich kaputt." Die DDR-Oberen hätten ihn ganz eindeutig als Rädelsführer behandelt, sagte der Regisseur Frank Beyer später. Sie hätten Krugs Filmprojekte gestoppt, ihm das Arbeiten unmöglich gemacht.

Als er nach sechs Monaten einen Ausreiseantrag in den Westen stellte, folgte ein Psychokrieg. Plötzlich war Krug nur noch der Bourgeois, der den Wehrdienst verweigert habe, in Saus und Braus lebe, Antiquitäten und Oldtimer sammle. Ein Schmarotzer und Vaterlandsverräter. Auch enge Freunde und Kollegen bespitzelten ihn.

Schwerer Abschied von der DDR

Keiner sei später gekommen, um sich zu erklären oder gar zu entschuldigen, sagte Krug.Später sagte er über das politische System, in dem er gelebt hatte: "Wie kann man auf der Basis des von Marx erdachten Konzeptes der größtmöglichen Gerechtigkeit, wie kann man daraus so einen Stuss zusammenschustern?"

Wie schwer ihm dennoch der Abschied von der DDR  - der "großen, grauen Nervensäge" - fiel, konnte man in einer kleinen Reportage des ZDF-Korrespondenten Dirk Sager vom Tag der Ausreise, dem 20. Juni 1977, sehen. Auf die Frage, ob er Sehnsucht nach den Menschen und dem Publikum der DDR haben werde, bejaht Krug nur kurz und dreht sich weg. Man sieht, wie nahe er den Tränen ist.

Neustart im Westen

Im Westen - er wohnte nach seiner Ausreise in Berlin-Schöneberg - begann Krug noch einmal neu. Mit ihm seine Frau Ottilie, mit der er seit 1963 verheiratet war, und seine drei Kinder. So manchen seiner Fans im Osten schmerzte es, den vielseitig talentierten Künstler plötzlich in der Sesamstraße wiederzusehen, als Kumpel von Samson.

Am Anfang habe er sich "wie ein Karpfen im Haifischteich" gefühlt, erzählte er. Die Rolle des Fernfahrers Franz Meersdonk in der Serie "Auf Achse" entsprach schon eher seinem Naturell. Und sein Freund Jurek Becker, ebenfalls aus der DDR in den Westen weggeekelt, schrieb ihm schließlich 1986 die Rolle des Rechtsanwalts Liebling auf den Leib, mit der er in Ost und West gleichermaßen populär war.

Nationalpreis der DDR und Bundesverdienstkreuz

Und so ist Manfred Krug heute einer der wenigen, die am Ende beides hatten: den Nationalpreis der DDR und das Bundesverdienstkreuz, neben lauter Goldenen Kameras, Gongs und Bambis. Obwohl es ihm um Preise nicht ging. Es ging ihm darum, verstanden zu werden. Auch mit seiner mitunter auftretenden Grantigkeit und Brummigkeit, seiner Verschlossenheit oder sogar Grobheit, wenn ihm etwa die Frage eines Journalisten gegen den Strich ging oder ihn ein Autofahrer nervte.Vieles zu diesem Verstanden-Werden haben seine Interviews und Bücher der letzten Jahre beigetragen. Denn nachdem Krug für sich entschieden hatte, dass er nicht noch weitere fünfzehn Jahre als Tatort-Kommissar "rumballern" und Fragen stellen wollte, entdeckte er das Schreiben.

Erzähler mit Spannung und Ironie

Es entstanden Bücher, die ein weiteres Talent Manfred Krugs zeigten: das zum Erzählen voller Spannung, Selbstironie und lakonischem Witz. Neben der wunderbaren Kindheits- und Jugendgeschichte "Mein schönes Leben" von 2003 entstanden so der Erzählband "Schweinegezadder" von 2008 und das "MK Bilderbuch.

Ein Sammelsurium" von 2012. Letzteres zeigte auf 340 Seiten tausend Fotos aus Krugs Privatarchiv mit kurzen, pointierten Geschichten. Eine Rezensentin schrieb, man könne dieses Buch als Lehrbeispiel nehmen für jeden, der vorhabe, sein Lebenswerk zu illustrieren.

Man erkennt, dass hinter all dem Störrischen oder Aufbrausenden auch eine Ungeduld steckte gegenüber Mittelmaß und Oberflächlichkeit. Zugleich zeigen sich eine unerwartete Sanftheit und Milde. "Mir tun sowieso zu viele Leute leid, das strengt mich an", schrieb er.

Eine rauhe Schale...

Eine raue Schale als Schutz vor zu viel Empathie? Im Interview sagte er: "Denn die Feinfühligsten, die ich kenne, leben unauffällig unter Proleten. Und ich bin selber einer." Das Rentnerdasein mit drei Enkelinnen schien er zu genießen. Er jazzte und swingte wieder, unter anderem mit seiner Tochter Fanny Krug, mit der er auch Alben aufnahm. Er erzählte, dass er über Flohmärkte gehe, Trödel kaufe, putze und repariere. "Dann fahre ich durch die Mark Brandenburg und lerne Typen kennen und Kürbisse und Waldstücke."

Neue Platte mit 77

Schon 1997 hatte Krug nach dem Tod seines Freundes Jurek Becker einen Schlaganfall erlitten und musste für mehrere Monate pausieren.  Anfang 2013 unterzog er sich einer Gallen-Operation. Auch eine Herzklappen-OP musste er über sich ergehen lassen. "Nach dem Aufwachen habe ich mich gefragt: Wer bist du? Wo bist du? Warum bist du?", erzählte er. Doch er rappelte sich wieder auf, sang in Konzerten Jazzsongs, nahm mit 77 Jahren noch eine neue Platte auf: "Auserwählt"  - mit Uschi Brüning.

Gestorben in Berlin

Nun ist Manfred Krug am 21. Oktober 2016 im Alter von 79 Jahren in Berlin gestorben. "Warten wir's ab. Vielleicht bin ich der erste Mensch, der überhaupt nicht stirbt", hatte Manfred Krug 2010 gesagt. Gegönnt hätten wir es ihm - und uns. Aber es ist leider nichts draus geworden.

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