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Fips Asmussen gestorben: Nachruf auf den Komiker

DER SPIEGEL-Logo DER SPIEGEL 11.08.2020 Arno Frank

Für die einen war Fips Asmussen das Synonym für den zotigen Wegwerfwitz. Andere schätzten die Bündigkeit und aberwitzige Schlagzahl seines Vortrags. Nachruf auf einen, der Comedian war, bevor es das Wort überhaupt gab.

© Karsten Trepte / picture-alliance / obs

Über sein Alter sagte er gerne, er kenne es nicht und sei wohl irgendwann in den Vierzigerjahren geboren, "als meine Mutter noch lebte", und das war ein richtiger Fips Asmussen. Ein Witz, der, kaum kapiert, schon vorbei ist und Platz machen muss für den nächsten Gag.

Geboren wurde Fips Asmussen als Rainer Pries 1938 in Hamburg. Nach einer Lehre als Schriftsetzer wechselte er in die Werbebranche, wo er mit Künstlern in Kontakt kam und an ihnen Gefallen fand. Er lernte Gesang und spielte dazu Gitarre. Mit Seemannsliedern ("Heimweh nach St. Pauli") oder gesungenen Persiflagen ("Ein Korn im Feldbett") schaffte er es immer mal wieder sogar in die Charts.

Erste Schritte ins Kabarett machte er in seiner eigenen Kneipe in der Ifflandstraße, "Die violette Zwiebel", eher unfreiwillig. Wenn er seine Lieder sang, erzählte er einmal, gingen die Leute aufs Klo. Wenn er Brecht oder Tucholsky rezitierte, blieben sie auf dem Weg zum Klo stehen. Wenn er Witze erzählte, blieben sie sitzen.

Und so sei er vom Gesang zum Scherzen gekommen. Die Arbeit als Alleinunterhalter in der eigenen Kneipe hängte er bald an den Nagel - die durchwachten und zeitweise auch durchzechten Nächte waren der Gesundheit abträglich.

Statt dessen verkaufte er seine Witze auf Musikkassetten, später als Langspielplatten, und ging damit auf Tournee. Mehr als 50 Tonträger füllte er mit seinen Pointen. Er gehörte damit, wie James Last, in jede gut sortierte Partykellerplattensammlung – wobei es am Anfang vor allem der Herrenabend war, für den er witzelte: "Nicht alles, was ein Loch hat, ist kaputt".

Ein Ringblock voller Witze

Sein Humor war grob, aber effektiv – für allem für Gäste, die bereits einen gewissen Alkoholpegel und den festen Willen hatten, endlich einmal unter Niveau zu lachen: "Wie nennt man einen Mann ohne Beine? Erdnüsse!". Scherze über Minderheiten mochte er sich nicht verbieten lassen, denn Minderheiten seien wir "in bestimmten Bereichen" schließlich alle.

Anders als auf den Tonträgern waren seine Witze auf der Bühne immer in alltägliche Erzählungen eingebettet, die sich möglichst bald – nach höchstens zwei Sätzen – in einer Pointe auflösten: "Geht ein Schornsteinfeger in eine Kneipe und bestellt einen Korn. Sagt der Wirt: geht aufs Haus!". Das Satiremagazin "Titanic" mutmaßte, Asmussen kenne gewiss "Millionen" Witze. Tatsächlich passte sein Repertoire in einen Ringblock.

Worüber er selbst lachen konnte, das münzte er auf das eigene Programm um – und nahm es auch nicht übel, wenn er selbst bestohlen wurde. Der Witz war für Asmussen noch so etwas wie Allmende, Kulturgut wie das Volkslied. Etwas, das vom Schulhof bis zur Kantine die Runde machen konnte.

Der Blödsinn erschien ihm unveränderlich

Er selbst blieb seiner Methode der schnellen Witze in schneller Folge über ein halbes Jahrhundert treu. So treu, dass er in späteren Jahren selbst zum Scherz wurde – oder doch "Fips Asmussen" zum Synonym für den zotigen Wegwerfwitz. Tatsächlich war er ein hart professioneller Unterhaltungskünstler, der abseits der Bühne nur ungern in seine Rolle schlüpfte. Eine Zigarre, ein Sekt vor dem Auftritt, ein stabiler Tisch – mehr brauchte er nicht.

Wer in sein Programm komme, der wolle nicht "mal sehen", der wolle lachen. Punkt. So sah er sich als Dienstleister am Zwerchfell. Ästhetische oder politische Entwicklungen, die der Humor seit den Sechzigerjahren gemacht haben mag, mussten an Fips Asmussen vorbeigehen. "Es gibt keine alten Witze oder neue Witze", sagte er einmal: "Es gibt nur Witze, die kennt man. Oder man kennt sie nicht". Und ob ein Witz funktioniert, hängt selten von seiner Tiefe ab.

Asmussen war Comedian, bevor es diese Bezeichnung überhaupt gab – und bevor dieser Beruf so lukrativ werden konnte. Für das Timing eines Mario Barth oder die Attitüde eines Markus Krebs hatte er nur professionelle Verachtung übrig. Manche Gags blieben unverändert beinahe vierzig Jahre in seinem Repertoire ("Du hast so weiche Hände … bist du arbeitslos?"), weil Blödsinn ebenso unveränderlich erscheint wie die Verhältnisse es sind, denen der Blödsinn entspringt. Bisweilen konnte er, wenn er Tucholsky und sein Gedicht "Der andere Mann" vortrug, sogar besinnlich werden. Das war der weiche Asmussen.

Ein Lemmy Kilmister des Humors

Kurioserweise erlebte er als "Kultfigur" zuletzt eine Renaissance. Rein rechnerisch und stilistisch hätte ihm das Publikum wegsterben müssen in den letzten Jahrzehnten. Asmussen aber trat bis zuletzt in vollen Häusern auf, unangefochten von moralpolitischen oder ästhetischen Einwänden gegen seine schlichte Kunst. Wer das Lachen bei Twitter gelernt hatte, wusste die Bündigkeit und aberwitzige Schlagzahl seines Vortrags wieder zu schätzen.

Dabei spielte es keine Rolle, dass sein Humor im Grunde immer auf den gleichen Knopf drückte, immer in unverändert schneller Folge. Wer ihm übel wollte, sah einen alten weißen Mann, der schlüpfrige Zoten erzählte. Wer ihm gewogener war, konnte in Fips Asmussen einen Lemmy Kilmister des Humors erkennen – und seiner phänomenalen Beharrlichkeit seinen Respekt zollen. Humor ist, wenn er weitermacht.

Nach der Wende kehrte er Hamburg den Rücken, zuletzt lebte er mit seiner Frau Barbara in Querfurt bei Halle. Dort ist er am Dienstag nach kurzer Krankheit verstorben. Fips Asmussen wurde 82 Jahre alt. 

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