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„Ballon“ : Spektakuläre DDR-Fluchtgeschichte kommt erneut in die Kinos

Berliner Zeitung-Logo Berliner Zeitung 13.09.2018 berliner-zeitung
Eine Familie sitzt am Tisch und spielt Brettspiele.: privat/Günter Wetzel © privat/Günter Wetzel privat/Günter Wetzel

Er kommt extra aus Bayern nach Berlin gereist, um ins Kino zu gehen. Günter Wetzel (63) wird sich am Donnerstagabend in den Zoo-Palast setzen, denn dort läuft die Berlin-Premiere von „Ballon“ – dem neuen Film von Michael „Bully“ Herbig (50). Wetzel weiß, dass die Zuschauer keinen Klamaukstreifen wie „Der Schuh des Manitu“ zu sehen bekommen, wie man sie sonst von Herbig erwartet.

Herbig erzählt darin, wie zwei DDR-Familien vor 39 Jahren mit einem selbst gebauten Heißluftballon in den Westen flüchten wollen. Zwei Anläufe scheiterten. Der dritte klappt. Denn die Stasi ist den Familien schon dicht auf den Fersen. So zeigt es der Film (Kinostart: 27. September), dessen Ausgang Wetzel bestens kennt. Denn die Handlung ist ein Teil seines Lebens. „Meine Frau, meine zwei Söhne und ich saßen damals in dem Ballon“, sagt er.

Undichter Stoff

Die spektakulärste Flucht aus der DDR: Sie beginnt 1978 in Pößneck in Thüringen. Dort lebt Wetzel mit seiner Familie. Er ist Maurer. Einer der Gründe für ihn, die DDR zu verlassen. „Ich wollte gerne Physik studieren. Das wurde mir aber untersagt, weil ich nicht in die SED eintreten wollte“, sagt Wetzel. Auch die mit den Wetzels befreundete Familie Strelzyk, die ebenfalls zwei Söhne hat, will raus aus dem Arbeiter-und-Bauern-Staat. Gemeinsam plant man die Flucht von acht Menschen über die nahe Grenze nach Bayern, in die Freiheit.

Ein bunter Heißluftballon. © prrivat/Günter Wetzel Ein bunter Heißluftballon.

Ein Heft über Ballonfahrer, das Wetzels Schwägerin im März 1978 aus dem Westen mitbringt, befeuert den Plan. „In einer Ledertaschenfabrik besorgen wir uns Futterstoff, den wir angeblich für den Bau von Zelten brauchten, und aus dem wir wochenlang den ersten Ballon nähten“, sagt Wetzel. Doch das Vorhaben scheitert. „Der Stoff war nicht dicht genug, der Ballon ließ sich mit Gas nicht füllen. Wir vernichteten ihn, der Fluchtversuch blieb unentdeckt.“

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Auch der zweite Versuch scheitert 

Im Sommer ’79 folgt der zweite Versuch. Günter Wetzel und Peter Strelzyk besorgen sich in einem Kaufhaus in Leipzig 1 200 Quadratmeter Taftstoff. Um nicht aufzufallen, gaben sich die Männer als Mitglieder eines Segelvereins aus. Den Stoff benötige man zur Reparatur von Segeln, erzählten sie. Zwei Wochen saßen die Männer mit ihren Frauen, um an Nähmaschinen den Ballon herzustellen. Im Keller wurde heimlich die Gondel zusammengeschweißt, in einem abgelegenen Waldstück am Brenner experimentiert.

Am 4. Juli 1979 soll die Flucht nachts stattfinden. Alles ist in dem grenznahen Wald vorbereitet. Aber die Kraft des Brenners reicht nicht aus, damit der Ballon mit den acht Flüchtenden an ausreichender Höhe gewinnt. „Wir mussten abbrechen“, sagt Wetzel. „Dazu kam, dass der Ballon noch kaputt ging. Aus Angst, dass Grenzsoldaten möglicherweise die Brenner-Flammen gesehen hatten, beschlossen wir, schnell zu verschwinden und ließen die Ballonteile im Wald zurück.“

Der Audi sorgt für Klarheit

Trotzdem wagen die Wetzels und Strelzyks den dritten Versuch. „Freiheit oder Gefängnis: Uns war klar, dass uns bald die Stasi finden wird. Wir hatten nicht einmal mehr die Zeit, davor Angst zu haben. Alles musste nun ganz schnell gehen“, sagt Wetzel. Um nicht aufzufallen, reist man nun quer durch die DDR, um in kleinen Mengen Stoff zu kaufen. In fünf Wochen nähen sie den 28 Meter hohen und 20 Meter breiten Ballon, besorgen sich Gasflaschen, bauen eine neue Gondel.

Am 16. September 1979 starten die Familien im Grenzgebiet bei Oberlemnitz in Thüringen. Doch die Flucht beginnt mit einer Katastrophe: Der Ballon fängt Feuer. Peter Strelzyk kann die Flammen löschen. Der Ballon steigt auf 2 500 Meter, als plötzlich Scheinwerfer der Grenzer aufblitzen. „Wir hatten Glück, dass der Wind günstig stand, unseren Ballon 28 Minuten durch den Himmel trug“, sagt Wetzel. Im bayerischen Naila im Landkreis Hof landen die Flüchtlinge auf einem Feld. „Wir wussten nach dem Verlassen der Gondel gar nicht, dass wir im Westen waren“, sagt Wetzel. „Erst als wir nach einem kleinen Fußmarsch einen Polizei-Audi sahen, war uns klar, wir haben es geschafft.“

Die Geschichte ist kinoreif. Hollywood verfilmt sie 1981 erstmals unter dem Titel „Mit dem Wind nach Westen“. Nun kommt Herbig mit „Ballon“. „Ich bin auf die Neuverfilmung sehr gespannt“, sagt Günter Wetzel, der bei Hof lebt, Ausbilder bei Autofirmen war, nun Rentner ist. Peter Strelzyk starb 2017 mit 74 Jahren, seine Familie lebt heute wieder in Thüringen.

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