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Dieser Animationsfilm hat den Oscar im Auge

DIE WELT-Logo DIE WELT 16.02.2017

Der Animationsfilm "Mein Leben als Zucchini" hat jede Menge Preise abgeräumt. Jetzt geht er ins Rennen um den Oscar. Dabei haben die süßen Puppen aus Harz und Silikon bittere Geschichten zu erzählen.

Augen wie Billardkugeln: "Mein leebn als Zucchini" wurde mit etwa 25 Zentimeter großen Puppen gedreht © polyband Medien GmbH Augen wie Billardkugeln: "Mein leebn als Zucchini" wurde mit etwa 25 Zentimeter großen Puppen gedreht

Denken Sie nicht an Gemüse. Zucchini hat ein Skelett aus Metall. Die Arme sind aus Silikon, der überdimensionierte Kopf ist aus Kunstharz, und die blauen Haare sind aus Latexschaum. Das Wichtigste aber sind die Augen: Sie sehen wie Billardkugeln aus, schimmern auch so und rollen in den Höhlen wie über grünen Filz.

Die Augen sind die Hauptsache in Claude Barras' Animationsfilm "Mein Leben als Zucchini". Sie haben ihm außer einer Nennung bei den Golden Globes, einer Auszeichnung als Europäischer Animationsfilm 2016 und dem Prädikat Besonders wertvoll wahrscheinlich auch die Nominierung für den Oscar als bester Animationsfilm eingetragen.

Wäre "Mein Leben als Zucchini" ein amerikanischer Film, würden diese Augen früher oder später aus den Höhlen treten oder kullern wie die Trommel einer Waschmaschine. Dazu würden sich die Silikonarme in die Länge ziehen wie Kaugummi zwischen Zeigefinger und Zahn, während das Silikonhaar silikonsteif zu Berge stünde.

"Es gibt keinen mehr, der uns liebt"

Aber "Mein Leben als Zucchini" ist ein französischer Film, entstanden unter Schweizer Beteiligung nach einem französischen Roman: Wenn er über die Stränge schlägt, dann in der Diskussion von Körperlichkeiten, bei denen womöglich, die Kinderhelden sind sich da nicht sicher, der "Schniedel explodiert".

Zucchini, der eigentlich Icare heißt, und seine Freunde sind auch sonst bedauernswert lebenserfahren. Die süßen Puppen, die Regisseur Barras im Stop-Motion-Verfahren zum Leben erweckt, sind die Vehikel einer bitteren Geschichte. Gleich die erste Szene zeigt den neunjährigen Zucchini auf dem Dachboden, wie er mit den Bierdosen der Mutter spielt. Vom Vater hat er ein Bild gemalt und lässt es als Papierdrachen steigen. Der Erzeuger ist vom Winde verweht.

Später, im Heim, potenzieren sich die Schicksale. Simon, der Rotzlöffel mit der tomatenroten Tolle, hat verbotenerweise Akteneinsicht. Seine Eltern haben "Drogen genommen, andauernd", die der anderen wurden "abgeschoben" oder sind "psychisch gestört", haben Tankstellen überfallen oder "was Widerliches mit Alice gemacht", die sich seitdem unter ihrer blonden Haarlocke versteckt. Für alle gilt: "Es gibt keinen mehr, der uns liebt."

Ein Golem aus Silikon

So wie das Süße der Puppen sich absichtsvoll mit dem Bitteren ihrer Geschichte beißt, beißt sich der traurige Realismus dieses Films mit der absoluten Künstlichkeit seiner Kulissen – den Autos wie aus dem Bastelbogen und dem Schnee wie aus dem Bastelgeschäft. Der Effekt ist verblüffend: Manchmal kann man eine wahre Geschichte eben nur mithilfe eines Drachen erzählen, den es in Wahrheit gar nicht gibt.

Der Plot von "Mein Leben als Zucchini" ist, verglichen mit der Ästhetik des Films, leider eher konventionell. Die Neue im Heim, Camille, ist eben die Neue im Heim, und ihre Tante ist noch ganz die böse Stiefmutter aus dem Märchen: Zucchini, Simon und die anderen müssen Camille vor ihr retten. Und dann ist da natürlich noch der gute Polizist, der seit seiner (bitteren) Scheidung zwei (süße) Zimmer frei hat.

Aber vielleicht ist in diesem Film ja nicht das, was geschieht, das Wichtigste, sondern das, was schlimmerweise geschehen ist. Wie lässt sich von so viel Kinderleid erzählen, ohne dass es unerträglich oder unerträglich schmierig wird? In Prag, so will es die Legende, haben sich die Juden in ihrer Not einmal aus Lehm einen Golem gebaut. "In Leben als Zucchini" ist dieser Golem aus Kunstharz, Latex und Silikon.

>>> Sehen Sie hier die Nominierungen der Oscars 2017 in allen Kategorien

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