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Mit "Mother!" auf dem Horrortrip

DIE WELT-Logo DIE WELT 14.09.2017

Schamlos abgekupfert: 50 Jahre nach "Rosemary's Baby" bringt Darren Aronofsky seinen Horrorfilm "Mother!" ins Kino. Die Hauptrolle spielt Jennifer Lawrence.

Für Feministinnen ist der Film nichts. Der Mann ist ER, also Gott, SIE ist "Mother!", also Gebärmaschine. Psychoanalytiker könnten schon eher Gefallen an der Sache finden. Immerhin gibt es eine immer aufs Neue blutende Stelle im Fußboden, die aussieht wie eine Vagina, was sicher interessante Rückschlüsse auf die seelisch-geistige Verfassung des Regisseurs erlaubt. Den Christen, die es ernst meinen, raten wir ab: zu viel Blasphemie.

Bleiben die Cineasten, die das Original kennen. Exakt fünfzig Jahre ist es her, dass Roman Polanski "Rosemary's Baby" gedreht hat, den Horrorschocker, der ihm das "C" (steht für: "Condemned") des National Catholic Office for Motion Pictures eintrug, das in diesem Film "fundamentale christliche Glaubensvorstellungen" pervertiert sah. Weil es danach in der Kinolandschaft immer wüster zuging, hat das Office seinen Laden 1980 übrigens deprimiert wieder zugemacht. Aber das nur am Rande.

Jennifer Lawrence in mother!, from Paramount Pictures and Protozoa Pictures. © Paramount Pictures/Protozoa Pictures/photo: Niko Tavernise Jennifer Lawrence in mother!, from Paramount Pictures and Protozoa Pictures.

Darren Aronofsky bedient sich schamlos bei Polanski. Auch bei ihm zieht ein kinderloses Paar (Jennifer Lawrence, Javier Bardem) in ein schönes neues Zuhause ein, in dem es auf den zweiten Blick nicht ganz geheuer ist. Auch in "Mother!" gibt es ein älteres Ehepaar (Michelle Pfeiffer, Ed Harris), das sehr schnell übergriffig wird, was SIE zunehmend unangenehm berührt, IHN allerdings nicht stört.

ER ist ein Schriftsteller mit Schreibblockade

Im Gegenteil. ER reißt jedem die Tür auf. Denn ER ist ein Schriftsteller mit schlimmer Schreibblockade, der sich von seinen Besuchern die große Inspiration erwartet, so wie sich Guy Woodhouse bei Polanski mit Satanisten einließ, weil sie ihm eine Schauspielerkarriere versprachen.

Aber leider ist Aronofsky ("Black Swan", "Noah") kein Polanski. Die Zuschauer lachen schon, wenn es zum dritten Mal an der Haustür klingelt. Und prusten vor Vergnügen, wenn ER – nachdem SIE ihm gesagt hat, dass sie schwanger ist – nackt aus dem Bett springt und ruft: "Ein Stift! Ein Stift!"

Ein Königreich für Regisseure, die nicht glauben, dass sie die besseren Drehbuchschreiber sind. Das zu "Mother!" hat Aronofsky natürlich selbst geschrieben. Im Rausch. "In fünf Tagen."

In Venedig, wo sein Film im Wettbewerb lief, gab es dafür heftige Buhs. Natürlich gab es auch Kritiker, die das Positive sehen wollten ("ein Fiebertraum, wie ihn nur ein Hieronymus Bosch hätte haben können", "ein heiliges Monster"). Die gutwillig auf die Stichworte des Regisseurs einstiegen – "ich hatte sehr viel Rage und Wut in mir, es ist einfach aus mir herausgeströmt" –, der Angst, Erderwärmung und Überbevölkerung als dunkle Inspirationsquellen seines Films anführte.

Und, natürlich, die nicht abebbende Flüchtlingswelle, die Aronofskys Sympathisanten auch prompt in dem verheerenden Ansturm auf SEIN Haus erkennen wollten; in dieser blutigen Invasion, die den Zuschauer mit Bildern von kriegsähnlichen Verhältnissen konfrontiert.

Eine ziemlich starker Cocktail? Eher ein starkes Stück

Ganz abgesehen von der Frage, ob uns der Regisseur das mit dem überaus kruden letzten Drittel wirklich sagen will, darf hier doch daran erinnert werden, dass er auch diese Idee bei Polanski geklaut hat: In "Rosemary's Baby" reisten durchgeknallte Satanisten aus der ganzen Welt an, um dem Kind in einer irren Feier zu huldigen.

Das Ende hat Aronofsky dann eher von Peter Greenaway, dessen Film "Das Wunder von Mâcon" inzwischen auch schon 25 Jahre auf dem Buckel hat, bei dem es auch irgendwie um die hysterisch aufgenommene Geburt des Erlösers ging. Spoiler sind verboten, aber wer weiß, wie die Sache bei Greenaway ausging – das war damals auch schon ganz schön degoutant –, wird sich über Aronofskys Schluss nicht wundern.

Der 48-Jährige, der inzwischen mit Jennifer Lawrence liiert ist, nennt seinen Film einen ziemlich starken Cocktail. "Das ist eine Achterbahnfahrt, und es sollten nur diejenigen einsteigen, die bereit sind, einen Looping nach dem anderen mitzumachen." Die Metapher passt. Überraschend ist nur, dass man das Kino am Ende erstaunlich ungerührt verlässt.

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