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"Österreicher haben nichts zu verlieren"

Die Presse-Logo Die Presse 16.02.2017 Samir H. Köck

Die österreichische Band Bilderbuch präsentiert heute ihr neues Opus, "Magic Life", in der Berliner Volksbühne. Die "Presse" sprach davor mit Sänger Maurice Ernst über Cloud Rap, Prince und die Unmöglichkeit von Politik im Pop.

© Bild: (c) APA/HERBERT P. OCZERET

Die Presse: Falcos Sechziger, Yung Hurns Schlagerattacke „Diamant“ und Bilderbuchs Auftritt bei der Berlinale – ganz schön viele österreichische Musiker werden derzeit in Deutschland abgefeiert. Wie erklären Sie sich das?

Maurice Ernst: Mit mehr Mut zum Verrücktsein. Österreicher haben nichts zu verlieren. Wir können viel mehr Risiko nehmen.

Auch der eher konservative Schlagersänger Andreas Gabalier ist sehr erfolgreich in Deutschland. Ein Widerspruch?

Ich kenne ihn nicht persönlich, aber ich halte nichts davon, ihn zu dämonisieren.

Setzen Sie auf die „Superfunkypartytime“, um ein Statement gegen das Erstarken des nationalen Chauvinismus zu setzen?

Ja, denn Party ist politisch in dem Sinn, als sie für Offenheit steht. Wenn ein Fan von Andreas Gabalier einmal anfängt, Bilderbuch zu mögen, dann wird ihn das auch verändern. Das ist unser Beitrag, das ist unsere Macht.

Rapper Yung Hurn postete jüngst ein gemeinsames Foto mit Ihnen. Indiz für eine zukünftige Zusammenarbeit?

Es war unser erstes echtes Treffen. Zufällig im Studio von DJ Stickle, einem gebürtigen Linzer, der in Berlin lebt. Unsere Begegnung könnte vieles bedeuten oder auch nichts. Wenn aber etwas passieren sollte, dann muss es etwas Geiles sein.

Was halten Sie überhaupt von Cloud Rap?

Dieser Sound reflektiert den Zeitgeist. Er hat Punk-Attitüde, ist aber eigentlich eine krasse Kopie eines amerikanischen Phänomens, mit Negativbotschaften und einem bewusst niedrig gehaltenen Energielevel. Die Nummer „Barry Manilow“, die wir vor vier Jahren gemacht haben, ist für mich der erste Cloud-Rap-Song in Österreich. Gut, sie war ein wenig souliger als herkömmlicher Cloud Rap, aber die Grundessenz und die Art der Verwendung von Autotune kommt genau hin.

Was für eine Rolle hat Hip-Hop ganz allgemein für die musikalische Sozialisation von Bilderbuch gespielt?

Hip-Hop kam bei uns ins Spiel, als europäischer Indie-Pop zur Einbahnstraße wurde. Aktueller Hip-Hop ödet mich aber auch an, weil er so massenhaft passiert. Für unseren Sound sind Prince und Funkadelic jedenfalls viel wesentlicher.

Kann es nach 50 Jahren Popmusik überhaupt noch etwas Neues geben?

Auf jeden Fall. Aber ich denke, die Zeit der Collagen, die Ära des Eklektizismus ist noch lang nicht vorbei. Heute geht es doch viel mehr um originelle Kombinationen als ums Herausstampfen eines neuen Genres.

Auf „Magic Life“ zitieren Bilderbuch reichlich Prince. Hat Sie sein früher Tod schockiert?

Das fuhr uns auf jeden Fall böse ein. Aber wir hätten auch ohne diesen traurigen Anlass von ihm gezehrt. Unbewusst. Wir haben seine Sachen längst verinnerlicht, oft wird uns erst im Nachhinein klar, dass gewisse Elemente eines Songs mit ihm zu tun haben. Etwa die Akkordprogressionen von „I Love Stress“, die an „Purple Rain“ erinnern.

Was war die Übungsannahme für das Manöver „Magic Life“?

Das neue Album ist viel introvertierter. Wir haben versucht, Musik ohne Ziel zu machen.

Die Songzeile „Peitsch mich Baby, ich brauch Hits“ widerspricht dem aber, oder?

Ja und nein. Der große Erfolg von „Schick Schock“ hat uns oft in Versuchung geführt. Wir mussten uns einige Male daran erinnern, dass wir zusammen sind, weil wir Musik machen. Fokussierung muss man sich immer neu erarbeiten. Mir hilft ein gewisser Stress dabei, gut zu werden.

Das neue Album klingt experimenteller. Eine bewusste Entscheidung?

Natürlich. Nichts wäre leichter gewesen, als „Schick Schock“ zu wiederholen. Man vergisst im Rausch des Erfolgs so schnell, dass man immer wieder neuen Blödsinn machen muss, um frisch zu bleiben.

Wieso heißt das Album „Magic Life“?

Ich habe lang darüber nachgedacht, was ein Schlüsselbegriff unserer Zeit sein könnte, die ja so kompliziert und polarisierend ist. Ich kam auf den Eskapismus. Magic Life, das ist der All-inclusive-Club Europa. Die Grundidee ist politisch, aber für unsere Kunst interessiert uns mehr das untergründige Gefühl, die Atmosphäre.

Das klingt vage. Es gibt ältere Pophörer, die würden sich von den Jungen mehr explizit Politisches wünschen. Ist das out?

Ja. Erlösung von außen gibt es nicht. Wenn man als Band politisch zu konkret wird, besteht die Gefahr, dass die Musik vor der Zeit altert. Meinungsmache wird ohnehin in den sozialen Medien bis zum Exzess betrieben.

Welchen Stellenwert haben soziale Medien in Ihrem Leben?

Es gibt Bilderbuch-Accounts, aber privat nutze ich sie nicht. Ich halte nichts von kompletter Transparenz. Mir gibt es nichts, wenn ich mich beim Frittatensuppenessen fotografiere und das dann auf Facebook oder Instagram stelle. Auch für Bilderbuch beanspruche ich eine gewisse Unerklärbarkeit.

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