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Robyn: Leben und Tod auf der Bettkante

ZEIT ONLINE-Logo ZEIT ONLINE 08.11.2018 Daniel Gerhardt

© picture alliance/DPR

Der schwedische Popstar Robyn hat endlich den perfekten Popsong geschrieben. Nach acht Jahren Partypause wendet sie sich mit ihrem neuen Album "Honey" vom Dancefloor ab.

Wer den perfekten Popsong schreibt, darf sich dafür auch acht Jahre Zeit lassen. Robin Carlsson hat es getan: Als vor wenigen Wochen ein neues Stück ihres Soloprojekts Robyn erschien, markierte es zugleich das erste deutlichere Lebenszeichen der Songwriterin, Sängerin und Produzentin aus Stockholm seit November 2010. Der Song mit dem sinnvollen Titel Missing U braucht nur einen gebrochenen Synthie-Akkord, Robyns einzigartige Fistelstimme und etwas Schlagzeuggedonner, um nach 45 Sekunden beim ersten seiner vier Refrains anzukommen. Eigentlich gehören aber schon die acht stillen Jahre davor zu einem Spannungsbogen, der sich so effektvoll auflöst wie nichts zuvor in ihrer effektreichen Karriere.

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Wer Missing U hört, möchte sofort eine Regenmaschine im eigenen Wohnzimmer installieren, ein Top-Gun-Remake im Garten seiner Eltern drehen oder den Keller des nächstbesten Nachbarn zur Disko für verheulte, durchtanzte Nächte ausbauen. Hauptsache, machen, egal was. Dabei leicht zu überhören: Missing U ist zwar so schön wie eine Schwalbe von Arjen Robben und so polterig wie eine Rede von Anton Hofreiter, aber kein bloßer Aktionismus mit viel Getöse und rudernden Armen. Es ist ein ziemlich cleverer Song, zweigleisig in zweierlei Hinsicht.

Zunächst einmal singt Robyn über den Tod eines Freundes und das Ende einer langjährigen, inzwischen geretteten Beziehung. Das ist schon herzzerreißend genug, gewinnt aber noch dadurch an Brisanz, dass sie genauso gut aus der Perspektive ihrer Fans über sich selbst und ihre langjährige Abwesenheit singen könnte. Auf dem Höhepunkt von persönlicher Berühmtheit und Schaffenskraft entschied Robyn im besagten November 2010, ihre Dreißiger stilvoll zu verplempern. Das Lebensjahrzehnt, in dem für gewöhnlich Karriere- und Familienweichen gestellt werden, verbrachte sie mit Nächten und Tagen im Club, gründlichem Ausschlafen sowie drei bis vier Therapiesitzungen pro Woche.

Missing U ist aber auch ein Stück, das die Lehren jener Algorithmusritter eisern befolgt, mit denen Robyn schon seit den frühen Nullerjahren nicht mehr zusammenarbeiten möchte. Jede Bewegung scheint am Lineal entlanggezogen zu sein, jedes Element mit der Stoppuhr getimt. Spotify und Co. könnten sich das Lied ihrer Träume nicht hymnischer ausmalen. Und doch gelingt es Robyn, dem Song auch einige kleinere Regelbrüche unterzujubeln. Eigenartig ungelenk phrasiert sie ihren Gesang in der zweiten Strophe, merkwürdig gedoppelt erklingt er zum Refrain – der in den letzten drei Minuten des Stücks übrigens gar nicht mehr auftaucht.

All das macht Missing U zu einem sehr guten Popsong. Perfekt wird er durch den Kontext, in den Robyn ihn mit ihrem neuen Album Honey einbettet. Missing U eröffnet dieses Album und weist zugleich in die falsche Richtung. Auf einer vergleichsweise ruhigen und verspielten Platte ist es das einzige Stück, das an den geradlinigen Dancepop anknüpft, mit dem Robyn vor ihrer langjährigen Pause zum internationalen Star aufgestiegen war. Es baut eine Brücke – die wie so viele wichtige Brücken der Popgeschichte zuvor ins Nichts führt. So stiftet man Verwirrung und löst sie gleich wieder in Wohlgefallen auf. Mehr muss Pop erst mal hinbekommen.

Robyn spielt mit dem Einstieg in ihr sechstes Album auch die wichtigsten Stationen ihrer Karriere noch einmal durch. Der unbedingt tanzbare Club-Sound, von dem sie sich nun mit Missing U verabschiedet (noch eine Deutungsebene für dieses verdammte Stück!), diente ihr einst als Mittel zur Emanzipation von den großen Hit-Generatoren ihres Heimatlandes Schweden. An der Seite von Max Martin und anderen Auftragsschreibern war Robyn Mitte der Neunzigerjahre auf der Bildfläche erschienen – mit zeitgemäßen R-’n’-B-Songs und dem zackigen Kurzhaarschnitt einer schwedischen Ein-Personen-Antwort auf die Spice Girls. Als ihr das zu langweilig wurde, fing natürlich der Ärger an.

Robyn wollte mit Synth-Pop-Weirdos wie The Knife kollaborieren, ihre Plattenfirma jedoch weiter am sexualisiert-aufmüpfigen Image des vermeintlichen Rohdiamanten schleifen. Also schmiss die Künstlerin hin, gründete ihr eigenes Label und schrieb Songs, die in der Tanzfläche den wichtigsten Ort der Welt erkannten: das Setting jeder denkbaren Zusammenkunft oder Trennung, jedes möglichen menschlichen Dramas. Diese Songs klangen zugleich schräger und eingängiger als alles, was man bisher von Robyn gehört hatte. Erfolgreicher waren sie auch. Sie hätte damit als Headliner des Coachella-Festivals auftreten können, bei einer Awardshow von MTV oder bei Saturday Night Live. Wahrscheinlich sogar alles am selben Wochenende.

Stattdessen pausierte sie und verschiebt nun mit Honey abermals die Vorzeichen. Es wird ziemlich gute Remixer brauchen, um aus dieser Platte noch einmal jene Dancefloor-Dominanz herauszuholen, die Robyn zuletzt mit dem Album Body Talk ausgestrahlt hatte. Ihre neuen Songs gönnen sich introspektive Einigelung und viel Luft zwischen den Bässen, gemächliches Tempo und Erinnerungen an die vertrödelten Morgenstunden der vergangenen Jahre. Der Universalpop von Prince und Michael Jackson soll Pate dieses Stilwechsels gewesen sein. Man könnte aber auch sagen: Honey ist Robyns Version von Schlafzimmermusik.

Wer keine Zeit zum Nachdenken hat, kann auch nicht auf dumme Gedanken kommen: So lautete lange Zeit das Credo der besten Robyn-Songs. Honey reibt einem das gleich zum Einstieg noch einmal unter die Nase, schwenkt dann jedoch um auf ein Album der großen Überlegungen und noch größeren Kunstpausen. Das funktioniert, weil Robyn auch dem Setting ihrer neuen Platte jene Superdramatik einflößt, die sie bisher in die Clubs getragen hatte. Früher ging es ihr um Leben und Tod auf der Tanzfläche. Jetzt eben auf der Bettkante. Die Fans werden nichts vermissen. Außer ein zweites Missing U.

"Honey" von Robyn ist erschienen bei Konichiwa/Embassy One.

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