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«Cro? Den würde ich auch frühstücken, dieses Bürschlein»

Der Bund-Logo Der Bund 19.06.2017 Antonie Rietzschel
«Cro? Den würde ich auch frühstücken, dieses Bürschlein» © Bereitgestellt von Der Bund «Cro? Den würde ich auch frühstücken, dieses Bürschlein»

Im Deutschrap verliert der Mann langsam seine Vormachtstellung. An Künstlerinnen wie Sookee zum Beispiel. Aber auch an Rapperinnen, die sexistischer sind als ihre Kollegen.

Deutschrap war – vorsichtig formuliert – lange männlich dominiert. Frauen waren gut für die Deko – oder Sex. Zehn Jahre lang kämpfte Rapperin und Feministin Sookee um ihren Platz zwischen Protagonisten wie Bushido oder Kollegah. Ihr aktuelles Album «Mortem & Makeup» ist ihr bisher erfolgreichstes. Sookee rappt gegen Homophobie und Rechtsextremismus. Für einige Rap-Fans bleibt sie trotzdem (oder deshalb?) eine «Fotze», die in die Küche gehört.

Der Rapper Farid Bang hat vor ein paar Monaten auf seiner Facebook-Seite geschrieben: «Frauen schlägt man nicht, es sei denn sie sind nackt !!!» Reine Provokation?

Sookee: Ich kann verstehen, wenn Jungs sagen, sie würden jede Frau genauso boxen wie sie auch Typen boxen. Aber solange es systematische Gewalt gegen Frauen gibt, gehen solche Aussagen überhaupt nicht.

Was würden Sie Farid Bang zu diesem Spruch sagen?

Ich würde nicht automatisch in Opposition gehen, sondern versuchen, ihm den Haha-Moment rauszunehmen. Ihn fragen, wo er hinschlagen würde, ob auch zwischen die Beine. Und wie – ob mit der geschlossenen Faust zum Beispiel. Ob ihn das scharf macht. Ich würde versuchen, ihn an die Grenze zu bringen in seiner eigenen Argumentation, es so zuspitzen, bis es ihm selbst weh tut.

Sie machen seit zehn Jahren Deutschrap, waren eine der ersten Frauen in einer Szene, in der es viele Machos gibt. Hat sich was verändert?

Ja klar, die Szene hat sich ziemlich ausdifferenziert. Es gibt tolle Gruppen wie Antilopengang oder Zugezogen Maskulin. Das sind Leute, die mich peilen, die ich auch peile. Und man bezieht sich durchaus aufeinander. Grim von Zugezogen Maskulin ist auf meiner Platte. Männliche Rapper bekennen sich sogar zum Feminismus, zum Beispiel Veedel Kaztro.

Kool Savas hat sogar einen Beitrag darüber geschrieben.

Aber der sagt, er sei zwar Feminist, aber nur bis zu einem bestimmten Grad – dann sei er wieder Realist. Ausserdem hat er sehr biologistisch argumentiert als er meinte, es gebe weniger Frauen im Hip-Hop, weil sie sich nicht für Technik begeistern. Kool Savas hat einfach nichts verstanden. Ich habe zehn Jahre dafür gekämpft, dass das F-Wort in dieser Szene überhaupt in den Mund genommen wird. Jetzt ist es auch dort ein umkämpfter Begriff.

Feminismus und HipHop, das geht für viele immer noch nicht zusammen, wie man unter anderem den Kommentaren unter Ihren Videos oder Interviews entnehmen kann. Wie gehen Sie damit um?

Weil ich eine Frau bin, müssen bestimmte Leute natürlich Vergewaltigungs- und Vernichtungsfantasien gegen mich haben. Sie müssen mich abwerten. Da kommt dann «Verpiss dich in die Küche, du Fotze. Du kannst mir einen blasen.» Manchmal steht da auch nur «würde», für: «Ich würde sie ficken.» Ich schaue mir das kurz an, wenn ein neues Video erscheint. Nach ein paar Tagen interessiert es mich nicht mehr.

Warum ist besonders Hip Hop so anfällig für Rape-Culture?

Ich verstehe nicht, warum man sich so auf Hip Hop fixiert. Manchmal schaue ich Schlager. Helene Fischer und Florian Silbereisen sind die Imperatoren, nicht Kollegah. Da heisst es: «Du bist meins» oder «Ich mache, was du willst». Das sind sanfte Formulierungen, die aber das gleiche meinen. Und Vergewaltigungen finden nicht unbedingt nach dem Hören eines Kollegah-Albums statt, sondern auch auf dem Oktoberfest, wo DJ Ötzi läuft.

Es geht also nicht unbedingt um Begrifflichkeiten?

Nein, sondern um das Konzept, das transportiert wird. Was ist zum Beispiel mit Cro? Der ist so clean. Das ist kein Mutterficker. Aber es lohnt sich, bei ihm mal genau hinzuhören: Zum Beispiel dieser Song «Easy». Da geht es darum, dass er eine schöne Freundin hat, er bumst sie. Als sie schwanger wird, überlegt er kurz, ob er sie erschiesst – und haut dann ab. Damit ist er berühmt geworden. Cro hat auch gesagt, dass fast alle Frauen langweilig sind.

Und dass Mädchen nicht rappen können.

Den würde ich auch frühstücken, dieses Bürschlein.

Mittlerweile gibt es mehr und mehr Frauen im Deutschrap. Macht Sie das glücklich?

Es würde mich glücklich machen, wenn die Kategorie Frauenrap irgendwann so ausdifferenziert ist, dass jeder seins macht und wir nicht nur auf das Geschlecht festgenagelt werden. Ich erwarte sehnsüchtig den Moment, ab dem ich mich nicht über jede Frau freuen muss im Rap, sondern sagen kann: Ich finde scheisse, was du redest.

In der Szene scheinen Frauen ein Stück weit von den Männern abhängig zu sein, wenn sie berühmt werden wollen. Das Hip-Hop-Duo SXTN hat in der Vergangenheit mit Frauenarzt zusammengearbeitet.

Darüber würde ich gerne mit ihnen reden. Das sind Frauen, die durchaus etwas Emanzipatives an sich haben: Sie posten Bilder von sich, wie sie kotzen – und funktionieren in dem Moment nicht mehr als Wichsvorlage. Gleichzeitig gehen sie mit Frauenarzt auf Tour. Ich würde mir eher einen Fuss absägen. Der ist für mich indiskutabel, er setzt Menschen herab. Ich meine, es ist 2017 und er rappt: «Ich hänge nur mit Fotzen ab. Playerking, du hängst nur mit schwulen Opfern ab. NoHomo.» Das könnte eine Textstelle von 2003 sein. Und mit Satire hat das nichts zu tun, denn die tritt nicht nach unten.

SXTN selbst sprechen ungern über ihre Rolle als Frauen im Hip Hop. Aus ihrer Sicht ist es kein Thema. Sie kokettieren damit, dass sie als Frauen genauso harte Texte machen wie eben Frauenarzt. Damit sind sie ziemlich erfolgreich. Wie sehen Sie das?

Ihr Track «Hass Frau» hat mich übelst mitgenommen. Darin wird Alice Schwarzer gesampelt, die einen Text von dem Rapper King Orgasmus One vorliest: «Hass Frau. Du nichts, ich Mann. Blase bis du kotzt aber kotz' auf meinen Schwanz». Das wurde schon häufig gesampelt, aber bei SXTN ist da noch diese Bridge: «Pille ins Glas, ich ficke deinen Arsch. Nächsten Tag Aua, am nächsten Tag schlauer». Ich habe versucht, den Bruch zu finden in dem Track, eine Auflösung. Aber die gibt es nicht. Ich habe Stunden gebraucht, um wieder klarzukommen. Denn hier wiederholen zwei Frauen sexistische Aussagen. Das empfinde ich als Entsolidarisierung.

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