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Sie war gern a bisserl niederträchtig

WELT-Logo WELT 30.11.2022 Manuel Brug
Christiane Hörbiger (1938-2022) Quelle: Fischer/ dpa © Fischer/ dpa Christiane Hörbiger (1938-2022) Quelle: Fischer/ dpa

Eine Zuckerbäckerlehre musste sie erst machen. Dann durfte sie Schauspielerin werden. Als süßes Mäderl, wie im Wien-Film üblich, so startete sie 17-jährig gleich 1955 an der Seite von Rudolf Prack als Mary Vetsera in „Kronprinz Rudolphs letzte Liebe“. Es muss für Christiane Hörbiger schwer gewesen sein, sich aus dem übermächtigen Schatten der Eltern auf dem gleichen Berufsweg zu befreien.

Und trotzdem, die drei Töchter des österreichischen Großschauspielerpaares Paula Wessely und Attila Hörbiger, die 1936 geborene Elisabeth, die zwei Jahre jüngere Christiane und die 1945 zur Welt gekommene Maresa, sie zog es alle zur Bühne. Maresa verschwand schon früh wieder, Elisabeth Orth machte unter anderem Namen konsequent Theaterkarriere und ist heute die Doyenne des Burgtheaters.

Es war im „deutschen Dallas“, dem „Erbe der Guldenburgs“, das gerade eben wieder in die Mediathek des ZDF gestellt wurde, wo sie sich ab 1987 vier Serienjahre lang als nach Schleswig-Holstein exilierte Österreicherin und Grafenwitwe mit gleich drei anderen starken Schauspielerinnen – Ufa-Legende Brigitte Horney (die nach zwei Staffeln starb) als Matriarchin, Iris Berben als versoffener Stieftochter und Ruth-Maria Kubitschek als depressiver Brauerei-Konkurrentin – messen musste. Und natürlich rauschte die Hörbiger als deutsche Alexis Carrington damenhaft garstig durchs TV-Ziel.

Während Senta Berger als dauerschöne Salzburgerin die TV-Schirme erleuchtete, lieferte die Wienerin Hörbiger die rotweißrote Bette Davis mit schnarrig-kaltem Ton. Eine Dame zwar, aber gern auch das rücksichtslose Luder, dem das Gift plötzlich aus dem wohlgeschminkten Mund spritzt – charmant, aber niederträchtig. Deshalb auch schenkte die ARD ihr zum 70. Geburtstag das Monster Claire Zachanassian in einer aktualisierten Fassung von Dürrenmatts „Besuch der alten Dame“.

Glänzend gemein

Ein Glanzstück aus herb und derb, grimmig und giftig, aber immer mit Zuckerguss, offerierte Christiane Hörbiger 1992 als Göring-Nichte Freya von Hepp in der einem Billy Wilder würdigen Gesellschaftssatire „Schtonk!“ von Helmut Dietl. Sie ist so gemein vulgär wie eiskalt verführerisch, wenn sie auf der Jagd nach den gefälschten Hitler-Tagebüchern dem brillantinestarren, von Schweißperlen umglitzerten Götz George als finalen Akt der Hingabe auf dem Doppelbett entgegenflötet: „Sie sind ja ein richtig, äh, schmieriger Typ!“ Und dann lässt sie die Ösen ihres Mieders beim Aufhaken wie Revolverschüsse krachen. Kein Wunder, dass später einer ihrer Filme „Die Gottesanbeterin“ hieß.

Christiane Hörbiger im Fernsehfilm „Das Märchen“, 1966 Quelle: Schweigmann/United Archives via Getty Images © Schweigmann/United Archives via Getty Images Christiane Hörbiger im Fernsehfilm „Das Märchen“, 1966 Quelle: Schweigmann/United Archives via Getty Images

Die durchaus wandelbare Hörbiger, längst eines der prägenden, vielfach preisgekrönten TV-Gesichter, sie konnte es aber auch zupackend resch und patent. So wie 63 Folgen lang von 1998 bis 2003 als Bezirksrichterin in der Serie „Julia – eine außergewöhnliche Frau“. Und selbst Degeto-Schmarren à la „Das Glück ist ein Kaktus“ veredelte sie. Sie wolle sich zurückziehen, hat Christiane Hörbiger an ihrem achtzigsten Geburtstag gesagt. Und es getan, dafür spielt jetzt in Salzburg Mavie Hörbiger, ihre Nichte zweiten Grades, den „Jedermann“-Teufel – und vielleicht nächsten Sommer auch die Buhlschaft?

In der Hörbiger-Familie ist so unendlich viel Theatertalent versammelt, seit drei Generationen, dass es einem Angst werden kann. Jetzt ist eines verglüht. In Baden bei Wien ist Christiane Hörbiger gestorben. Sie wurde 84 Jahre alt.

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